Arbeiter streiken an sechs deutschen Standorten

Amazon lässt aus Polen liefern

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Die Streiks beim Onlinehändler Amazon weiten sich aus: Seit den Morgenstunden, fünf Uhr, sind auch die Beschäftigten am Standort Koblenz dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Damit wird der Versandhändler zum ersten Mal zeitgleich an sechs Standorten bestreikt, der größte Streik in der Unternehmensgeschichte. Amazon liefert nun aus dem Ausland – vor allem aus den beiden neuen Versandzentren in Polen.

Das polnische Magizin "Bankier" titelte "Die Polen arbeiten, die Deutschen streiken" – in kommentierender Form wurde über die Streiks in Deutschland und die Situation der polnischen Arbeiter berichtet. Auch im Nachbarland sind die Arbeitsbedingungen des Konzerns nicht unumstritten, wie auch die "Rzeczpospolita" meldet: Vor allem an den niedrigen Stundenlöhnen (12,50 Zloty als Einstiegsgehalt in Breslau, umgerechnet weniger als drei Euro und damit auf einem Niveau von weniger als einem Drittel der Amazonarbeiter in Deutschland) und die Praxis, Saisonarbeiter nach dem Weihnachtsgeschäft auf die Straße zu setzen, hagelt es Kritik.

Aktuell sind nach Medieninformationen in Deutschland 10.000 Mitarbeiter fest angestellt – daneben gibt es rund 12.000 Saisonarbeiter. In den polnischen Versandzentren, deren Kapazität in den nächsten Jahren hochgefahren werden soll, sind es aktuell 3.500 feste Mitarbeiter und 2.500 Saisonkräfte. Später, wenn das dritte Versandzentrum eröffnet ist, sollen 4.500 Arbeiter festangestellt sein und 7.500 Saisonkräfte in Polen beschäftigt werden. Amazon liefert derzeit bereits aus zwei Werken (Analyse von boersenblatt.net), ab 2015 soll ein drittes Versandzentrum eröffnen.

Polnische Wirtschaftswissenschaftler kritisieren neben den Sonderkonditionen Amazons (Quasi-Steuerfreiheit in Sonderwirtschaftszonen) vor allem, dass die Jobs im Niedriglohnbereich sich eher negativ auf regionale Wirtschaft auswirken würden. Sollte Amazon eines Tages nicht nur aus dem Nachbarland liefern, sondern einen polnischen Shop eröffnen, dürfte es zu einem Aufschrei aus dem Handel kommen. Schon vorab warnte Rafał Brzoska, Inhaber des privaten Paketdienstes InPost, dass polnische Onlinehändler mit den Konditionen Amazons nicht konkurrieren und auf der Strecke bleiben würden.

In Deutschland streiken nach Informationen von Ver.di ein Teil der Arbeiter der Versandzentren in Bad Hersfeld (Hessen), Leipzig (Sachsen), Graben (Bayern), Koblenz (Rheinland-Pfalz), Rheinberg und Werne (beide NRW). Die Streiks an allen sechs Standorten sollen bis Mittwochabend andauern − bis zum Ende der Spätschicht.

Ver.di will damit den Druck auf Amazon im Kampf um einen Tarifvertrag erhöhen. An den fünf Standorten Bad Hersfeld, Leipzig, Graben, Rheinberg und Werne hatten bis Montagnachmittag laut Gewerkschaftsangaben insgesamt fast 2.300 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt.