Interview mit Daniel Ropers, CEO von Springer Nature

Ganz nah an der Community

Nach dem verschobenen Börsengang rücken die strategischen Perspektiven in den Vordergrund. Springer-Nature-Chef Daniel Ropers hat die Vision einer offenen Wissenschaft, die ihre Prozesse effizienter gestaltet, mehr Kreativität freisetzt und Inhalte tauscht.             INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Daniel Ropers, CEO von Springer Nature

Daniel Ropers, CEO von Springer Nature © Cordula Giese

BC Partners und Holtzbrinck, die Gesellschafter von Springer Nature, haben den Börsengang einen Tag vor dem Start verschoben. Waren die Aktien nicht attraktiv genug?
Am Ende nicht. Die Bewertung in den letzten zwei Wochen vor dem Börsengang entsprach nicht den Erwartungen der Anteilseigner. Grund dafür war, dass sich der Markt für erste Börsengänge Ende März plötzlich gedreht hatte. Das konnte man bei der Investoren-Community ganz deutlich spüren. Auf das Unternehmen hat es aber ohnehin wenig Einfluss, wie die Gesellschafterstruktur aussieht.

Hat der Börsenprospekt zu wenige Visionen für Wachstum und Innovation geboten und zu sehr die Risiken betont?
Ein Börsenprospekt ist zunächst einmal ein juristisches Dokument, in dem man tunlichst vermeiden sollte, irgendein Risiko, das einem in den Sinn kommt, nicht aufzulisten. Man wäre sonst im Nachhinein juristisch angreifbar. Erfahrene Investoren lesen aber ziemlich schnell darüber hinweg. Dann ist der Börsenprospekt auch ein Marketing-Instrument, das die Potenziale beschreibt. Und ich glaube, es ist uns schon gelungen, im Prospekt und in den Investorengesprächen die Wachstumsperspektiven – auch im Vergleich zu den großen Mitbewerbern – und die Erfolge des Wachstumsjahrs 2017 sowie des laufenden Geschäftsjahrs herauszustellen. Das Problem waren am Ende die Zweifel an der volatilen Börse, weil mehrere Börsengänge zurückgezogen wurden, Papiere unter Wert in den Handel gingen oder in den Wochen danach erheblich an Wert verloren. Das hat natürlich die Investoren-Community verunsichert.

Die Vorbereitung des Börsengangs hat Zeit und Geld gekostet, zumal zahlreiche Banken und Finanzberater involviert waren. Wie hoch ist der Schaden?
Die größten Kosten fallen für die Banken an, die das Projekt begleitet haben. Aber die entstandenen Kosten fallen angesichts der gesamten Unternehmensleis­tung nicht ins Gewicht. Das ist eine einmalige Sonderbelastung, die unsere künftige Entwicklung nicht behindert.

BC Partners verfügt nun nicht über die erhoffte Liquidität für den Ausstieg. Gibt es einen Plan B?
Einen Plan B gibt es bei einem Private-Equity-Unternehmer immer. Hätten die Gesellschafter es eilig gehabt, hätten sie direkt – auch unter Wert – verkaufen können. Davon hat man aber keinen Gebrauch gemacht.

Wann kommt der zweite Anlauf?
In den nächsten zwölf Monaten ist sicher nicht damit zu rechnen. Außerdem kann man die Märkte nicht beeinflussen.

