Bastei Lübbe: Interview mit Carel Halff und Klaus Kluge

"Es fehlte der nüchterne Blick"

Bastei Lübbe hat im Geschäftsjahr 2017/18 und im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs rote Zahlen geschrieben. Welche Fehler gemacht wurden und welche Veränderungen Klaus Kluge und der Vorstandsvorsitzende Carel Halff anstreben, erläutern sie im Gespräch mit boersenblatt.net. INTERVIEW: CHRISTINA SCHULTE

Klaus Kluge und Carel Halff

Klaus Kluge und Carel Halff © Daniel Biskup

Sie haben in den vergangenen Monaten kräftig aufgeräumt: Nun belasten hohe Wertminderungen von 18 Millionen Euro das Ergebnis von Bastei Lübbe. Haben Sie jetzt alle "Altlasten" identifiziert, bewertet und beseitigt?
Carel Halff: Wir haben die Analyse nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt. Insofern sind wir der Meinung, dass wir Stand heute den Boden erreicht haben. Wir rechnen nicht mit weiteren Überraschungen.

Über Jahre wurde versucht, aus dem Verlag Bastei Lübbe mit teuren Neugründungen wie Oolipo einen internationalen Medienkonzern zu formen. Woran ist das gescheitert?
Halff: Objektiv betrachtet wäre das ein ungeheurer Sprung gewesen. Sie brauchen dafür eine andere Organisation, ein anderes Management und ganz andere finanzielle Mittel als dieses Haus zur Verfügung hatte. Deshalb konnte das gar nicht funktionieren.

Warum hat das niemand erkannt und die Reißleine schon früher gezogen?
Klaus Kluge: Wir sind von großer Euphorie getragen worden und die Antwort ist ganz schlicht: Es fehlte der nüchterne Blick des Finanzfachmanns. Es fehlte jemand, der sagte: Freunde, schöne Ideen − aber wird sich das am Ende rechnen?

Nun will sich Bastei Lübbe auf sein Kerngeschäft fokussieren und Beteiligungen abstoßen. Buchpartner ist schon weg. Welche Unternehmen kommen als nächstes?
Halff: Zur Debatte stehen die Digitalplattform Beam sowie der Selfpublisher Bookrix. Beam ist als Einheit einfach zu klein und schafft für dieses Unternehmen keinen strategischen Mehrwert, geschweige denn Wirtschaftlichkeit. Bookrix ist ein guter, anerkannter Selfpublisher, aber man muss nicht Anteilseigner einer solchen Firma sein, um die Möglichkeiten eines Selfpublishings in ein klassisches Verlagsgeschäft einzubinden. Wir gehen davon aus, dass wir nach der Sommerpause diese Beteiligungen veräußert haben.

Wie sieht es mit dem Spieleentwickler Daedelic aus?
Halff: Daedelic hat sich hervorragend entwickelt in einem echt interessanten Markt, der schön wächst – auch international. Mit einem Außenumsatz von unter zehn Millionen Euro ist Daedelic aber sehr klein. Daher haben wir gemeinsam mit den Gründern überlegt, wie es weitergehen kann und wollen einen M&A-Prozess starten.

Sie bauen das Portfolio kräftig zurück. Was ist Ihre gewünschte Größe für Bastei Lübbe?
Halff: Uns ist bewusst, dass Bereinigen und Einsparen nicht für die Sicherung der Zukunft ausreicht. Aber es ist im Moment wirklich erst einmal eine Riesenbaustelle und ein riesiges Paket an Aufgaben, nicht nur für die Vorstandsmitglieder, sondern auch für die Mitarbeiter und die Organisation. Deshalb wollen wir jetzt noch nicht so viel über die Zukunftsziele und den Umsatz danach sprechen, sondern erst einmal unsere Hausaugaben machen. Den Zukunftsprozess wollen wir dann wieder bottom up gemeinsam mit den Mitarbeitern erarbeiten.

Seit 1. Februar läuft das Effizienzprogramm. Wie ist der Status Quo?
Halff: Anfang September wird es einen Gesamtlenkungsausschuss geben. Dort werden alle Themen und Handlungsvorschläge besprochen. Viele dieser Empfehlungen sind sehr tiefgreifend, einige wurden schon im Konsens mit den Mitarbeitern verabschiedet und werden umgesetzt. Manches muss noch diskutiert werden. Andere gute Ideen bedürfen auch einer IT-mäßigen Umsetzung. Bis alles soweit ist, wird es sicher noch ein paar Monate dauern.

Kluge: Es ist  schon beeindruckend, mit welcher Kreativität und auch mit welchem Mut zur Selbstkritik die Mitarbeiter an die Dinge herangegangen sind. Sie haben sich zum Teil morgens um sieben Uhr hier eingefunden, weil sie ihre Aufgabe darin sehen, dieses Haus in eine gute Zukunft zu führen.

So ein Restrukturierungsprogramm, bei dem 25 Mitarbeiter gehen mussten, sorgt doch auch für große Unruhe und Unsicherheit…
Halff: Natürlich waren die Mitarbeiter zumindest vorübergehend sehr angespannt. Ich denke, das ist normal und das kann man nicht anders erwarten. Es ist ja nicht nur für die Betroffenen sehr hart, sondern auch für die Kollegen.

