Die Lage der Selfpublishing-Anbieter

Neue Wege zum Leser

Es ist ein erstaunliches Phänomen: Die Zahl der Leser sinkt, es werden aber immer mehr Buchmanuskripte veröffentlicht, insbesondere in Eigenregie. Selfpublishing-Anbieter sind dennoch optimistisch. Sie glauben an den dynamischen Markt und daran, dass neue Leser gewonnen werden können. SABINE SCHMIDT

Ziel für Selfpublisher: die Stände der Print-on-Demand-Dienstleister auf der Leipziger Buchmesse

Ziel für Selfpublisher: die Stände der Print-on-Demand-Dienstleister auf der Leipziger Buchmesse © Monique Wüstenhagen

Papier ist geduldig, der Laptop erst recht – und so wird geschrieben, was das Zeug hält. Aber längst nicht mehr heimlich für die Schublade, vielmehr werden immer mehr Manuskripte veröffentlicht, und die Urheber nehmen das selbst in die Hand. "Die Titelproduktion im Selfpublishing-Bereich wächst weiterhin zweistellig", resümiert Gerd Robertz, Sprecher der Geschäftsführung von BoD – Books on Demand.

Gerd Robertz

Gerd Robertz © BoD

"Ende 2017 war bereits jede dritte Erstauflage selbst verlegt", fährt er fort. Der Anteil von BoD ist dabei hoch: "Die Hälfte der im Buchhandel gelisteten selbst verlegten Neuerscheinungen veröffentlichen Autoren über uns." Krimis und Fantasy zum Beispiel. Aber auch brandaktuelle Wirtschaftstitel, mit denen Autoren selbst auf den Markt gehen, um nicht auf die Veröffentlichung durch einen Verlag warten zu müssen.

Seit 20 Jahren ist BoD am Markt. Nach Information der Libri-Tochter aus Norderstedt sind mehr als 80.000 ihrer Titel aktuell im gesamten Buchhandel verfügbar, dazu kommen über 60.000 lieferbare E-Books. "Insgesamt veröffentlichen mehr als 40.000 Autoren ihre Bücher mit uns", so Robertz.

Nicht nur die Zahl der Titel steige. "Es werden auch mehr selbst verlegte Bücher gekauft. 2017 haben wir erstmals mehr als fünf Millionen Euro Autorenmargen ausgegeben." Die Zahl bestätigt zwar, dass Selfpublishing längst nicht für alle lukrativ ist. Sie sei dennoch bedeutsam: Sie zeige, dass der Markt nicht nur auf der Autoren-, sondern auch auf der Leserseite in Bewegung ist.

BoD ist gut im Geschäft, am häufigsten nutzen Selfpublisher, insbesondere die erfolgreichen, aber sicherlich Amazon KDP (Kindle Direct Publishing), auch wenn das Unternehmen keine Zahlen nennt. Hier verdienen Autoren nicht allein über den Verkauf von Titeln, sondern ebenfalls über die E-Book-Flatrate Kindle Unlimited.

Zuletzt gab es allerdings Gesprächs­bedarf. Matthias Matting, der mit seinem Blog selfpublisherbibel.de nah am Geschehen ist, hat zum Beispiel gefragt, welche Ursachen es haben könnte, dass die Kindle-Unlimited-Quoten fallen. Und es kursierte die Frage, ob Amazon Selfpublisher verliere.

"Diese Entwicklung sehen wir nicht", betont Amazon-Pressereferentin Irmi Keis. "Kindle Unlimited und Prime Reading entwickeln sich sehr positiv. Allein im Jahr 2017 erwirtschafteten unabhängige Publisher und Autoren global mehr als 220 Millionen US-Dollar an Tantiemen dank ihrer Teilnahme an Kindle Unlimited. Im Januar dieses Jahres ist die monatliche Ausschüttung sogar auf über 20 Millionen US-Dollar gestiegen."

Die Zahlen sprechen für sich, der Markt ist längst aus den Kinderschuhen heraus, auch wenn die Kritik an ihm dieselbe geblieben ist wie zu Beginn. Vor allem Qualität – oder genauer, fehlende Qualität – ist hier im Fokus: Selbst verlegte Titel durchlaufen nicht die strenge Qualitätskontrolle durch Verlage, heißt es nach wie vor.

Sönke Schulz

Sönke Schulz © tredition

"Aber auch die Verlagsauslese funk­tioniert längst nicht immer", hält Sönke Schulz dagegen, Geschäftsführer des Selfpublishing-Anbieters Tredition. J. K. Rowling zum Beispiel: Ihr "Harry Potter" sei von etlichen Verlagen abgelehnt worden. Zudem erinnert Schulz an das Jahr 2006, als die "FAZ" nach Worst­sellern fragte. "Auch renommierte Häuser meldeten Flops, sogar Neuerscheinungen, deren Verkaufszahlen im einstelligen Bereich blieben."

