Buchmarkt in Kuba

Insel der Leser

Kuba öffnet sich: Zur 25. Buchmesse in Havanna ist erstmals eine Delegation von US-Verlegern angereist, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Die heimische Branche leidet nach wie vor unter Produktionsengpässen und Zensur. HOLGER HEIMANN

Die Einfahrt zum alten Hafen von Havanna wird von zwei Festungen gesäumt. Sie sollten die Stadt dereinst sicherer machen. Die Mühe aber war umsonst. Die Befestigungsanlagen wurden überrannt. Ein dritter Schutzwall musste her: die Fortaleza de San Carlos de la Cabaña ist eine gigantische Festung mit wuchtigen Mauern, hohen Türmen und massiven Kanonen. Noch heute wird jeden Morgen aus einer von ihnen geschossen und so eine Tradition gepflegt. Ansonsten erinnert nichts an alte Zeiten. Die Burg wurde umgewidmet und beherbergt einmal im Jahr eine der wohl stimmungsvollsten Buchmessen Lateinamerikas, womöglich sogar der Welt. Im Abstand von zehn Metern geben breite Öffnungen in den Mauern den Weg frei zu Bücherständen in weiß gestrichenen Gewölben. Alljährlich im Februar machen sich Hunderttausende Kubaner auf den Weg zur Festung. „Leer es crecer“  – „Lesen heißt wachsen“ – das ist die Losung der Messe, sie prangt überall an Infoständen auf dem Gelände der Burg. Kubas Wirtschaft liegt zwar darnieder, aber auf ihr Bildungssystem sind die Kubaner noch immer stolz – und das zu Recht. Nirgendwo sonst in Lateinamerika und der Karibik ist der Lesehunger so groß. Es gehört zu den bleibenden Errungenschaften der Revolution, dass die Menschen auf der Karibikinsel allesamt lesen und schreiben können, die Alphabetisierungsrate liegt bei 99,8 Prozent.

Zum 25. Mal wird die Messe in diesem Jahr abgehalten (11. – 21. Februar). Wurden die Bücher früher im Abstand von zwei Jahren in Havanna gezeigt (danach werden sie traditionell im ganzen Land präsentiert), so mittlerweile im Jahresrhythmus; seit 15 Jahren dient die Festung als Ausstellungsort. Ein Geschäftsplatz wie Frankfurt ist auch die 25. Feria Internacional del Libro de La Habana nicht: Die Messe gleicht eher einem riesigen Volksfest. Der Übersetzer Orestes Sandoval verlangt mehr Konzentration auf die Bücher und würde die Händler, denen Plakate mit dem Konterfei von Fußballidolen wie Lionel Messi und Christiano Ronaldo aus den Händen gerissen werden, am liebsten vom Messegelände fernhalten.

Vor allem vor den Toren der Burg geht es tatsächlich zu wie auf einem Rummel: Laute Musik schallt über die Wiesen, an Ständen wird gebraten und gegrillt, Kinder können auf Pferden reiten und Karussell fahren. Doch der Volksfestcharakter gehört zum Konzept der Messeleitung. Die Angebote für Kinder würden es deren Eltern erlauben, sich ungestört den Büchern zu widmen, erklärt die agile und energiegeladene Messedirektorin Zuleica Romay. In einer Runde mit Verlegern aus Lateinamerika sagt sie überdies: „Es ist sinnlos, in unserer Zeit kontrollieren zu wollen, was gelesen und gehört wird. Das ist vorbei. Die Kubaner halten sich zu viel damit auf, über die Veränderungen zu diskutieren. Die Jungen aber hören schon lange nicht mehr zu, ihnen geht es zu langsam.“ Um die enttäuschte Jugend im Land zu halten, müsse man Anreize schaffen.