… und es kündigen dann auch Kolleginnen und Kollegen, die man eigentlich behalten möchte.
Kluge: Das ist sehr bedauerlich und man spricht gemeinsam über  die Gründe, warum sich jemand zum Weggang entschließt. Aber: Wir haben starke Persönlichkeiten im Unternehmen. In ihrem Schatten stehen dann oft Mitarbeiter, die man bislang nicht wirklich wahrgenommen hat. Nachwuchskräfte, die jetzt die Chance erhalten, ihre Talente zu entfalten.

Was sparen Sie durch die Restrukturierung ein?
Halff: Im Personalbereich reden wir über eine Größenordnung von einer Million Euro. Dieser Betrag wird noch zunehmen, weil wir die natürliche Fluktuation ausnützen wollen. Auch die Marketingspendings unterziehen wir einer genauen Kontrolle. Es ist ja immer die Frage, wieviel Geld wir für online-, offline- und Social-Media-Marketing ausgeben. Wir setzen zudem neue Schwerpunkte, die einen höheren Effizienzgrad haben und die Gesamtaufwände reduzieren. Das ist ein vergleichbarer Betrag.

Bei welcher Rendite wollen Sie herauskommen?
Halff: In unserer Branche kommen gern die Leute zu Wort, die kein Geld verdienen. Es gibt aber sehr viele, die sehr gutes Geld verdienen (lacht). Das sieht man, wenn man sich Auszüge aus den Unternehmensregistern anschaut. Anhand derer vergleiche ich, wo denn die Latte liegt. Wir halten für uns eine Rendite von sechs bis acht Prozent erreichbar. Das ist ehrgeizig, aber das ist nicht rocket science. Damit bewegen wir uns auf einem guten Niveau.

Was werden Sie, Herr Kluge, bei Programm und Marketing anders machen?
Kluge: Wir schauen uns genauer als bisher die Erwartungen der Kunden an. Damit geht einher, dass wir uns noch schärfer fokussieren. Die Kernbereiche identifizieren, für die wir stehen, die Randbereiche kritisch betrachten. Wir sehen, wie teils drastisch sich die Märkte ändern und fragen uns, wie wir unsere Zielgruppen noch besser erreichen. Wir haben viele junge Leute bei uns, die ihr Metier verstehen, sich sicher auf Facebook und Instagram bewegen, Content- und Performance-Marketing beherrschen. Auf der anderen Seite ist es hilfreich, auf die Expertise eines Handelsmanagers zurückgreifen zu können. Carel Halff weiß aus langjähriger Erfahrung, wie der Handel tickt. Vorteil für uns, dass wir jetzt nicht mehr nur mit dem Blick des Herstellers arbeiten.

Ändert sich etwas für die Buchhändler?
Kluge: Wir pflegen eine langjährige, gute und auch kritische Zusammenarbeit mit dem Buchhandel, gleich in welcher Größenordnung. Und wir freuen uns, wenn immer mehr Buchhändler aktiv daran mitwirken, eine oft verloren geglaubte junge Generation zum gedruckten Buch zurückzuholen. Das zeigt uns der Erfolg unserer Verlagslabels LYX und Community Editions auf wirklich beeindruckende Weise.

Herr Halff, Sie sind jetzt seit rund zehn Monaten Chef von Bastei Lübbe. Ihr Resümee?
Halff: Die wichtigste Veränderung ist die im Kopf, diese Veränderung hat das Haus jetzt gemacht. Darüber bin ich sehr froh.

Kluge: Vor gut zwei Jahren wurde uns bewusst, dass wir mit manch unserer innovativen Aktivitäten auf dem falschen Weg sind. Das belastet einen als Verantwortlichen schon sehr. Umso wichtiger, dass wir jetzt wieder Grund unter den Füßen spüren. Entscheidend dabei: nicht ein einziger unserer Autoren hat das Vertrauen in seinen Verlag verloren, hat sich eine neue Heimat gesucht. Das rechne ich uns allen zu, das macht Mut und motiviert sehr.

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1 Kommentar/e

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  • kok

    kok

    Es tut einfach nur weh, was Lübbe aus der wundervollen Plattform Beam gemacht hat. Als Ein-Mann-Unternehmen hatte Beam damals eine treue Fangemeinde. Selfpublisher haben Beam als Alternative zu Amazon genutzt. Durch die Einfachheit und Schnelligkeit waren begeisterte Leser dort Kunden, weil sie die Neuerscheinungen ihrer Autoren immer schon 1-2 Tage früher kaufen konnten als bei Amazon selbst. Ein erstaunlicher Vorteil! Und dann kam Lübbe und hat den Laden in Grund und Boden gestampft. Erst wurden die Selfpublisher verprellt, weil man sich als Verlag ja lieber als Bewahrer der alten Ordnung gesehen hat - oder was auch immer der Grund war. Mit ihnen sind die engagierten Leser gegangen. Seit Jahren bekommt es der Service nicht hin, zeitnah und kompetent auf Probleme zu reagieren, die es vorher nicht gab. Zigfach wurde der Laden umfirmiert. Und nun, da sie alles kaputtgemacht haben, stoßen sie diese einst so geniale Plattform wieder ab. Tja, was ein engagierter Einzelkaufmann schafft, muss einem Konzern noch längst nicht gelingen. Da hat jemand das "Neuland" nicht verstanden und ist zurecht krachend gescheitert. Besonders verwunderlich ist für mich, dass man aber auch nach so langer Zeit wohl lieber zum Altbewährten zurückkehrt, anstatt sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Vielleicht stirbt ja das Buch doch noch aus ...

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