Die Umfrage war der Auslöser für die Gründung von Tredition, erklärt Schulz. "Wenn Verlage mit ihrer Expertise keine Erfolgsgaranten sind, kann man es auch auf eigene Faust versuchen." Mit mehr als 55.000 Titeln haben Selfpublisher ihn beim Wort genommen. Dabei sind auch Unternehmen, Zeitungsverlage vor allem, die unter ihrem eigenen Namen, aber mit Unterstützung des Hamburger Anbieters einzelne Titel oder ganze Buchreihen herausgeben.

(Hobby-)­Autoren finden an Selfpublishing-­Anbietern unter anderem attraktiv, dass sie keine teuren Druckkostenzuschüsse zahlen müssen. Wenn gedruckt wird, dann "on demand", und die Einstiegs­kos­ten sind überschaubar. Oder es fallen keine an, wie bei tolino media, der Selfpublishing-Plattform von Tolino. Andere Hürden gebe es auch nicht, damit wirbt die Website. "Publizieren Sie schnell und einfach Ihr E-Book in nur drei Schritten", heißt es dort: schreiben, hochladen – und schon sei das Buch "in den Onlineshops der großen deutschen Buchhändler wie Thalia, Weltbild, Hugendubel und vielen mehr".

Bei epubli, der Holtzbrinck-Tochter, die seit 2008 am Start ist, fallen ebenfalls keine Einstiegskosten an. Auf dieser Plattform haben Selfpublisher bis jetzt über 20.000 Print-Veröffentlichungen hochgeladen, mehr als eine Million Bücher wurden nach Auskunft des Unternehmens gedruckt.

Kostenlos ist auch die Veröffent­lichung bei der epubli-Schwester Neobooks. Sie wurde 2010 von Droemer-Knaur als Plattform für junge Talente gegründet, die Verlagsanbindung suchen. Themenschwerpunkte sind hier vor allem Fantasy und Romance.

Inzwischen können Autoren E-Books dort veröffentlichen, aber auch weiterhin davon träumen, Selfpublishing hinter sich zu lassen und einen Verlag zu finden, oder als "Hybridautoren" in beiden Welten unterwegs sein. Droemer-Knaur, Ullstein, Kiepenheuer & Witsch und Carlsen gehören neben anderen zu den Unternehmen, die mit Neobooks zusammenarbeiten. "250 Autoren konnten wir bis jetzt an Verlage vermitteln", so Sebastian Stude.

Sebastian Stude

Sebastian Stude © Lars Poeck

Er ist COO von Neopubli, dem Unternehmen, unter dessen Dach epubli und Neobooks seit 2017 in Berlin zusammengeführt sind. "Wegen der unterschiedlichen Zielgruppen werden sie als getrennte Marken bestehen bleiben", erklärt er. "Auf der technischen Ebene führen wir sie aber zusammen."

Auch BookRix verbindet die Selfpub­lishing- mit der Verlagswelt: 2008 gründete Gunnar Siewert die Onlinecommunity, 2014 übernahm Bastei Lübbe die Mehrheit. "Rund 700.000 Nutzer sind hier registriert", sagt er: vor allem Vielleser, denen Autoren ihre Texte kos­tenlos zur Verfügung stellen oder zu einem niedrigen Preis. Oft liegt er bei 2,99 Euro pro Buch, und BookRix kann mit einer lebhaften Community sowie dem engen Kontakt zwischen Autoren und Lesern punkten.

Gunnar Siewert

Gunnar Siewert © Sabine Gassner

"Themenschwerpunkte sind Romance, Fantasy und Crime", so Geschäftsführer Siewert. "Serien spielen eine große Rolle, und Autoren, die erfolgreich sein wollen, sollten etwa alle drei Monate mit einem neuen Band
herauskommen." Das sind in der Regel E-Books.

"Wenn aber etwa Selfpublisher für Lesungen in den Buchhandel gehen, wird gedruckt. Wir kooperieren mit BoD."

Nicht für alle, aber für einige Self­publisher ist ein Verlag immer noch das große Ziel, und manchmal klappt es mit Bastei Lübbe. Aber auch BookRix unterstützt Autoren, die hohe Verkaufs- und Lesezahlen haben, mit klassischen Verlagsleistungen, zum Beispiel mit einem kostenlosen Lektorat.

Seien es BoD, KDP, BookRix, Tredition, Neobooks, epubli oder weitere Anbieter – sie haben sich in dem noch jungen Selfpublishing-Markt etabliert. Jetzt geht es insbesondere darum, die Sichtbarkeit zu steigern – und damit die Erlöse. Für die Anbieter, die ihren Umsatz vor allem mit Provisionen erwirtschaften, bleibt damit die Frage nach der Qualität ein wichtiges Thema, wobei Qualität hier vor allem heißt: gut verkäuflich.

