Deutsch-Polnisches Übersetzersymposium im Krakau

„Für Übersetzer ist die Sonne noch nicht aufgegangen“

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
„Die polnische Literatur hat in den letzten Jahren geglänzt“, formulierte Martin Pollack die Achtung und das Interesse polnischer Literatur auf dem deutschen Buchmarkt. Trotz positiven Entwicklungen ist die Situation der Übersetzer allerdings nach wie vor unbefriedigend, so die breite Meinung auf dem  ersten Gipfeltreffen in Krakau, das der Verleihung des Karl-Dedecius-Preises vorausging. Für Übersetzer ein fast euphorisches Verhalten.

„Übersetzen ist kein Honiglecken.“ Wenn man Martin Pollack zuhört, kann man nachdenklich werden. Pollack ist eine feste Institution in der Übersetzerbranche und Kurator des tranzyt-Programms auf der Leipziger Buchmesse. „Es gilt als ausgemacht, dass Übersetzer arme Schweine und getretene Kreaturen sind“, meint der Österreicher, der auch auf dem Podium am liebsten steht - auch wenn seine Kollegen gerade sitzen. Grund für das Lamento – das branchenunüblich mit optimistischen Tönen versetzt wurde – ist vor allem die Bezahlung.

 

Von leistungsbezogener Vergütung sei man noch meilenweit entfernt, klagten die Übersetzer vergangenen Freitag. Eine Position, die auch vom Verband der Übersetzer (VdÜ) ins Feld geführt wird – und mit Zahlen untermauert wurde: Im Schnitt verdient ein gut ausgelasteter Übersetzer nach Abzug seiner Kosten 1.000 Euro im Monat, rechnet der Verband vor.  Ohne das für Übersetzungen aus dem Polnischen hervorragende Netzwerk an Fördermitteln, Preisen, Werkstätten,  Aufenthalten und Stipendien wäre die ausgezeichnete Qualität der Übersetzungen und die große Zahl professioneller Übersetzer aus dem Nachbarland undenkbar, betonte Übersetzer und Vliegen-Lektor Benjamin Voelkel.  Rund 10 bis 12 Titel fördert etwa das Instytut Ksiazki, zentrale Anlaufstelle für Übersetzungsförderung in Polen,  ins Deutsche pro Jahr. Gestartet war das Programm im Jahr 2000, als Polen einen vielbeachteten Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse hatte.

Auch vor Gericht streitet der Verband um eine gerechte Vergütung – ein Streit, der sich schon Jahre in die Länge zieht. Dennoch herrschte Einigkeit auf dem im Goethe-Institut abgehaltenen Übersetzersymposium, dass sich die Situation in den letzten Jahren  bereits verbessert habe – zumindest auf deutscher Seite. Organisiert wurde das Übersetzertreffen vom Deutschen Polen Institut in Darmstadt in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung und dem natürlich dem Hausherren am Marktplatz in der einstigen polnischen Hauptstadt.

In Katerlaune waren hingegen die polnischen Kollegen, die dem Lied  des getretenen Übersetzers viele weitere Strophen hinzufügen konnten: Von findigen Abrechnungen der Verlage, was die Größe einer Normseite angeht  etwa, berichtete etwa Ryszard Turczyn, der letztes Jahr den von der Robert Bosch Stiftung getragenen Karl Dedecius Preis für polnische und deutsche Übersetzer entgegengenommen hatte. Doch auch hier: Beim Klagen allein blieb es keineswegs. Übersetzer und Autoren eint vor allem die Leidenschaft für das Projekt, an dem sie gerade arbeiten. Die Aussicht auf unermesslichen Reichtum hat wohl ohnehin noch niemanden das Handwerk erlernen lassen. Turczyn rief seinen Kollegen zu, nicht im Pessimismus zu versinken, sondern kreativ zu sein und die schlechten Seiten des Berufes auszuhalten. Mit der Digitalisierung und der Möglichkeit, die eigenen Übersetzungen ohne Verlag im Rücken selbst zu publizieren, sind die Verhandlungsposition der Übersetzer nämlich in den letzten Jahren gestärkt worden – und ihre publizistischen Möglichkeiten obendrein. Im Zeitalter des Projektmanagements kommt den Übersetzern, per se fantasievolle und gut vernetzte Spürhunde des Literaturbetriebs, eine neue Funktion zu. Immer mehr, so wurde im Austausch deutlich, nehmen die Verlage deren Fähigkeit als Agenten und PR-Manager dankend an – weil dafür wenn überhaupt ein Hungerlohn gezahlt wird, unkten die Pessimisten.

