Frankfurter Buchmesse

Den Leser zurückgewinnen

Mit „Doors“ hat Droemer Knaur ein mehrteiliges Buchprojekt nach dem Vorbild moderner Videoserien in den Handel gebracht, Holtzbrinck will mit dem Lesekreiseportal zusammen-lesen.de eine Brücke in den Handel schlagen. Im Gespräch mit dem Börsenblatt diskutierten die Veranwortlichen am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse darüber, ob und wie sich Leser für den Handel zurückgewinnen lassen. KAI MüHLECK

Juliane Reichwein und Michael Roesler-Graichen

Juliane Reichwein und Michael Roesler-Graichen © Kai Mühleck

Natalja Schmidt

Natalja Schmidt © Kai Mühleck

„Es gibt nicht weniger Leser, sondern weniger Buchkäufer. Viele haben abends im Bett statt dem Buch noch ihr Smartphone in der Hand“, sagt Juliane Reichwein mit Blick auf die Käuferstudie des Börsenvereins. Sie ist bei Holtzbrinck ePublishing für die Entwicklung digitaler Geschäftsfelder zuständig. Auch Knaur-Programmleiterin Natalja Schmidt kann an sich selbst beobachten, wie sich die Liebe zu modernen Serien und der Smartphonegebrauch auf das bislang gewohnte Leseverhalten auswirkt.

Vor etwas mehr als einem Jahr ist der Knaur Verlag an Fantasyautor Markus Heitz herangetreten mit der Idee, aus den gewohnten Schreibverfahren und Buchprojekten auszubrechen. Im Fokus: Serielles Erzählen à la Netflix. „Die Frage war dabei, wie wir neue Lesergeneration erreichen können, für die Instagram viel wichtiger ist als Feuilletons“, sagt Knaur-Programmleiterin Natalja Schmidt. Dabei habe man nicht nur ein einmaliges Leuchtfeuer abfackeln wollen, sondern von Anfang an das Ziel vor Augen gehabt, im Verlag auch für weitere Projekte lernen zu wollen. „Markus hat einen Piloten von 80 Seiten geschrieben – mehr Thriller als Fantasy“, berichtet Schmidt. Ausgangssituation: Eine Gruppe Geologen will ein Mädchen retten. In einer Höhle stoßen sie auf drei Türen – welche werden sie öffnen? Den Piloten gab es nicht nur kostenlos im Netz – „wir haben 10.000 Exemplare in den Handel gebracht und über Kooperationspartner wie Elbenwald und eine Musikzeitschrift gestreut“, erklärt Schmidt. Leser, die Blut geleckt haben, konnten nun die Bücher kaufen. „Drei Bücher mit drei Geschichten, von denen man entweder nur eine lesen kann,  zwei oder alle drei und das in beliebiger Reihenfolge - aber am Ende erhält man immer eine abgeschlossene Geschichte“, sagt Schmidt zum Konzept. Vom Bahnhofsbuchhandel habe der Verlag gelernt, dass der Pilot unbedingt in jedem der Printnachfolger enthalten sein müsse, „um keine Barriere aufzubauen“, so Schmidt. Knaur ließ sich überzeugen. „Wir planen für Doors  eine zweite Staffel für das nächste Jahr, bei der die Leser abstimmen können, welche Art von Welt sie hinter den Türen erwartet“, ließ sich die Knaur-Programmleiterin von Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen entlocken.

Juliane Reichwein berichtet über die ersten Erfahrungen der vor rund drei Monaten gelaunchten Plattform zusammen-lesen.de. Dort können sich Literaturkreise registrieren und werden mit Informationen zu Büchern und Autoren versorgt – vornehmlich natürlich der Holtzbrinckverlage, wie Reichwein offen einräumt – außerdem können die Leser Titel direkt bestellen „und zwar dort, wo sie wollen, egal ob das ein Onlinehändler ist oder der lokale Buchhandel“. Bewusst habe Holtzbrinck darum den Buchhandelsfinder eingebaut. „Literaturkreise sind vor allem analog unterwegs“, beschreibt Reichwein die buchhandelstreue Zielgruppe von Viellesern.

Auch den Sortimentern stehe es offen, ihre Lesekreise anzumelden, sinnvollerweise dort, wo neue Gruppen gegründet werden. „Vor allem Stadtteilbuchhandlungen kommen auf uns zu“, sagt Reichwein. Sie schätzt die Zahl der Lesekreise in Deutschland insgesamt auf rund 25.000. Mit mehreren Hundert habe Holtzbrinck Kontakt, „fünf bis zehn Lesekreise pro Woche registrieren sich bei uns“, sagt sie. Im Gespräch mit Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen stellte sie auf der Börsenvereinsbühne in Halle 3.1. klar, dass man ebenfalls mit weiteren Verlagen im Gespräch sei. „Wir werden gemeinsam mit dem Zielpublikum zusammen-lesen.de sinnvoll ausbauen“, deutet Reichwein an. In einem Jahr, macht sie deutlich, werde die Seite wohl ganz anders aussehen als heute. Auf diesen Ausbau wolle sie sich konzentrieren „und nicht einfach ein neues Projekt starten“, sagt Reichwein.

Beiden Leuchtturmprojekten ist gemein, dass sie nicht von der bereits zitierten Käuferstudie des Börsenvereins angestoßen wurden. „Die Mühlen im Verlag mahlen oft langsam“, gesteht Natalja Schmidt. Eins steht fest: Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser ist nicht abgeschlossen, sondern hat für viele Verlage gerade erst so richtig begonnen.

 

 

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