Springer Nature hat sein Portfolio schon seit vielen Jahren über den Bereich des akademischen und professionellen Publizierens hinaus ausgebaut. Würden Sie sich heute als Forschungsdienstleister bezeichnen, oder greift das zu kurz?
Letztlich ist alles, was wir tun, eine Dienstleistung. Perspektivisch gibt es aber sehr viel zu tun. Die weltweiten Ausgaben für Forschung und Wissenschaft haben inzwischen eine Größenordnung von 1,5 Billionen Euro erreicht. Davon machen die Verlage nur etwa ein Prozent aus. Dabei arbeiten wir ganz eng mit den Menschen in Forschung und Wissenschaft zusammen und da sehen wir uns klar in der Verantwortung, mit unserem einen Prozent der Kosten die übrigen 99 Prozent Kosten und Zeit, die die Forschung benötigt, zu reduzieren und effizienter zu machen. Damit fangen wir bewusst an, ganz nah an unserem Kerngeschäft. Zum Beispiel haben wir Language Editing im Angebot. Mit diesem Service helfen wir Forschern in den Ländern, die nicht-englischsprachig sind, den sprachlichen Nachteil auszugleichen. Außerdem organisieren wir Nature Masterclasses an Universitäten und Forschungseinrichtungen, die von unseren Editors geleitet werden. Diese trainieren die Teilnehmer darin, wie man am besten ein Forschungspapier schreibt. Der Kern unseres Geschäfts bleibt es aber, Inhalte zu verbreiten, zugänglich, nutzbar, wiederverwertbar und auch teilbar zu machen.

Ist der ungehinderte Zugang zu Inhalten auch in Zukunft der entscheidende Wettbewerbsfaktor?
Ja, das sieht man auch bei unserem Pionier-Engagement für neue Geschäftsfelder wie Open Access – wobei auch dort die Begutachtung und Qualitätssicherung im Fokus steht. Was sich verschiebt, ist der Zeitpunkt und die Art der Finanzierung.

Wollen Sie die Umstellung auf ein Open-Access-Ökosystem aktiver denn je vorantreiben?
Wir glauben an die Schönheit der Idee: Dass Wissen, nachdem es qualifiziert wurde, ohne Abonnentenzahlung frei zugänglich ist. Dem kann man sich wirklich nur anschließen. Das Problem bei der Migration vom alten zum neuen Modell, in dem jeder Forscher und jedes Institut autonom über seine Publikationen entscheiden kann, ist, dass man eine sehr große Mehrheit für die Umstellung braucht. Das müssen 80 bis 90 Prozent aller Stakeholder sein, damit es klappt. Man braucht dafür einen breiten Konsens. Auch wunderschöne Ideen brauchen dadurch manchmal sehr lange, bis sie zum Tragen kommen. Wo das bereits heute geht, versuchen wir den Wandel voranzutreiben, das hat Springer Nature als Weltmarktführer bei Open Access bewiesen.

Die DEAL-Verhandlungen mit der Hochschulrektorenkonferenz um eine Bundeslizenz für elektronische Wissenschaftsjournals sind ja bisher an der Forderung, alle weltweit erscheinenden Titel auch Open Access zur Verfügung gestellt zu bekommen, gescheitert. Sind Sie optimistisch, in absehbarer Zeit eine Einigung zu erzielen?
Ein deutscher Alleingang, der nicht auch die Komplexität des wissenschaftlichen Verlegens weltweit in den Blick nimmt, ist schwer vorstellbar. Wir sind in konstruktiven Gesprächen mit dem deutschen Konsortium, weil wir über die größte Erfahrung in diesem Bereich verfügen. Beide Seiten wollen sich Zeit nehmen, um zu einer stabilen Vereinbarung zu kommen, statt etwas zu erzwingen, das sich später als unhaltbar erweist. Es handelt sich um einen Pionier-Deal, bei dem der Anspruch der Deutschen ist, eine Blaupause für die Welt zu schaffen. Wir müssen ihn so abschließen, dass er für alle, die Scientific Community, Forschungsförderer, Institutionen und auch für uns zukunftsfest ist, und man in zwei, drei Jahren nicht eine große Enttäuschung erlebt.

Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen im Gespräch mit Daniel Ropers

Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen im Gespräch mit Daniel Ropers © Cordula Giese