Trotz allem: Mit einem Blick auf die Nachbarländer Ukraine, Weißrussland oder Litauen können sich die Übersetzer, die sich für das Polnische (oder Deutsche) entschieden haben, glücklich schätzen.

Małgorzata Łukaszewicz, erfahrene Übersetzerin deutscher Literatur ins Polnische, bezeichnete dennoch die Situation der Übersetzer in ihrem Heimatland als unbefriedigend. „Es gibt etliche Preise für Literatur und Wissenschaftler. Aber für Übersetzer ist die Sonne noch nicht aufgegangen.“ Eine Chance auf Besserung sieht Łukaszewicz, wenn es gelänge, das Image der literarischen Brückenbauer aufzupolieren. Wie das funktionieren kann, wurde auf dem Podium und untereinander lebhaft diskutiert.

Martin Pollack erläuterte, weshalb es sich lohnt, als Übersetzer „seine Nerven zu strapazieren und sich für das Wagnis zu entscheiden?“ Weil es eine Herzenssache sei. Sein Plädoyer, im Verlag und der Öffentlichkeit zusätzliche Aufgaben wie Pressearbeit, die Rolle des Gutachters und Eventmanagers  zu übernehmen, wurde mit Kopfnicken quittiert. Als literarischer Spürhund, so Pollack, sollten sich die Übersetzer auch den im Ausland vergessenen Autoren zuwenden und helfen, deren Werk wiederzubeleben. Zum Beruf gehöre es dabei, stets scheitern zu müssen – nicht nur beim Übertragen eines Werkes in eine andere Sprache – sondern auch bei der Forderung der Verlage, den wirtschaftlichen Erfolg eines Werkes zu orakeln: „Für die Markteinschätzung fehlt uns das Instrumentarium. Sie ist ja sogar bei den Verlagen kaum vorhanden.“

Debattiert wurde über die Rolle der literarischen Großprojekte: Nicht wenige Übersetzer trauern der legendären Polnischen Bibliothek nach – das mit dem Suhrkamp Verlag realisierte Großprojekt war zwischen 1982 und 2000 erschienen. „Das Zeitalter der Bibliotheken ist vorbei“ kommentierte Osteuropa-Expertin Katharina Raabe (Suhrkamp Verlag). Der Markt habe sich weiter in die Breite und Tiefe entwickelt, die heutige erreichte Professionalisierung sehr zufriedenstellend. „Bibliotheken  sind Schatzhäuser, sie sind aber immer auch Särge“, machte sich Raabe für ein buntes Förderungssystem stark. Ihr polnischer Kollege Krzysztof Lisowski (Wydawnictwo Literackie) stimmte zu: Wenn nicht der Markt die Erscheinungen regle, würden Neuentdeckungen erdrückt. Aus Verlagsperspektive forderte Raabe die Teilnehmer des Symposiums auf, äußerste Sorgfalt auf die Probeübersetzungen zu legen – „sonst erweisen sie ihrem Autor einen Bärendienst“. Raabe regte an, dass die Übersetzer ihre Autoren auch stärker über das Internet, etwa über Onlinelesezirkel bekannt machen.

Wie lässt sich die Situation der Übersetzer weiter verbessern? Drei Punkte standen im Fokus der Diskussion: Ein stärkeres Augenmerk auf die Literaturzeitschriften zu heften, lohne sich in vielen Fällen, riet Martin Pollack.

Als Segen habe sich das Förderprogramm Sample Translations erwiesen, bei dem die vom Verlag standardmäßig erwarteten 20 Probeseiten bezuschusst werden.

 

Das Angebot an Stipendien sei auf deutscher Seite mittlerweile so groß, dass manche Förderungen gar nicht mehr ankämen: Zwei  Beispiele sind das Albrecht-Lempp-Stipendium oder das Paul-Celan-Stipendium – bei denen die Zahl der Bewerbungen äußerst gering war in diesem Jahr. Trotz banchenüblichem Lamento zum Trotz – ein durchaus positives Zeichen.