Die Sonntagsfrage

"Was bringt Kindern das Vorlesen im ersten Lebensjahr, Frau Hoffmann?"

Ein gutes Drittel der befragten Eltern weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist, um mit dem Vorlesen anzufangen, so das Ergebnis der Vorlesestudie 2017. Schon in den ersten zwölf Monaten sollte das Vorlesen zum kindlichen Alltag gehören, weiß die Stiftung Lesen. Warum das so ist und mit welchen Büchern man starten kann, erklärt die Kinderbuchexpertin und Leseforscherin Gabriele Hoffmann.

Gabriele Hoffmann

Gabriele Hoffmann © Maikammer

Kinder kommen lesefähig auf die Welt, sie lesen mit ihren 5 Sinnesorganen aus dem Chaos ihrer Wahrnehmung die Bedeutungen, die sie begreifen wollen. Schon mit 8 / 9 Monaten können diese kleinen "Wunderwesen" 4 Sinnesorgane ausschalten und nur mit ihrem Optiksinn Abbildungen in geeigneten Büchern lesen: Ideal ist Helmut Spanners "Erste Bilder - Erste Wörter". Er bildet die Gegenstände perspektivisch und in ihrer sinnlichen Erscheinung so ab, dass Kinder auf ihren Vieren zum Obstkorb flitzen, um die Banane zu holen und vorführen, dass sie gelesen haben. 95 % der Pappebilderbücher sind dazu nicht geeignet: da findet sich im Extremfall z.B. ein grauer Fleck und die Erwachsenen lesen vor: Bratpfanne - es ist aber nur ein grauer Fleck - also lesen die Erwachsenen für das Kind und seine Wahrnehmung "falsch" vor - was für ein Unsinn...besser, erstmal beobachten, was das Kind erkennen kann.

Beim Vorlesen erfahren Kinder Zuwendung und das ist für sie so kostbar, dass sie sogar "falsches" Vorlesen begeistert begrüßen - Bücher werden sie aber dann nicht wirklich mögen. Ich denke, deshalb finden viele Kinder, dass Bücher "lügen" - ihre Eltern können das ganz sicher gar nicht. Beim Vorlesen muss man sich Zeit nehmen, die Kinder genau beobachten und mit ihnen gemeinsam in den Büchern lesen: damit hat man zwei Fliegen mit einer Klappe: Zuwendung und richtiges Lesen - klappt in den ersten 12 Monaten mit Helmut Spanner sicher, bei anderen Illustratoren muss man noch genauer hinschauen.

Auch Tast- und Spielbücher sind seht geeignet. Aber Tastspiele brauchen reale Gegenstände, wie zum Beispiel "10 kleine Krabbelfinger" (Kösel). Klappen sollten für die Fingerchen geeignet sein...was ich auch sehr schätze, sind die "Hör mal" - Tonmodul-Bücher von Carlsen. 

Zu früh mit dem Vorlesen beginnen - das geht nicht. Und aufhören sollte man nie! Ich liebe es noch immer, wenn mein Mann mir etwas vorliest - egal ob aus der Zeitung, aus Kinderbüchern (im Moment vor allem Erwin Moser) oder auch "große" Texte. Es gab einmal einen wunderbaren Werbespruch (für Pitralon Haarwasser): es ist selten zu früh und nie zu spät...mit dem zu früh, das hatten wir oben, ansonsten viel Freude miteinander!

Gabriele Hoffmann, die von 1980 bis 2014 die Kinderbuchhandlung "Leanders Leseladen" in Mannheim und Heidelberg geführt hat, ist Gründerin von Leseleben, einem Verein zur Förderung der Sprach- und Lesekultur bei Kindern. Dort empfiehlt sie Bücher, die das Lesen, Sprechen und Verstehen bei Kindern und Jugendlichen fördern. 

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