Sharing ist Ausdruck einer Scientific Community, die ständig über neue Forschungsergebnisse informiert sein will. Welche Sharing Policy verfolgen Sie? Und wo liegen die Grenzen des "Teilens"?
Wir ermutigen zum Teilen von Inhalten zwischen legalen Nutzern. Wenn zwei akkreditierte Wissenschaftler verschiedener Institutionen ihre Inhalte tauschen wollen, dann unterstützen wir dies nach Kräften. Unser Service SharedIt erlaubt einzelnen Nutzern sogar, eine Lesever­sion mit Interessierten ohne institutionellen Zugang zu teilen. Aber lassen Sie uns den Rahmen noch größer ziehen. Woran wir und auch ich fest glaube, ist: Wenn es uns gelingt, die Daten, auf denen Forschung basiert, von den Forschungsergebnissen zu trennen, dann macht das nicht nur das Reproduzieren und die Qualitätssicherung einfacher, es macht auch das Erreichen neuer Ergebnisse auf Basis bestehender Datensätze möglich – ohne selbst hohe Kosten für eigene Datenerhebungen zu investieren. Das wäre ein Ansatz für Open Science, der die Wissenschaft besser und kostengünstiger machen könnte.

Nun gibt es ja Plattformen, die über das Ziel hinausschießen, wie die Kollaborationsplattform ResearchGate, mit der Sie eine Vereinbarung getroffen haben. Hält sich ResearchGate daran?
Die Koalition, die wir mit Thieme und Cambridge UP geschmiedet haben, zielt darauf ab, erst einmal das Bedürfnis zum Austausch in sozialen Wissenschaftler-Netzwerken nicht zu blockieren, sondern da zu unterstützen, wo es um legale, vollständige und korrekte Inhalte geht. Es ging uns darum, mit ResearchGate ein Modell zu erarbeiten, mit dem Forscher ihre wissenschaftlichen Ergebnisse verantwortungsvoll zugänglich machen und teilen können und das zeigt, dass Kooperationen zum Teilen von Verlagsinhalten realisiert werden können.

Also nicht blockieren, sondern disziplinieren …
So könnte man sagen. Weshalb wir uns so rasch einigen konnten: Das Ziel von ResearchGate ist auch nicht, etwas kaputt zu machen. Sie möchten etwas hinzufügen, und das ist ein schöner Ansatz. Mit ORCID gibt es eine andere Plattform, auf der Forscher sich einen individuellen Account einrichten und mit ihren Publikationen verbinden können. Wir unterstützen das Teilen gern, so lange wir über die Nutzung der Artikel informiert werden. Die Nutzung auf allen Plattformen ist Teil der Wertschöpfung und trägt zur Reputation des Autors bei. Deshalb möchten wir unsere Autoren und die Lizenznehmer an den Bibliotheken über die Gesamtnutzung informieren. Den Austausch wissenschaftlicher Publikationen unter Forschern wollen wir weiter ausbauen. Wir unterstützen die von der STM Association mitgetragene Initiative RA21, die einen plattformübergreifenden, standortunabhängigen Zugang zu Forschungsergebnissen ermöglichen soll.

Es gibt aber auch schwarze Schafe in der Welt des Informationsaustauschs …
Ja. Bei illegalen Plattformen wie Sci-Hub hingegen gehen wir einen anderen Weg, mit allen juristischen Mitteln. Da sehen wir, dass Zugangssysteme wissenschaftlicher Institutionen gehackt werden, und Inhalte herausgeschleust werden. Das ist eine Urheberrechtsverletzung ersten Grades.

Ein großes Thema über alle Branchen hinweg ist künstliche Intelligenz (KI). Arbeitet Springer Nature bereits damit?
Dazu erst einmal eine kurze Vorbemerkung: KI und Machine Learning sind ja in aller Munde, aber die meisten Anwendungen, die man damit in Verbindung bringt, sind noch weit davon entfernt. KI würde bedeuten, dass eine Software aus einem Berg von Daten ohne menschliches Zutun ein System herausfiltern und konstruieren könnte. Ich glaube nicht, dass eine solche Technologie ausgerechnet in der Forschungslandschaft ihren ersten Auftritt hätte. Die algorithmusbasierte Nutzung von Anwendungen hat sich in der Wissenschaft noch nicht durchgesetzt, da stehen wir noch am Anfang. Springer Nature ist aber immerhin bei der Optimierung der Kern-Publikationsprozesse IT- und Effizienzweltmeister. Wir werden in den nächsten Jahren diese Kompetenz auf die Erfahrung der Autoren und Nutzer sowie den Peer Review konzentrieren.

