Helmut Rötzsch im Alter von 93 Jahren verstorben

Große Verdienste für Buchhandel und Verlage

Am 28. März 2017 verstarb in Leipzig der langjährige Generaldirektor der Deutschen Bücherei Leipzig, Helmut Rötzsch, im Alter von 93 Jahren. Ein Nachruf. KLAUS G. SAUR

Helmut Rötzsch

Helmut Rötzsch © Gaby Waldek

Helmut Rötzsch war der Sohn eines Eisenbahnarbeiters in Leipzig. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Buchhändler bei Koehler & Volckmar in Leipzig, ab 1945 gemeinsam mit Jürgen Voerster, dem späteren Chef des Hauses Koehler & Volckmar.

Von 1942 bis 1945 war Rötzsch Soldat der Wehrmacht und bis 1946 in Kriegsgefangenschaft. 1946 trat er in die SED ein, studierte an der Universität Leipzig und wurde Diplom-Gesellschaftswissenschaftler, ab 1950 bei der Deutschen Bücherei zunächst als Kaderleiter, dann ab 1953 als Stellvertretender Hauptdirektor.

1961 wurde er als Nachfolger von Curt Fleischhack zunächst Hauptdirektor, ein Titel, der später in Generaldirektor umgewandelt wurde; Rötzsch blieb dies bis 1991. Aufgrund der besonderen Stellung der Deutschen Bücherei als Gesamtarchiv des deutschsprachigen Schrifttums baute er enge Kontakte sowohl zum Börsenverein in Frankfurt/Main wie zu der Deutschen Bibliothek und zu den Verlegern aus der Bundesrepublik auf.

Von 1953 bis in die 90er Jahre war er regelmäßiger Gast auf der Frankfurter Buchmesse und hatte dabei die besten Kontakte zu den Ausstellern aus der Bundesrepublik. Er hat viele Verlage unterstützt, und in zahlreichen Fällen war es nur durch seine Mitwirkung möglich, dass Verlage beispielsweise historisch retrospektive Verlagsbibliographien erstellen konnten oder Reprintvorlagen bekamen für notwendige Nachdrucke und vieles mehr. Sein Kontakt zu Günther Pflug und Klaus-Dieter Lehmann, den Generaldirektoren der Deutschen Bibliothek in den 70er und 80er Jahren, war bestens.

1991, im Alter von 68 Jahren wurde Rötzsch als Generaldirektor verabschiedet im Rahmen einer geradezu denkwürdigen Veranstaltung in der Deutschen Bücherei. Klaus-Dieter Lehmann, gewissermaßen sein Nachfolger als nun Generaldirektor der Gesamtdeutschen Bücherei und Deutschen Bibliothek, machte deutlich, welch große Leistungen Helmut Rötzsch vollbracht hat indem er die Bausubstanz der Deutschen Bücherei in Leipzig erhalten hat; indem er eine liberale Ausleihpolitik ermöglichte, die in keiner anderen Bibliothek in der DDR auch nur denkbar gewesen wäre; indem er zahlreichen Mitarbeitern, die nicht in der Partei waren, Westreisen und Westkontakte ermöglichte. Zu DDR-Zeiten war er immer Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig und Herausgeber der einzigen großen Schriftenreihe, die zur Buchgeschichte in der DDR erschien. Ab 1991 wurde er Korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt und blieb dies bis zu seinem Tode.

1962 wurde ihm im Rahmen des 80-Jahres-Jubiläums der Deutschen Bücherei die Plakette "Dem Förderer des deutschen Buches" überreicht. Der deutsche Buchhandel und das gesamte Bibliothekswesen haben Helmut Rötzsch Vieles zu verdanken.

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5 Kommentar/e

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  • Christian Horn

    Christian Horn

    Sehr geehrter Herr Professor Saur,

    das Verhältnis von Professor Rötzsch zu den historischen Umständen seiner Zeit war sicherlich vielschichtiger, als Sie es beschreiben. Ihr Nachruf legt durch Auslassung nahe, Professor Rötzsch hätte sich jenseits der menschenverachtenden Mechanismen des DDR-Staates durch sein Berufsleben bewegt. Ich denke, Ihr Nachruf hätte zumindest die Rolle von Professor Rötzsch auch als IM der Staatssicherheit erwähnen müssen.

    Diese Anmerkung soll nicht die von Ihnen herausgestellten Verdienste von Professor Rötzsch schmälern. Allerdings irritiert mich die Einseitigkeit, mit der Sie Geschichte schreiben, und die kommenden Generationen, die vielleicht aus Geschichte lernen möchten, nicht hilft.

