Autoren über ihre Lieblingsbuchhandlung

Herr Ömer rät nie wieder ab

Fast 30 Jahre lang hat Friedenspreisträger Navid Kermani seine deutschen Bücher in Köln bei einem türkischen Buchhändler um die Ecke gekauft. »Aus Prinzip«, wie er sagt. Jetzt ist der Eigentümer gestorben - und Kermani verneigt sich in einem »Spiegel«-Nachruf (Printausgabe) vor Herrn Ömer und dessen Buchhandlung Am Eigelsteintor in Köln. Kermani hatte die Buchhandlung 5/2012 im Börsenblatt als seine liebste vorgestellt. Diesen Artikel können Sie hier erneut lesen. 

Navid Kermani 2011 in seiner Lieblingsbuchhandlung

Navid Kermani 2011 in seiner Lieblingsbuchhandlung © Markus Lokai

Ich hoffe, die Manager, Aufsichtsräte und Aktionäre von Amazon gehören nicht zu den Lesern des Börsenblatts. Ich muss nämlich den gewünschten Text über meine Lieblingsbuchhandlung mit dem Geständnis beginnen, für die Büchersuche zwar regelmäßig, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen, die Website von Amazon zu nutzen, jedoch zum Bestellen die bibliografischen Angaben grundsätzlich in eine E-Mail zu kopieren, die ich Herrn Ömer von der Buchhandlung Eigelstein schicke.

Selbst für Bücher, die mir bekannt sind, gehe ich nicht direkt in die Buchhandlung, die nur 100 Meter von meinem Büro entfernt liegt, rufe Herrn Ömer auch nicht an, sondern ermittle zuerst bei Amazon den genauen Titel, die korrekte Schreibweise des Autors, den Verlag, die Ausgabe und natürlich den Preis. Das ist durchaus umständlich, weil ich im Büro keinen Zugang zum Internet habe. Ich muss also die Bücher, die mich interessieren, zuerst auf einen Zettel notieren, dann den Zettel nach Hause tragen, wo ich über einen Zugang verfüge, dann mich zu Hause ärgern, weil ich den Zettel meistens vergessen habe, dann eine neue Notiz erstellen, die mich daran erinnert, am nächsten Tag die ursprüngliche Notiz nicht zu vergessen, bis ich einen oder zwei oder viele Tage und Gänge später die richtige Notiz am richtigen Ort habe und Herrn Ömer meine Bestellungen maile.

Zur Erläuterung sei gesagt, dass ich in einem dieser lebensgefährlichen Viertel wohne, in denen selbst der deutsche Buchmarkt fest in türkischer Hand ist. Das bedeutet nicht, dass Herr Ömer kein Deutsch beherrscht. Nein, er beherrscht es ausgezeichnet, speziell die verschiedenen Formen der Anrede: Wann immer ich Herrn Ömer sieze, duzt er mich, und wenn ich dann irgendwann anfange, ihn ebenfalls zu duzen, wechselt er plötzlich zum Sie. Es ist eher eine mediterrane Leichtigkeit, Unbändigkeit, sagen wir ruhig Freiheit des Geistes, die ihn dazu bringt, schnöde Namen und Titel etwas nonchalant zu behandeln. Früher, als ich die Bücher noch in seinem Laden bestellte, mündlich also, hatte er daher bei der Abholung manche Überraschung parat, nicht bloß Maier statt Meier, sondern auch Hegel statt Hebel oder gar Grün statt Greene.

Seit ich Herrn Ömer die bibliografischen Angaben maile, klappt es mit den Bestellungen tadellos. Es kommt nur vor, dass sich Herr Ömer beschwert, ich hätte ein schlechtes Buch angefordert, was das denn solle. Speziell was die türkische Literatur betrifft, sind seine Meinungen entschieden. Neumodisches Zeug lehnt er ab, also mehr oder weniger alles seit Yunes Emre, der im 14. Jahrhundert starb. Wenn ich dennoch den neuen Pamuk zu bestellen wage, hält er eine Standpauke über Modeschriftsteller, die nur für den westlichen Markt schrieben. Nicht selten drückte mir Herr Ömer auch das Buch eines sozialkritischen Erzählers in die Hand, den ich stattdessen lesen müsse, und schickt mich ohne das bestellte Buch nach Haus. Wenn ein Buch zu teuer ist, versucht Herr Ömer ebenfalls, es mir auszureden, oder bedrängt mich wortreich, auf die Taschenbuchausgabe zu warten. Was er von dem Preis meines aktuellen Romans hält, muss ich wohl nicht mehr erwähnen: Unverkäuflich sei dieser, und er rate auch mir dringend ab, ihn zu erwerben.

Navid Kermani

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