Deutsch-israelische Geprächsreihe

"Zersprengtes zusammenfügen"

6. Mai 2015
Holger Heimann
Eine außergewöhnliche Gesprächsrunde war gestern Abend auf der Bühne des Gorki Theaters in Berlin zusammengekommen: der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, die Minsker Autorin Swetlana Alexijewitsch, der israelische Filmemacher Dani Gal und die in Berlin lebende Schriftstellerin Ursula Krechel.

Unter der Überschrift „Zersprengtes zusammenfügen" sollte in der zweiten Folge einer deutsch-israelischen Gesprächsreihe die Frage im Mittelpunkt stehen, „wie eine Gesellschaft verfasst sein muss, damit jenseits des offiziellen Erinnerns individuelle Schicksale angesprochen werden können".

Ein echtes Gespräch kam dabei nicht zu Stande, vielleicht lagen dafür die Erfahrungs- und Lebenswelten zu weit auseinander. Aber ein interessanter Abend wurde es trotzdem. Frank-Walter Steinmeier nannte die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland (deren 50jähriges Bestehen würdigt die Gesprächsreihe) ein Wunder: „Es war einfach absolut unwahrscheinlich, dass das Land der Opfer den Tätern die Hand gereicht hat."

Die Vergangenheit war ständig präsent an diesem Abend, doch auch die unfriedliche Gegenwart wurde vom Moderator, dem Journalisten Lothar Müller, in den Blick gerückt: „Die Geschichte hält sich nicht an das Motto unserer Veranstaltung", resümierte Müller düster. Steinmeier wies daraufhin Journalisten generell die Rolle von Berufspessimisten zu. In der Außenpolitik hingegen gehe es – frei nach Willy Brandt – um den illusionsfreien Versuch, friedliche Zustände zu erhalten und zu erschaffen. Doch Steinmeier räumte auch ein, dass mit dem Amt die Bescheidenheit wachse und eröffnete erstaunlich freimütig: „Wir sind oft weit davon entfernt, Zersprengtes zusammenzubringen. Bescheidenheit ist notwendig, wenn man nicht irre werden will an der eigenen Arbeit."

Der Außenminister hatte dabei vor allem den Krieg in der Ukraine, aber auch den Strom von Flüchtlingen über das Mittelmeer nach Europa im Blick. Man müsse die Ursachen für Migration beseitigen: „Wir gehen zwar von einer Situation der Aussichtslosigkeit aus, aber es gibt keine andere echte Alternative, als die Herkunfts- und Transitländer dieser Menschen zu stabilisieren." Ursula Krechel bestand trotzdem darauf, dass der Bundesrepublik eine besondere Verpflichtung zukomme: „Die deutsche Geschichte muss uns aufmerksam machen für heutige Traumata."

Als eine Erforscherin von Traumatas und eine Geschichtsschreiberin mit literarischen Mitteln könnte man Swetlana Alexijewitsch bezeichnen. In ihren Büchern (zuletzt: „Secondhand-Zeit") erkundet sie immer wieder aufs Neue die Lebenswelten von Menschen in Russland, Weißrussland und der Ukraine und dokumentiert die Verheerungen von Krieg und Gewalt.

Von der Schwierigkeit, Geschichte authentisch erfahrbar zu machen, sprach der israelische Filmemacher Dani Gal. Unser Bild der Vergangenheit werde durch unterschiedliche Medienfilter mitgeprägt. „Man trifft selten Menschen, die Erfahrungen aus erster Hand wiedergeben können", sagte er mit Blick auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Eine Möglichkeit, von der Vergangenheit zu erzählen, hat Gal in seinem Film „Wie aus der Ferne", einer szenisch-fiktiven Wiedergabe des Briefwechsels zwischen Albert Speer und Simon Wiesenthal, erprobt.

Noch ganz unter dem Eindruck von Gesprächen auf dem Maidan-Platz in Kiew war Swetlana Alexijewitsch. In der Ukraine nehme der Kommunismus erst jetzt seinen „blutigen Abgang", sagte die Autorin und kritisierte die viel zu optimistischen Träume ihrer Generation: „Wir waren verbrecherisch romantisch." Grundlage für die dokumentarische Prosa der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels sind stets Interviews mit ihren Mitmenschen, die in ihren Büchern zu einem vielstimmigen Chor werden. Ihre Arbeitsweise verglich sie so einprägsam wie trefflich mit der von Auguste Rodin. Dieser hatte seine Kunst einmal so charakterisiert: „Ich nehme ein Stück Marmor und entferne das Überflüssige."