Deren Geschichten über Gestalten am Rand der Gesellschaft – „äußerlich abgetakelt und innerlich sehnsuchtsvoll" (Nike Wagner), fügen sich für Wagner zu einer „perfekten Soziografie der Hauptstadtgesellschaft". Die unter anderem bereits mit dem Bachmann- und dem Döblin-Preis ausgezeichnete Lange-Müller porträtiere Versehrte auf unsentimentale Weise, in der Tragik des Fiktionalen funkele immer wieder auch Komik auf. Dem Motto der französischen Romantiker, aus Tränen Perlen zu machen, könne die in der DDR Aufgewachsene trotzdem nicht nachkommen, die beschädigte Wirklichkeit ließe sich für Lange-Müller nicht mehr in Schönheit verwandeln.
Hart war auch die Wirklichkeit im Berliner Ensemble. Auf unbequemen Plastikstühlen saß die Berliner Festgemeinde, darunter die Kleist-Preisträgerin von 2001 Judith Hermann und Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius hier am Sonntagmittag, hörte neben der trefflich-ausgewogenen Laudatio Texte von Kleist und Lange-Müller, unter anderem einen (für den Anlass zu langen) Auszug aus dem gerade im Entstehen begriffenen, neuen Roman der Autorin. Von der Bühne schaute Kleist herunter, die berühmte Miniatur von Peter Friedel im Großformat, eingerahmt von hellen Neonleuchten.
In ihrer Dankesrede, die sie mit „Kleist, der Krieg und die Welt" überschrieben hatte, setzte sich Katja Lange-Müller zum Abschluss der fast dreistündigen Preisverleihung mit Kleists berühmter Erzählung „Das Erdbeben in Chili" auseinander, in dem das zum Tode verurteilte Liebespaar Jeronimo und Josephe der Vollstreckung des Todesurteils entrinnt, nur um wenig später von einer gewalttätigen Meute gelyncht zu werden. Lange-Müller beschrieb Kleist als einen, der als Kindersoldat früh den Tode gesehen haben muss, der später als Dichter die Kriege sodann nicht mehr im Feld, sondern im Kopf geführt habe.
Manche hatten da jedoch schon kapituliert und das Theater am Schiffbauerdamm vorzeitig wieder verlassen.