Dazu gehört, dass die Zusammenarbeit mit Verlagen aus dem Ausland intensiviert werden soll. Erstmals war jetzt eine Delegation US-amerikanischer Verleger auf der Messe in Havanna. Zwar erlaubt das immer noch bestehende Embargo keine Wirtschaftsbeziehungen, aber dass sich dies ändert, scheint unter den Verlegern ausgemacht, und so diskutierten beide Seiten über Möglichkeiten künftiger Zusammenarbeit. Die Erwartungen sind groß, aber auf kubanischer Seite auch die Sorge, vom großen Nachbarn im Norden vereinnahmt zu werden. "Die Menschen haben Angst, dass die USA sie einfach überrollen", sagt Romay.

Die Frankfurter Buchmesse ist, anders als die Verleger aus New York, nicht erst jetzt in Havanna präsent. Sie organisiert seit den 80er Jahren in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft in Havanna und dem Goethe-Institut einen deutschen Gemeinschaftsstand innerhalb der Festungsmauern, mitfinanziert durch das Auswärtige Amt. Gezeigt wird in diesem Jahr eine Kollektion, die einen Überblick über die aktuelle Produktion vermittelt: die Finalisten des Deutschen Buchpreises, Wörterbücher und Lernhilfen, Kinderbücher, moderne Klassiker, einige der Titel, die als schönste Bücher prämiert wurden; hinzu kommen Architekturbände und eine Abteilung überschrieben mit "Cerveza" – "Bier" – , deutsches Brauchtum eben. Zu den Ausstellern zählen die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Ibero-Amerikanische Institut. Einige der ausgestellten Titel gibt es in spanischen Übersetzungen: Enzensberger, der einmal in Kuba gelebt hat, ist ohnehin bekannt auf der Insel, die "Blechtrommel" von Grass, aber auch Biografien von Safranski über Schiller und Schopenhauer; auch Jenny Erpenbeck, Uwe Tellkamp und Saša Stanišič kann man auf Spanisch lesen – und überdies den Roman von Svenja Leiber, »Das letzte Land«, der in die norddeutsche Provinz zu Beginn des 20. Jahrhundert führt und den die Berliner Autorin, die mit ihrer Familie nach Kuba gekommen war, in Havanna vorstellte. Es sind zumeist Ausgaben, die bei spanischen Verlagen, wie Tusquets oder Alfaguara, erschienen sind – von der Frankfurter Buchmesse angekauft, verbleiben sie am Ende als Geschenk an die Leser in Kuba.

Denn die Bücher aus Übersee sind für Kubaner kaum erschwinglich. 500 Pesos beträgt ein durchschnittliches Monatsgehalt, umgerechnet in die vor zehn Jahren eingeführte zweite Währung, die gegen Euro oder Dollar getauscht werden kann, sind das 20 CUC, die wiederum 20 Euro entsprechen. Ein ausländisches Buch kostet so gesehen also ein Monatsgehalt. Die Titel, die bei kubanischen Verlagen erscheinen, sind hingegen deutlich preiswerter, wenn auch nicht billig. Für 15 bis 20 Pesos ist ein Buch aus kubanischer Produktion zu haben. Möglich ist das nur, weil die Verlage vom Staat subventioniert werden. Aber die Subventionen werden mehr und mehr zurückgeschraubt, ohne dass zugleich ausreichend andere Finanzierungsmöglichkeiten für die Verlage existieren. "Wir befinden uns in einer Entwicklungskrise und müssen neue Wege einschlagen", sagt Romay. Die Verlage sollen eigenverantwortlich wirtschaften, Subventionen nur dazu dienen, diese Entwicklung zu unterstützen. Doch es ist ein Lernprozess unter schwierigen Umständen.

"Die 15 Pesos, die der Leser zahlt, reichen nicht aus, um das nächste Buch zu veröffentlichen", sagt denn auch der Schriftsteller Arturo Arango. Die Folge ist eine Knappheit, die auf der Messe zu besichtigen ist (und erst recht in den Buchhandlungen im Land). Selbst die Regale von namhaften kubanischen Verlagen wie Ediciones Unión, Editorial Letras Cubanas, Editorial Arte y Literatura und Fondo Editorial Casa de las Américas sind nur spärlich bestückt. "Wir erwarten morgen eine neue Lieferung", sagt eine Mitarbeiterin von Editorial Letras Cubanas entschuldigend.

