Independents international

„Die spannendsten Dinge tun sich abseits des Mainstreams“

Ist „Bibliodiversity“ das neue Bio der weltweiten Indie-Verlagsszene? Die australische Verlegerin und Autorin Susan Hawthorne über die Arbeit der International Alliance of independent publishers.  INTERVIEW: NILS KAHLEFENDT

Unmittelbar vor der Buchmesse kam in Paris das Komitee der International Alliance of independent publishers zusammen, erstmals waren mit Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) und Ursi Anna Aeschbacher (Verlag Die Brotsuppe) auch Vertreter der Kurt-Wolff-Stiftung und von SWIPS eingeladen. In Frankfurt trafen wir die australische Verlegerin Susan Hawthorne (Spinifex Press), die von 2011 bis 2016 Koordinatorin der englischsprachigen Sektion der Alliance war.

Susan, seit wann gibt es diese Assoziation?
Susan Hawthorne: Die International Alliance of independent publishers wurde 2002 von einer kleinen Gruppe von Verlegern um Étienne Galliand in Paris gegründet. 2003 traf man sich erstmals in Dakar (Senegal), das war natürlich ein politisches Statement. Damals kamen viele französischsprachige Kollegen und Verleger aus der arabischen Welt dazu. Wir selbst sind seit 2007 dabei. Heute gehören dem Netzwerk über 400 Verlage aus 46 Ländern an.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Eines der Schlüsselthemen ist die Idee von „Bibliodiversity“, ein Begriff, der zuerst von chilenischen Verlegern in den Neunzigerjahren aufgebracht wurde und ein „organisches“ verlegerisches Konzept umschreibt, dass sich von der bestsellergetriebenen Produktion der großen Konzerne unterscheidet. Die Organisation wurde gegründet, um Independent-Verlagen die Chance zur Vernetzung zu geben; wir engagieren uns dafür, dass Bücher entstehen können, die die Welt tatsächlich verändern. Wir wollen den zarten Pflänzchen neben dem Mainstream eine Stimme geben. Der Mainstream selbst ist langweilig – überall auf der Welt. Die Verlage in der Alliance reflektieren dagegen ihre höchst unterschiedlichen lokalen Bedingungen stets mit. Ich habe in den letzten Jahren wahnsinnig viel gelernt von Kolleginnen und Kollegen aus Kamerun, der Türkei oder Indien. Sie alle bringen ihre Ideen, ihre verlegerischen Visionen ein, von denen wir sonst kaum erfahren würden. Zahlreiche Koeditionen oder Übersetzungen sind so entstanden. 

Mit welchen Problemen haben Sie als australischer Independent-Verlag zu kämpfen?
Wir sind ein australischer, unabhängiger und feministischer Verlag (lacht) – das sind eine Menge Hürden! Die größte Schwierigkeit ist die natürlich die Wahrnehmung in den Medien: Wenn es darum geht, unsere Themen in die gesellschaftliche Diskussion einzuspeisen, Platz für Rezensionen zu bekommen, müssen wir ziemlich dicke Bretter bohren. Innerhalb der USA funktioniert das wesentlich besser. In Australien stellt der Vertrieb ein immenses Problem dar; auch das läuft auf dem US-Markt und in Großbritannien, wo wir seit zehn Jahren mit unseren Distributoren zusammenarbeiten, viel besser. Die Frankfurter Buchmesse ist, so gesehen, natürlich ein wichtiger Ort, um unsere Bücher zu promoten. Wir sind seit 24 Jahren immer dabei.

Ist der deutschsprachige Markt aus der Perspektive von down under eine Insel der Seligen?
Auf jeden Fall gibt es hier viele spannende Independent-Verlage; meine Co-Verlegerin Renate Klein, die aus der Schweiz stammt, und ich haben die Alliance schon länger gedrängt, auf diese Kollegen zuzugehen. Sie sollten Teil unserer Organisation werden. Seit wir nach Frankfurt gekommen sind, hat sich der deutsche Markt nach meinem Empfinden stark verändert: Anfangs gab es eine große Zahl feministischer Verlage, von denen nur wenige überlebt haben – wie etwa Frauenoffensive aus München, mit denen uns eine lange Freundschaft verbindet. Die Globalisierung hat es mit sich gebracht, dass wir die interessantesten Entwicklungen auf diesem Feld heute in Indien oder Afrika finden. Auch hier gilt: Die spannendsten Dinge tun sich abseits des Mainstreams!

Susan Hawthorne ist seit mehr als 30 Jahren als Autorin, Festivalorganisatorin, Kritikerin, Herausgeberin und Verlegerin in der Branche aktiv. Nachdem sie für Penguin Australia tätig war, gründete sie 1991 zusammen mit Renate Klein Spinifex Press. Ihr jüngstes Buch „Bibliodiversity. A Manifesto for Independent Publishing“ wird 2017 auf Deutsch im Verbrecher Verlag erscheinen. 

Eine Reportage zu Independent-Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse lesen Sie im Börsenblatt Heft 43, das am kommenden Donnerstag erscheint. 

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