Zum Beispiel?
Am weitesten fortgeschritten sind wir damit in der Nature Research Group. Dort haben wir auch einige Services entwickelt wie den Empfehlungsdienst Recommended, der aus der Welt der Inhalte das herausfiltert, was für einen Forscher individuell wichtig ist. Das sind kleine Versuche, aber es ist nicht schwer zu erkennen, wie sich das verbessern kann. Optimierungen sind vor allem im ersten Teil der Prozesskette denkbar: bei der Manuskripteinreichung, bei der Suche nach einem Peer Reviewer, bei der Information über den Manuskriptstatus. Da sind wir noch ganz 20. Jahrhundert. Würde man diese Prozesse mithilfe von Algorithmen strukturieren oder teilweise automatisieren, ließe sich bei 700.000 Gutachtern und mehr als 1,5 Millionen Autoren ein gigantischer Zeitfaktor einsparen. Das bedeutet aber nicht, den Faktor Mensch zu eliminieren. Dies hielte ich für gefährlich.

Welche Wachstumsperspektiven sehen Sie für die kommenden Jahre?
Wir sind mit unseren Dienstleistungen ganz nah an der Scientific Community und werden das weiter ausbauen. Unsere Inhalte, das verlegerische Kerngeschäft, stehen nach wie vor im Fokus, und im Open-Access-Publishing haben wir zweistellige Wachstumsraten. Ein besonderes Potenzial sehen wir bei unseren Nature-Titeln, die jetzt auch von einem größeren Redaktionsteam in Berlin – das erste "Editorial Hub" in Kontinentaleuropa – betreut werden. Und zwar deshalb, weil Deutschland eines der wichtigsten Zentren für Forschung und Wissenschaft weltweit ist. Außerdem haben wir in Berlin einen zweiten Standort für mehr als 150 Mitarbeiter im Technologie-Bereich eingerichtet. Unser Nature-Portfolio haben wir ständig erweitert, weil es eine große Nachfrage aus der Wissenschaft gibt. Zuletzt haben wir von Berlin aus "Nature Catalysis" und "Nature Meta­bolism" gelauncht. Dem Wachstum unserer Zeitschriften sind allerdings gewisse Grenzen gesetzt, weil die meisten Bibliotheksetats seit Jahren eingefroren sind.

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Zur Person
Daniel Ropers, Jahrgang 1972, trat im Oktober 2017 zunächst als Geschäftsführer bei Springer Nature ein und löste Anfang 2018 Derk Haank als CEO der Verlagsgruppe ab. Der Manager mit Abschlüssen in Global Economics und Business Studies war nach seiner Hochschulausbildung für das Consulting-Unternehmen McKinsey tätig. In dieser Rolle baute er seit 1998 für Bertelsmann den Onlinehändler BOL.nl auf, dessen CEO er von 2000 bis 2017 war. Ropers wurde in Freiburg geboren, wo er bis zu seinem zwölften Lebensjahr lebte, und zog dann mit seinen Eltern in die Niederlande.

Springer Nature in Zahlen
Die Verlagsgruppe für Wissenschafts- und Fachinformationen hat 2017 1,64 Milliarden Euro umgesetzt.
71 Prozent davon entfallen auf den Forschungsbereich, 17 Prozent auf Bildung und zwölf Prozent auf Fachinformation.
Springer Nature beschäftigt rund 13.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Standorten in mehr als 50 Ländern.
Hauptgesellschafter des Unternehmens sind die Holtzbrinck Publishing Group (mit 53 Prozent) und der Private-Equity-Fond BC Partners.
Bei Springer Nature erscheinen weltweit rund 3.000 Journals. Die Wissenschaftszeitschriften werden von insgesamt 700 000 Peer Reviewers begutachtet. An der Entstehung der Forschungsartikel sind zirka 1,5 Millionen Autoren beteiligt.

Open Access
Springer Nature publiziert Zeitschriften nach dem »Gold Open Access«. In diesem Fall zahlt der Autor oder die Institution die Produktion des Artikels. Werden Artikel im Rahmen des Abonnement-Modells nach einer Frist kostenlos online zugänglich gemacht, spricht man von »Green Open Access«.

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