Bachmann-Preis

Im Gespräch mit Nora Gomringer

7. Juli 2015
Holger Heimann
Die 35-jährige Nora Gomringer hat den diesjährigen Bachmannpreis gewonnen. Vorab bezeichnete sie den Wettbewerb als "Germanisten-Porno". boersenblatt.net hat sich mit der Autorin unterhalten.

Sie sind als Lyrikerin bekannt. Was hat Sie eigentlich dazu bewegt, sich auf das Abenteuer Bachmann-Wettbewerb einzulassen?

Ich habe insgesamt 20-30 Prosatexte veröffentlicht, insofern war es so fremd nicht. Aber ja, ich bin Lyrikerin, doch gerade deshalb meine ich, auch andere Formen füllen zu können. Und dieser Auftrag, als Sandra Kegel mich anrief, das war eine Ehre. Ich hatte aber durchaus Chuzpe vor der Situation und der Frage: Was ist, wenn der Text zerlegt wird?

Wie viel Kalkül ist dabei, wenn man einen Text extra für den Wettbewerb schreibt?

Für mich war da einfach nur die Vorgabe: 25 Minuten. Ich finde es schwierig, einen Text zu konstruieren, der mehr Atem hat als für 20 Zeilen. Aber es war keinerlei Kalkül dabei. Sandra Kegel hatte mich Mitte Februar angerufen und meinen ersten Text abgelehnt, den wollte sie nicht, der war ihr zu langsam in der Entwicklung. Sie sagte: "Schreib etwas Bündiges, Rundes!" Die Aufgabe habe ich erfüllt. Ich bin so, ein großer Pragmatiker.

Sie haben also einen anderen Text gelesen als ursprünglich beabsichtigt?

Der ursprüngliche Text ist einer, den ich in der Schublade habe, so etwas wie ein Romanansatz, den ich immer mal wieder zur Hand nehme. Ich hatte nach dem Anruf von Frau Kegel bis zum 11. Mai Zeit, mir was anderes ausdenken. Und zum Glück ist mir nach der Leipziger Buchmesse, während der Zugfahrt zurück nach Bamberg, etwas eingefallen.

Wird aus dem Romanansatz ein Roman?

Ich habe natürlich viele Ideen im Kopf. Man kriegt ja auch Lust, etwas Längeres zu schreiben. Nur, ich bin ja Kurzstrecke, zwar mit viel Lungenvolumen ... Aber wann sollte ich das denn machen. Also in diesem Jahr passiert da erst einmal nichts. Auf der anderen Seite, ich bin so ein Hyper-Mensch, ich arbeite ja nur. Kann schon sein, dass ich an dem Roman weiterschreibe. Aber mir nun den Klagenfurt-Text vorzunehmen, das finde ich unlauter, wenn Leute sagen, den musst du aufblähen. Das ist ein Text, der so ist, wie er ist, der hat einen Preis bekommen der glückliche Text. Ich fang doch jetzt nicht an, den Leuten zu erzählen, den habe ich konzipiert als ganz großen Wurf, da gibt es noch alle möglichen Vor- und Nachgedanken.

Sie haben den Bachmann-Wettbewerb vorab als "Germanisten-Porno" bezeichnet, Valerie Fritsch sprach gar von den "Hunger Games des Literaturbetriebs". Wie haben Sie es erlebt?

Diese auferlegte Intimität des Miteinanders im Hotel, wo sich fast alle Wettbewerbsteilnehmer jeden Morgen beim Frühstück sehen und der eine heute blass ist, weil er lesen muss, und der andere morgen blass ist, weil er schon gelesen hat, das ist berührend. Als "Hunger Games" habe ich das nicht empfunden. Wäre ich auseinandergenommen worden von der Jury, würde ich das anders betrachten. Doch ich sitze da eigentlich gerne. Das ist für mich eine Außerkörper-Erfahrung. Ich bin da über dem Ganzen, gucke mich an und denke, ach, musstest du dir die Haare unbedingt ..., na, was auch immer. Aber wäre ich alleine nach Klagenfurt gekommen, wäre ich furchtbar unglücklich gewesen und garantiert vorher abgereist, ich halte so was nicht gut aus. 

Interview: Holger Heimann