    Als ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek habe ich im Zuge der Erarbeitung einer Publikation zum 100-Jahr-Jubiläum der DNB Gespräche mit Professor Rötzsch zur Geschichte der Institution und über sein Leben geführt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christian Horn

  • Dieter Kleeberg

    Dieter Kleeberg

    Sehr geehrter Herr Horn,
    auch wenn Sie eine DNB-Publikation erarbeitet und Gespräche mit Prof. Rötzsch geführt haben, kennen Sie ihn nicht wirklich, sonst hätten Sie sich diesen Kommentar verkniffen.
    In dieser exponierten Position (Prof. Rötzsch war einer der wenigen Generaldirektoren, die direkt an den Kulturminister berichten mussten) waren IM-Verflechtungen nicht außergewöhnlich. Entscheidend ist jedoch, was Prof. Rötzsch daraus gemacht hat: Entgegen der Forderungen und Gepflogenheiten der Stasi und der SED setzte er Bibliotheksmitarbeiter nach ihren Fähigkeiten und nicht ihrem Parteibuch ein und hielt an Mitarbeitern auch dann fest, wenn ihre Kinder Republikflucht begingen oder dabei scheiterten. Als es nach 1990 möglich wurde, die Stasiakten einzusehen, gab es keinen Mitarbeiter, der sich über eine Bespitzelung durch Prof. Rötzsch beklagen musste.
    Dieter Kleeberg, Sohn eines ehemaligen wissenschaftlichen Sachkatalog-Mitarbeiters, der kein SED-Parteibuch hatte

  • Michael Rabold

    Michael Rabold

    Den Beiträgen von Herrn Prof. Saur und Herrn Kleeberg sowie den diversen Nachrufen außerhalb dieses Forums stimme ich vollumfänglich zu. Allerdings finde ich es sehr schade, dass Professor Rötzsch nun leider nicht mehr persönlich die- ich denke schon gerechte Einschätzung- seiner MfS-Mitarbeit erfährt. Bereits vor etwa 10 Jahren machte ein mir Unbekannter in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) in einem Leserbrief auf die MfS-Vergangenheit von Rötzsch aufmerksam und dann wurde vor etwa 5 Jahren nochmals ein großer Artikel diesbezüglich in der LVZ veröffentlicht. Ich bedauere sehr, dass ich damals nicht meine Meinung äußerte. Wir Nachkriegsgeborenen sollten vorsichtig sein bei der Beurteilung vor allem von Menschen, welche den entsetzlichen, traumatischen Krieg erlebt haben und danach ihren Weg entweder im Osten oder Westen Deutschlands finden mussten. Auch Professor Rötzsch war davon geprägt. In seiner herausragenden Position in der Deutschen Bücherei musste er den Pakt mit dem Teufel eingehen, aber er selbst wurde nicht zum Teufel, das ist das Entscheidende. Ich als Mitarbeiter der Deutschen Bücherei seit 1979 kann das nur bestätigen. Im Rahmen einer beantragten und dann letztlich doch noch erfolgten Westreise im Mai 1988, zu der man zuerst die Genehmigung des Generaldirektors einholen musste, telefonierte er sogar mit der Abteilung Pass- und Meldewesen der Volkspolizei, um seine Fürsprache auszudrücken. Damit keine Missverständnisse aufkommen, ich war kein Freund des DDR-Repressionsapparates. Aber darauf möchte ich jetzt in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen. Die großen fachlichen und menschlichen Verdienste des langjährigen Generaldirektors Prof. Dr. Helmut Rötzsch werde ich nie vergessen.

  • andreas hessler

    andreas hessler

    ...zum Fest 100 Jahre DB sind wir ,als Exoten-Buchhandlung ,die sowieso bald in der damaligen DDR als Auslaufmodell galt d.h. u.a.mit Christlichen Sortiment, meine Frau als Geschäftsführerin und ich als sogenannter mithelfernder Ehemann betreten wir die beeindruckende Empfangshalle des Hauptgebäudes in Leipzig .Wir kamen wir uns ganz verloren vor.Es öffnete sich jedoch eine Tür im oberen Treppenbereich und Herr Prof.Dr.Helmut Rötzsch kam uns allein entgegen die Treppe herab. Und obwohl wir uns noch nie persönlich begegnet waren und wir nicht wußten , wer uns da entgegenkam wurden wir von Prof. Dr.Helmut Rötzsch herzlich begrüßt und nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten auch von Ihm zur Festveranstaltung in den grossen Lesesaal geleitet.Soviel Wertschätzung und Herzlichkeit durch die beeindruckende Persönlichkeit dieses Mannes zu DDR-Zeiten in den achtziger Jahren hat uns angenehm überrascht und nachhaltig beeindruckt.Auch das gab es- für uns unvergessen. Wir sind uns nie wieder begegnet -die Zeiten und unsere Aufgaben als Buchhändler wurden dann ja immer spannender in Leipzig bis zum Ende der DDR .

  • Hans Altenhein

    Hans Altenhein

    Als Westdeutscher konnte man von Helmut Rötzsch eine schöne Meissen-Plakette bekommen, unschuldig weiß, aber sicher nicht uneigennützig. Sie trug die Inschrift "Gesamtarchiv des deutschsprachigen Schrifttums", was natürlich ein wenig großzügig war, und von 'Schrifttum' sprach man auch vorher. Trotzdem: Eine Geste der Hoffnung, die Dank verdient.

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