Die Sonntagsfrage

"Hat Crowdfunding jetzt Ihren Verlag gerettet, Herr Engelmann?"

Der Ventil Verlag hat gerade in Rekordzeit 15.000 Euro per Crowdfunding eingesammelt. Wie der Mainzer Verlag das geschafft hat und wofür das Geld eingesetzt werden soll, erklärt Jonas Engelmann, einer der fünf Verleger des Kollektivbetriebs.

Jonas Engelmann, ventil verlag

Jonas Engelmann, ventil verlag © Ramon Haindl

Kleine Nischenverlage wie der Ventil Verlag müssen ohnehin recht genau kalkulieren und mit wenig Geld jonglieren, um den Betrieb am Laufen zu halten. Als klar war, dass 2017 mit der Rückzahlung der Gelder an die VG Wort und die VG Bild-Kunst nicht nur zusätzliche Ausgaben auf uns zukommen würden, mussten wir uns irgendetwas einfallen lassen, um die Schieflage abzufedern. Mitarbeiter zu entlassen wäre nicht infrage gekommen, da wir ja ohnehin alle Eigentümer des Verlags sind und bei uns sowieso schon sparen, wo es geht, und auf Buchprojekte zu verzichten, wie es andere Verlag in ähnlicher Lage entschieden haben, erschien uns auch nicht der richtige Weg, da gerade die Vielfalt des Programms und Titel, die nicht zwangsläufig auf kommerziellen Erfolg angelegt sind, unseren Verlag ausmachen. Und so kam die Idee, einen Teil der Produktionskosten für das Herbstprogramm, unter anderem eine teure Übersetzung aus dem Englischen, über Crowdfunding abzufedern.

Von der Idee bis zum Start ist fast ein halbes Jahr vergangen, die Vorbereitung, die neben der alltäglichen Verlagsarbeit erledigt werden musste, ist nicht zu unterschätzen: Gespräche und Mails mit Freundinnen und Freunden des Verlags, um die Dankeschöns zusammenzutragen, das Einspeisen des Projekts in die Seite der Crowdfunding-Plattform, Dreh und Schnitt des Videos… Es war viel Arbeit, aber der Erfolg der Aktion wiegt die zusätzliche Arbeit auf.

Ich selbst habe zuletzt den Umzug des wohl schönsten Comic-Ladens in Hamburg unterstützt, das „Strips & Stories“, die nun in neuen Räumen mehr Möglichkeiten haben, auch Veranstaltungen durchzuführen, auch, wie schon in der Vergangenheit, mit Ventil-Autoren.

Das Geld aus der Crowdfunding-Aktion fließt direkt in die anstehenden Projekte, in die Übersetzung des neuen Buches von Simon Reynolds, „Glam“, in ein Buch über die osteuropäische Punkszene vor dem Mauerfall, zwei vegene Kochbücher, eine neue Ausgabe des Magazins „testcard“ … Also in all die Themen, für die wir von unseren Fans geschätzt werden, weil es keinen anderen Verlag gibt, der diese Nischen in solcher Weise bedient. Dass wir bislang ohne eine solche Aktion ausgekommen sind, liegt an der Struktur des Verlags: Als er vor 20 Jahren gegründet wurde, hat noch niemand ernsthaft daran gedacht, damit irgendwann Geld zu verdienen. Aber wie es eben so ist, kam mit der Zeit die Professionalisierung – auch wenn wir daran nach wie vor arbeiten – und damit auch die Abhängigkeit der Mitarbeiter von den Umsätzen. Deswegen haut eine Zahlungsaufforderung wie die der VG Wort von fast 20.000 Euro die komplette Planung durcheinander, und ganz ohne Vergütung können wir auch nicht arbeiten, auch wenn wir das phasenweise immer mal wieder tun, weil der Verlag ein Herzensprojekt ist.

Eine neue Crowdfunding-Aktion in dieser Form ist trotz des Erfolgs nicht geplant, wir haben unser Ziel erreicht, das Herbstprogramm abgesichert und etwas Ruhe in die Finanzplanung gebracht, ab jetzt läuft wieder alles wie zuvor. Vielleicht werden wir, da wir ja nun wissen, wie es funktioniert, das ein oder andere Buchprojekt in Zukunft auf diese Weise querfinanzieren, aber konkrete Pläne gibt es noch nicht. Wäre das Crowdfunding nicht erfolgreich gewesen, hätte es den Verlag zwar weiterhin gegeben, aber das Programm wäre wohl im nächsten Jahr etwas dünner ausgefallen, weil wir zum einen auf riskante Projekte verzichtet hätten und zum anderen wir als Mitarbeiter mehr Geld anderswo hätten verdienen müssen, was wiederum weniger Zeit für den Verlag bedeutet hätte. Nun bleibt alles wie man es kennt, und wir veröffentlichen weiterhin  unsere finanziell nicht immer lukrativen Bücher für die Nische – die gar nicht so klein ist, wie die Solidarität beim Corwdfundiing uns demonstriert hat.

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