Lieblingsbuchhandlung

Phönix aus der Asche

Autor Hans Christoph Buch war selbst einmal Buchhändler. Hier beschreibt er, wie die Buchhandlung Zauberberg in Berlin auch stürmischen Zeiten zu trotzen vermochte.

»Eine Buchhandlung von Autoren für Autoren« – unter diesem Motto versuchten wir ab 1976 den Berliner Buchhandel aufzumischen: Wir – das waren Günter Grass, Ingeborg Drewitz, Wolfgang Menge, Rolf Haufs, Hanspeter Krüger, Volker Ludwig und ich, die damals die Autorenbuchhandlung aus der Taufe hoben. Dabei verhoben wir uns: Statt der erhofften Mehreinnahmen mussten wir Geld zuschießen, um Schulden auszugleichen, obwohl die Buchhandlung gut, zeitweise sehr gut lief. Veranstaltungen wie die zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung fanden reges Interesse, und es fehlte nie an Kunden, die sich von den Buchhändlern Thomas Kühne, Helma Kieseritzky und Ulla Biesenkamp Kaffee ­kochen und Bücher empfehlen ließen. Hauptfeind waren damals wie heute nicht andere gute, alte Buchhandlungen, sondern dreist vorpreschende Ladenketten, die im Vergleich zu Amazon und anderen Branchenriesen heute fast wie Tante-Emma-Läden wirken.

In den 70er Jahren lebte ich in Berlin-Friedenau mit Nicolas Born im selben Haus, Tür an Tür mit Enzensberger, Grass und Johnson, der in seiner Stammkneipe schon morgens Whisky trank, während Grass auf dem Wochenmarkt Wirsing kaufte; Max Frisch wohnte um die Ecke in der Sarrazinstrasse. Donnerstags traf man sich nach den von KP Herbach initiierten ­Lesungen des Buchhändlerkellers im Bundeseck, eine der hässlichsten Kneipen Berlins. Doch das Herz von Friedenau schlug in Wolff’s Bücherei am Friedrich-Wilhelm-Platz. All das ist für Nachgeborene schwer vorstellbar, ähnlich wie die Tatsache, dass in der Petersburger Verlagsbuchhandlung Wolff am Newskij-Prospekt Geistesgrößen wie Dostojewskij, Gontscharow und Turgenjew aus- und eingingen. Katharina Wagenbach-Wolff, genannt Katja, Mitbegründerin des Wagenbach Verlags, ist eine Urenkelin des russisch-deutschen Verlagsimperiums. Nach der Oktoberrevolution verließen ihre Großeltern Petrograd und gelangten auf Umwegen nach Berlin, wo ihr Vater 1931 Wolff’s Bücherei eröffnete. 

1981, am 50. Geburtstag von Wolff’s Bücherei, gratulierten Siegfried Unseld, Peter Härtling, Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch den Buchhändlerin­nen Barbara Stieß und Helga Steinbichler, die, anknüpfend an die Vorkriegstradition, die Buchhandlung zum Treffpunkt von ­Lesern und Autoren gemacht hatten. Aber ein reges literarisches Leben ist kein Ersatz für sinkende Umsätze, und unter dem doppelten Druck von ­Ladenketten plus Digitalisierung warfen die Buchhändlerinnen im neuen Jahrtausend das Handtuch, bis Wolff’s Bücherei erneut in russische Hand überging. Unter dem Namen Zauberberg erstand die Buchhandlung wie der Phönix aus der Asche wieder auf, unter der Ägide von Natalia Liublina, einer Literaturwissenschaftlerin aus der Ex-UdSSR. Die Tradition der Lesungen führt sie in bewährter Weise fort, denn, wie Peter Suhrkamp in einer Ansprache im Februar 1947 in Wolff’s Bücherei erklärte: »Das Dichten darf nicht aufhören!« 

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