An einem Punkt ist dabei nicht zu rütteln: Wenn (Hobby-)Autoren veröffentlichen können, was sie wollen, sind auch schlechte Texte dabei, die Bandbreite ist insgesamt höher als im Verlagsbereich. "Die Qualität hat sich aber beim Selfpublishing deutlich verbessert", sagt Gerd Robertz. BoD etwa bietet auch Dienste an, die Autoren zu­buchen können, wie ein Lektorat oder Schreibworkshops und Weiterbildungsseminare – und nicht nur die Anbieter, auch die Autoren seien an Qualität interessiert. "Laut unserer Studie aus dem Jahr 2016 investieren vor allem die Autoren, die den Anspruch haben, ein größeres Publikum zu erreichen, in die Qualität ihrer Werke. Aber auch Hobbyautoren wollen sich als leidenschaftliche Schreiber weiterentwickeln und besser werden."

Zudem gibt es bereits verschiedene Preise, mit denen die Besten unter ihnen ausgezeichnet werden sollen. Auch das trägt dazu bei, den Selfpublishing-Markt zu professionalisieren.

Der Erfolg selbst verlegter Titel gründet aber nicht (nur) auf der Qualität bzw. Marktfähigkeit der Texte, sondern insbesondere auf den Selbstvermarktungsfähigkeiten der Autoren. Soziale Medien sind ein wichtiger Faktor, ebenso aber auch der stationäre Buchhandel, der sich allmählich dem Selfpublishing-Markt öffnet, insbesondere über Lesungen. Das zeigt eine Umfrage, die BoD 2016 gemeinsam mit dem Fachblatt "Buch­report" unternommen hat.

"Vor allem Titel mit regionalen Verbindungen funktionieren gut über den Buchhandel, vorneweg die Regio-Krimis. Letztlich gehen aber alle Genres", weiß Gerd Robertz – wenn der Autor ein gutes Thema hat, schreiben kann und mit seinem Auftritt zu überzeugen weiß. BoD ist hier auch in eigener Sache unterwegs und bietet Buchhandlungen Veranstaltungen zu einem Thema an, das auf großes Interesse stoße: dem Selfpublishing.

Weil der stationäre Handel insbesondere für ambitionierte Autoren eine Rolle spielt, ist er für Anbieter wie BoD oder Tredition wichtig, und sie bemühen sich längst darum, dass ihre Titel über Barsortimente erhältlich sind. "Nicht nur gute Konditionen für den Handel sind ein Anliegen für uns, ebenso Lese­exemplare für Buchhändler oder Ansichtsexemplare für Kunden", sagt Sönke Schulz für Tredition. "Sie sind im Print-on-Demand-Bereich nicht so selbstverständlich wie im klassischen Verlagsbereich. Aber auch dafür suchen wir Wege, ebenso für Remissionen."

Die große Herausforderung für Buchhändler bleibt allerdings, in der Angebotsfülle die für sie richtigen Titel zu finden. Bestsellerlisten können hier Orientierung bieten, wie sie BoD für seine Bücher anbietet. Ebenso empfiehlt das Unternehmen Buchhändlern Titel über das Barsortiment und verstärkt den direkten Kontakt, um vor allem auf spannende regionale Literatur hinzuweisen.

Dennoch führt kein Weg daran vorbei, dass letztlich die Akteure gefragt sind. Selfpublisher müssen den Weg zu ihren Lesern suchen und zu den Buchhändlern. Die wiederum müssen Interesse an einem Markt haben, der un­übersichtlich ist, aber auch spannend sein kann und – nicht immer, aber immer öfter – Umsatz bringt.

Mehr noch: Selfpublisher belebten den Markt und könnten zurückgehenden Leserzahlen etwas entgegen­setzen, meint Sönke Schulz. "Dass selbst verlegte Bücher nicht unbedingt in Verlagsraster passen, kann auch heißen, dass sie frisch und anders sind, und über sie neue Leser gewonnen werden können."

Plattformen für Selfpublisher (Auswahl)

  • BoD Books on Demand
    Geschäftsführer: Gerd Robertz
  • BookRix (Bastei Lübbe)
    Geschäftsführer: Gunnar Siewert
  • epubli (Neopubli GmbH)
  • Neobooks (Neopubli GmbH)
    Geschäftsführer Neopubli: Florian Geuppert
  • tolino media
    Geschäftsführer: Maximilian Hugendubel
  • Tredition
    Geschäftsführer: Sönke Schulz
  • Twentysix (Random House, in Kooperation mit BoD Books on Demand)

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1 Kommentar/e

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  • Kai Blum

    Kai Blum

    Die Vorurteile im Einzelhandel sind jedoch noch enorm. Da wird einerseits auf die Online-Konkurrenz geschimpft, aber andererseits bleibt den selbstverlegenden Autoren nichts weiter übrig, als ihre Bücher bei Amazon & Co anzubieten. Da hilft es auch nichts, wenn ein Buch professionell lektoriert und gestaltet wurde sowie ausgezeichnete Rezensionen erhalten hat.

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