Independents auf der Frankfurter Buchmesse

Marketing für Vielfalt

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Independents machen die literarische Landschaft bunt und vielfältig – das gilt auch für die Frankfurter Buchmesse. Am Main gab es zudem grünes Licht für ein neues Veranstaltungs-Forum, das kommenden März in Leipzig das "Berliner Zimmer" ablösen soll.

Am Messedonnerstag, pünktlich um Fünf, tanzen die unabhängigen Verlage aus dem deutschsprachigen Raum verlässlich aus der Reihe. Die kollektive Happy-hour bringt die Gänge E, F und G flashmobartig an den Rand des Wahnsinns; in diesem Herbst gab es allerdings noch mehr Grund als sonst, einander bei toskanischem Rotwein (Wagenbach), Riesling-Brut aus den Bischöflichen Weinkellern zu Trier (zu Klampen) oder – erstmals! – Kurt-Wolff-Wein zuzuprosten: Nicht nur wartete Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Messe mit Details zum "Deutschen Buchhandelspreis" für unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen auf, der 2015 erstmals vergeben werden soll. In Frankfurt wurden auch letzte Weichen für einen neuen Auftritt der Independents zur Leipziger Buchmesse gestellt.

"Die Unabhängigen" wird das neue Forum heißen, dass ab März 2015 in Halle 5 das "Berliner Zimmer" ersetzen und, so Buchmesse-Direktor Oliver Zille, "das Herzstück des Auftritts der Independents in Leipzig" sein soll. Eine feste Adresse also nicht nur für die in der Kurt-Wolff-Stiftung assoziierten Verlage, sondern auch für die Hotlist-Aktivisten, SWIPS, die Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Privatverlage (ARGE) oder die Plattform Indiebook.de, die für Leipzig ebenfalls ihren Launch vorbereitet. Wie beim "Berliner Zimmer" wird es sich um ein kuratiertes Veranstaltungs-Forum mit gastronomischer Betreuung handeln, die Organisation übernimmt die Kurt-Wolff-Stiftung in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse.

Neben der Verleihung des Kurt-Wolff-Preises und weiteren prominenten Veranstaltungsformaten der Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wird das Forum − nomen est omen − auch dem unabhängigen Buchhandel eine Plattform geben. "Wir werden zeigen, dass Buchhandlungen Orte der Kultur sind − und nicht nur Geschäfte, in denen man neben ein paar Bleistiften auch Bücher kaufen kann", so Kurt-Wolff-Vorstand Stefan Weidle. Ein Hingucker soll das neue Forum auf jeden Fall werden: Wunschpartner für die Stand-Gestaltung sind die HGB-Absolventen Fabian Fenk und Jakob Kirch, die seit längerem das Corporate Design der Kurt-Wolff-Stiftung verantworten. "Als Messe investieren wir insgesamt in den Auftritt der Independents", so Oliver Zille. "Das neue Forum wird sie in Leipzig noch sichtbarer machen."

Die Vielfalt und Vielgestaltigkeit der Produktion unabhängiger Verlage in die Welt zu tragen – darum geht es neben dem vom Mairisch Verlag in bester Graswurzel-Tradition seit 2013 angestoßenen Indiebook Day auch dem Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung. Zur Messe wurde bereits die neunte Ausgabe von "Es geht um das Buch" vorgestellt. Der Katalog enthält wichtige aktuelle Titel und Kurzporträts von 65 deutschsprachigen Verlagen. Man könnte sicher locker noch einmal so viele vorstellen − wegen des limitierten Umfangs muss rotiert werden. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien unterstützt die Produktion des Katalogs finanziell; vertrieben wird er über KNV, Prolit und die sova. 

Weit weniger Wellen als der reichlich absurde Feuilleton-Streit um den Deutschen Buchpreis schlug im Sommerloch ein kritischer SZ-Beitrag zur Hotlist der unabhängigen Verlage – obwohl Florian Kessler unter der Überschrift "Eher lauwarm als heiß" doch die interessanteren Fragen stellte: Macht man sich bei der Hotlist, trotz nomineller Öffnung für alle Genres, mit der überproportionalen Berücksichtigung von Erzählbänden und Romanen stärker als nötig zur Bonsai-Variante des auf Massenerfolg geeichten Deutschen Buchpreises? Und: Wie wäre die literarische Welt der Indies einem großen Publikum angemessen zu vermitteln? Kann es überhaupt ein Marketing für Vielfalt geben? Über solche und andere generellen Fragen der Literatur-Vermittlung führte Kessler im Perlentaucher ein lesenswertes Streitgespräch mit Daniela Seel (Kookbooks) und Hotlist-Aktivist Axel von Ernst (Lilienfeld).

Zur sechsten Preisverleihung am Messefreitag im Frankfurter Literaturhaus spielten sie keine Rolle – oder nur indirekt: Mit "Menschen am CERN" (Lars Müller Publishers) gewann diesmal ein faszinierender Bild-Text-Band, der in keine Schublade passt. Kein Zweifel: Der 2009 auf Initiative von Blumenbar von 20 Indie-Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer Art Guerilla-Marketing aus der Taufe gehobene Hotlist-Preis ist "erwachsener", etablierter, sichtbarer geworden – doch personell und finanziell noch immer "auf Kante" genäht. Mittun ist gefragt, beileibe nicht nur beim Hotlist-Blog. Die freundlich-dezente Aufforderung Axel von Ernsts ("Wir können Hilfe und Ideen gebrauchen!") sollte deshalb auf möglichst viele offene Ohren und phantasievolle Köpfe treffen. Schließlich geht es nicht vordergründig ums Gewinnen: "Die Hotlist ist für uns alle da."