Jochen Jung über ein kleines, aber ungemein wichtiges Zeichen

Deleatur – weg damit!

Hätten die Lektoren nicht ein kleines Korrekturkürzel – wer weiß, was wir alles lesen müssten. Verleger Jochen Jung über ein geheimes Zeichen der Literaturwelt.

Jochen Jung, Verleger von Jung und Jung in Salzburg

Jochen Jung, Verleger von Jung und Jung in Salzburg © eva trifft.

Wir, die große Gemeinschaft der Buchfreunde, leben alle von der Schrift und der Voraussetzung, dass die Menschen, denen wir die Ergebnisse unserer Arbeit vermitteln – wenn nicht gar verkaufen –, lesen (und schreiben) gelernt haben. Wir wissen, dass Lesen eine hochkomplexe Angelegenheit ist, und es verlangt mehr als die Fähigkeit des Buchstabierens, bis man ein literarisches Werk erkennen und verstehen kann.

Aber der Anfang ist tatsächlich das Kennenlernen jener 26 Zeichen, aus denen das Alphabet besteht und die, wie wir wissen, eigentlich doppelt so viele sind: Schließlich gibt es sie ja in kleiner und großer Ausführung. Und es gibt die selbstständig klingenden, grafisch mit zwei aufgesetzten Pünktchen ergänzten Umlaute Ä, Ö und Ü. Und es gibt den wunderbaren Buchstaben, den die Deutschen Eszett nennen und die Österreicher scharfes S und den die Schweizer gar nicht haben wollen. Die völlig überflüssige und nur halb durchdachte Rechtschreibreform der 90er Jahre hat zwar versucht, dieses aparte Zeichen zu beseitigen, hat es aber dann doch gelten lassen müssen.

Andere Sprachen als die unsere – von anderen Schriften will ich hier gar nicht erst anfangen – haben sich statt der beiden Pünktchen noch ganz andere Ergänzungen einfallen lassen, kleine Schrägstriche, Dächlein und Kreise, Wellenlinien und durchgestrichene Buchstaben, die den Besonderheiten der Aussprache einen Auftritt im Schriftbild erlauben.

Dazu kommen noch zehn Ziffern für die Zahlen, ein Dutzend Satzzeichen und die sogenannten Sonderzeichen, zum Beispiel für bestimmte Währungen. Hinzu kommen auch noch besondere Zeichen in der Mathematik und in den Naturwissenschaften, und sicher hab' ich noch das eine oder andere vergessen, weil es mir bei meiner Arbeit nicht unterkommt.

Es gibt aber auch ein Zeichen extra für das Schreib- und Druckgewerbe, einen kleinen Exekutanten, mit dessen Hilfe man ganze Buchstaben, Wörter, ja sogar Sätze und Absätze zum Verschwinden bringen kann: den Vertilger mit dem schönen lateinischen Namen "Deleatur" (siehe rechts oben). Das Wort heißt: "Es möge beseitigt werden", was wohl entseitigt meint, will sagen, das Inkriminierte möge von der Seite verschwinden. Es ist die wichtigste Handwaffe jedes Korrektors und Lektors. Aussehen tut es wie ein durchgeknallter Notenschlüssel, wobei all die Professionellen, die das Zeichen an den Rand des Manuskripts oder der Fahne schreiben, im Lauf der Berufsjahre dafür auch noch eine sehr individuelle Kritzel­variante entwickelt haben.

Dass ein Zeichen, das etwas zum Verschwinden bringt, selbst nie einen öffentlichen Auftritt hat, ist sozusagen die ­Ironie der Geschichte und nicht zuletzt der Anlass für diese Glosse. Würde man endlich einmal einen Preis für den besten Lektor und die beste Lektorin stiften, müsste das Deleatur-Zeichen eigentlich auch das Zeichen für diese Auszeichnung sein. Gerühmt sei, was uns vor Schlechtem und Falschem bewahrt, damit das Schöne und Gelungene sauberer auf die Welt (zu)kommt.

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4 Kommentar/e

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  • Marion K.

    Marion K.

    Vielen Dank für Ihr Lob auf das Deleatur-Zeichen. Ich hätte einen Vorschlag für eine weitere Tilgung: Über die Rechtschreib-Reform kann man sicher verschiedener Meinung sein. Es gab allerdings nie Versuche, das Eszett zu beseitigen. Bereits die Vorschläge des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie von 1992 enthalten die heute gültige Regelung für das Eszett.

  • Winfried Kieser

    Winfried Kieser

    Ich möchte mich der Vorrednerin gern anschließen und ihre Anmerkung zum Eszet bekräftigen. Nicht wenige halten dafür, dass Sprache und Logik eng zusammengehören - warum auch immer wird dieser Mythos gern gepflegt. Legt man diese Annahme dennoch zugrunde, kann man der viel gescholtenen "völlig überflüssigen" Rechtschreibreform aber einiges abgewinnen. Dass sich niemand wirklich mit dem neuen Regelwerk auseinandersetzen mag, enthüllt der eigentliche Grund der Schmähkritik: Man ist schlicht zu faul, von alten Gewohnheiten abzurücken.

  • Theodor Ickler

    Theodor Ickler

    Der einst führende Rechtschreibreformer Wolfgang Mentrup hat jahrelang versucht, das Eszett völlig abzuschaffen.

  • Marion K.

    Marion K.

    In den Reformdiskussionen der 1990er-Jahre, auf die sich Jochen Jung oben bezieht, fand der Verzicht auf das Eszett keinen Eingang in Regelungsvorschläge.

    Zuletzt hatten Reformvorschläge der 1970er-Jahre (z. B. Wiener Empfehlungen 1973) den generellen Verzicht auf das Eszett erwogen. Sie waren über Diskussionen in Fachkreisen jedoch nicht hinausgekommen.

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