In der Hörbuchbranche tummeln sie sich zwar auch, aber nicht in erster Linie: die großen Schauspiel-Stars. Es gibt eine Menge stiller Arbeiter, die im Hintergrund wirken: Sie gehen in Archiven auf Schatzsuche und erdenken Konzepte für das vor kurzem noch Undenkbare. James Joyces „Ulysses" als Hörspiel umzusetzen, galt etwa lange als unmöglich. Viele Leser schrecken ein Leben lang davor zurück, das Mammutwerk überhaupt in die Hand zu nehmen. Dramaturg Manfred Hess und Regisseur Klaus Buhlert haben das Unmögliche gewagt, 270 Tage im Studio verbracht und ein 22-stündiges Hörspiel geschaffen. Klaus Buhlert bricht auf der Verleihung eine Lanze für das langmutige Hören: „Der Zeitgeist sagt: Kein Wortbeitrag über drei Minuten. Ich sage: Kein Wortbeitrag unter 20 Stunden."
Eine unglaubliche Arbeitsleistung steckt auch hinter der Hör-Anthologie „Erzählerstimmen – Die Bibliothek der Autoren": Ein Team um Lektorin Christiane Collorio versammelt hier Originalstimmen von 184 deutschsprachigen Erzählern. Im Kölner Sendesaal rauschen unter anderem Sigmund Freud, Alfred Döblin oder Anna Seghers über die Lautsprecher. „Das sind magische Augenblicke, die nur die Stimme vermitteln kann", sagt Christiane Collorio, „wenn etwa der 2008 verstorbene Peter Rühmkorf in Tondokumenten wieder lebendig wird." Später darf sie noch eine Lanze für den öffentlichen Rundfunk brechen: „Wir sind in Deutschland unglaublich privilegiert, die Rundfunkarchive zu haben."
Leider haben Katty Salié und Dieter Moor ihren Gästen nicht immer spannende Geschichten zu entlocken, kommen oft über die Frage „Wie sind Sie auf die Idee gekommen?" nicht hinaus. Wenn Dieter Moor nicht weiter weiß, sagt er: „Phantastisch. Ich find's so interessant!" Was man ihn nach dem zehnten Mal kaum mehr abnimmt.
So lebt die Gala von der Verve, die die Gäste selbst mitbringen. Ein Höhepunkt ist etwa der Auftritt des Berliner Kabarettisten Marc-Uew Kling, der mit unnachahmlich trockener Art einen Teil seiner urkomischen „Känguru-Chroniken" vorliest. Faszinierend auch die Performance des Schauspieler Gustav Peter Wöhler, der für Sibylle Bergs „Vielen Dank für das Leben" als bester Interpret ausgezeichnet wird. Mit seiner hohen Stimme und einem feinen Vortrag vollzieht er sprachlich die Lebensgeschichte des als Hermaphroditen geborenen Toto nach. Am Flügel begleitet wird er dabei vom musikalischen Leiter des Abends, WDR-Big-Band-Arrangeur Mike Herting, der im Interview zwar nicht mehr weiß, welches Antony-Hegarty-Stück er paraphrasiert („Man kann es überall im Internet hören…"), seine Sache aber ordentlich macht.
Dass der im Kino schon megaerfolgreiche Stoff „Ziemlich beste Freunde" am Abend auch noch den Publikumspreis Hörkules gewinnt, ergibt Sinn. Sprecher Frank Röth, der im Film den Hauptdarsteller François Cluzet synchronisiert, erklärt: „Philippe Pozzo di Borgos Buch erzählt auch die ganze Vorgeschichte. Die Filmhandlung nimmt nur etwa das letzte Drittel ein." Beim Kölner Lesefest Lit.Cologne, das mit der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises traditionell eröffnet wird, ist das übrigens nicht letzte Ehrung für „Ziemlich beste Freunde": Am Sonntag sind Philippe Pozzo di Borgo und sein Pfleger Abdel Sellou in der Oper am Dom zu Gast.