Der Lyriker David Curbelo, der für das Rahmenprogramm der Messe zuständig ist, zu dem neben Lesungen und Veranstaltungen zum diesjährigen Gastland Uruguay auch ein Kolloquium über Reformen des kubanischen Wirtschaftsmodells und ein anderes über Möglichkeiten für ausländische Investoren gehört, wird deutlicher: "Die Verlage hatten große Produktionsprobleme. Es gibt schlichtweg kein Papier. Aber es beschränkt sich nicht darauf." Kuba müsse alles importieren, was mit der Buchproduktion zu tun habe, erklärt er, Papier, Tinte, Computer. „Es gab den Versuch, das Papier hier selbst zu produzieren, in Zusammenarbeit mit Frankreich. Aber es hat nicht funktioniert. Das Papier hatte nicht die nötige Qualität." Manchmal habe man Papier, aber dann fehle die Tinte. So entstehe eine Kette von Problemen. „Darunter leiden die Schriftsteller, die Verlage, das Publikum“, räumt Curbelo mit bemerkenswerter Offenheit ein – wie überhaupt kaum jemand die eklatanten und offensichtlichen Mängel, die für die Wirtschaft des Landes kennzeichnend sind, leugnet. Curbelo versucht wie andere auch, das Beste aus dem Wenigen zu machen. Aber er sagt auch: "Leider können wir die Messe nicht verschieben. Die Bücher kommen nacheinander – je nachdem, wie die Verlage in der Lage sind, die Titel zur Messe zu transportieren. Morgen wird es mehr geben, übermorgen noch mehr."

Und tatsächlich erreichen am nächsten Tag neue Bücherpakete die Stände. Bei Arte y Literatura erscheint Orwells "1984"; zu Beginn der 60er Jahre, die durch größere Freiheiten geprägt waren, gab es schon einmal eine Ausgabe des Klassikers, danach verschwand das Buch aus der kubanischen Öffentlichkeit. Dass es jetzt wieder zu haben ist, lässt sich durchaus als Ausdruck einer größeren Offenheit lesen. „Die Spielräume sind größer geworden“, sagt denn auch Orestes Sandoval, der Übersetzer von Heiner Müller und Hans Christoph Buch. Aber jeder Kubaner wisse auch, wo die Grenzen sind: Systemkritik ist nach wie vor verboten. Immerhin gibt es mittlerweile auch einzelne private Verlage in Kuba. Der unabhängige Verleger Rolando Estévez Jordán will im Herbst sogar in Frankfurt ausstellen.

Buchmarkt Kuba

In Kuba gibt es:

  • 313 Buchhandlungen in insgesamt 169 Städten (das heißt, in jeder Stadt durchschnittlich zwei Buchhandlungen),
  • 50 weitere Buchhandlungen, die nur in der Parallel-währung CUC verkaufen,
  • private Buchhändler, die mindestens fünf Jahre alte Bücher verkaufen,
  • 170 registrierte Verlage – darunter außer den mehrheitlich staatlich konzessionierten auch eine private Verlage,
  • 300 Bibliotheken,
  • 10000 Schulbibliotheken.

In Kuba

  • liegt das Kinderbuch bei den Leserzahlen weit vorne,
  • liegen die Spitzenauflagen bei 50000 Exemplaren,
  • die durchschnittliche Auflage beträgt 1000 – 3000 Exemplare,
  • lesen 70 Prozent der Bevölkerung digital.

  • Kuba zahlt keine Tantiemen an Verlage und Autoren aus dem Ausland.

Die Internationale Buchmesse Havanna hat

  • Aussteller aus 37 Ländern,
  • pro Tag 50 000 Besucher.

Quelle: Instituto Cubano del Libro  / Feria Internacional del Libro de La Habana

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