Marah Woolf zum Thema Buchhandel versus Amazon

Für manche ist Konfetti offenbar schwarz-weiß

Die Autorin Marah Woolf ("GötterFunke", "FederLeicht", "BookLess") hat in ihrem Blog auf einen Brief aus dem Buchhandel reagiert, der ihr vorwirft, mit Amazon Geschäfte zu machen. Ihre Überlegungen zu mehr Anstrengung und Kreativität im Buchhandel sind nicht gut angekommen. Für boersenblatt.net hat sie ihren Standpunkt und ihre Ideen für die Lesergewinnung noch einmal konkretisiert.

Marah Woolf

Marah Woolf © privat

Buchhandel versus Amazon ist ein Thema, das derzeit viele von uns umtreibt und beschäftigt. Nach einer sehr hitzigen Debatte auf meinem Blog mit dem Titel "Du musst Dir schon selbst Konfetti in Dein Leben pusten - Hilfe zur Selbstanalyse der deutschen Buchhandelslandschaft" in der letzten Woche, möchte ich mich hierzu noch einmal äußern, da die Diskussion recht schnell unsachlich wurde und mein eigentliches Anliegen völlig aus dem Blick geriet. Die Frage, die ich nämlich aufgeworfen hatte, war doch: Warum gibt es immer weniger junge Leser und was hat die Buchbranche womöglich falsch gemacht, um dies passieren zu lassen. Sicherlich erinnert sich der ein oder andere an die Studie des Börsenvereins, die Anfang dieses Jahres erschien und uns darüber aufgeklärte, dass die Branche seit 2012 circa sechs Millionen Buchkäufer verloren hat. Der Rückgang betrifft laut der Studie vor allem die jüngere bis mittlere Altersgruppe.

Aufmerksame Leser wären vielleicht über das Wort Buchbranche in der Fragestellung gestolpert, was selbstverständlich Verlage, Autoren, Buchhändler, Agenten und noch viele Beteiligte mehr einschließt. Und ich werde mich für das Aufwerfen dieser Frage auch keinesfalls entschuldigen, denn sie geht uns alle an, ob wir wollen oder nicht, und ich weigere mich auch, Amazon als Sündenbock dafür an den Pranger zu stellen. Dann wäre die Antwort nämlich sehr einfach. Sobald sämtliche Verlage ihre Bücher nicht mehr über Amazon vertreiben und am besten gar nicht mehr über Onlineplattformen, wäre das Problem schnell gelöst. Schließen wir readfy und Skoobe, schalten wir das Internet gleich ganz ab. Ich finde die Lösung gar nicht uncharmant, dann wird der Buchhandelsumsatz sofort wieder dort generiert, wo er hingehört: In den lokalen Handel. Ich fürchte nur, so funktioniert das nicht.

"Schuldzuweisungen an Amazon sind mir persönlich zu simpel"

Also wende ich mich noch mal dem eigentlichen Problem zu und möchte gern jeden, der Teil des Spiels ist, bitten, offen für die Diskussion zu sein. Wir sitzen alle auf derselben Seite des Tisches, sind Teil desselben Business, Schuldzuweisungen an Amazon sind mir persönlich einfach zu simpel. Wir müssen uns doch fragen, was sich in den letzten sechs Jahren verändert hat und was zu diesem dramatischen Verlust geführt hat. Ich denke, über eines herrscht Konsens, denn dies ist die Mediennutzung. Vor sechs Jahren gab es zwar schon Facebook, aber kein Instagram, kein Snapchat, kein Amazon prime. Netflix hatte längst nicht die Bedeutung, die es heute hat. In ihrer Freizeit drückten unsere Leser nicht einfach auf ein paar Knöpfe, sondern griffen vermutlich nach einem Buch und nur selten nach einem Reader. Nun gibt es mittlerweile allerdings spannendere und auch leichter zu konsumierende Möglichkeiten und das ist weder schlimm, noch zu ändern. Aber es bedeutet auch nicht, dass wir diesen Medien das Feld kampflos überlassen müssen und ich möchte diese auch ungern als Buhmänner abstempeln.

"Holen wir den Leser doch dort ab, wo er hingewandert ist"

Betrachten wir es stattdessen doch mal als Weckruf, als Chance, neu zu denken. Der Buchhandel ist kein unabhängiger im All treibender Satellit, sondern Teil eines Systems. Verändert sich das System, können wir davon profitieren oder als Weltraummüll in den unendlichen Weiten verschwinden. Nur wenn wir neu denken, müssen wir uns auch verändern, da das Denken allein nicht ausreicht. Für Veränderungen müssen wir uns bewegen und Bewegung ist grundsätzlich erst mal positiv und das Gegenteil von Stillstand. Wir könnten also Teil der Veränderung sein, wenn wir kreativ sind. Das sollte einer Branche, die von ihrer Kreativität lebt, eigentlich nicht schwerfallen.

Also versuchen wir doch, den Leser wieder dort abzuholen, wo er hingewandert ist. Das ist keine neue Idee. Jeder Verlag und Buchhändler, der etwas auf sich hält, hat heutzutage einen Instagram- oder einen Facebook-Account und womöglich noch einen YouTube-Kanal, aber ich glaube nicht, dass das reicht. Ich glaube auch nicht, dass es reicht, ständig auf die Jagd nach neuen Bestsellern zu gehen und Unsummen für Auslandslizenzen auszugeben. Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, Bücher multimedial zu machen, denn dann ist es im Zweifelsfall gar kein Buch mehr. Zu unserem unverwechselbaren Produkt sollten wir schon stehen. Die Idee, die ich dazu habe, ist viel einfacher.

 

"Warum sollen wir alle die gleichen Bücher lesen?"

Das Bedürfnis – gerade von Kindern und Jugendlichen – war schon immer groß, sich Vorbilder zu suchen, Menschen, mit denen sie sich identifizieren und zu denen sie aufschauen können. Heute sind das Beautyblogger, Musiker, YouTube-Stars und Serienschauspieler – nur sehr selten sind es noch Buchhelden und schon gar keine AutorInnen. Aber warum? Ist nicht unsere schöpferische Kraft mindestens genauso groß, wenn nicht größer, als die anderer Künstler? Entwerfen wir nicht ganze Welten, schaffen Rückzugsräume im Kopf und verbinden Menschen mithilfe unserer Geschichten? Warum wird dies so wenig bemerkt, gesehen oder gewürdigt? Ganz einfach: Weil ein Autor kaum greifbar ist und der Leser bis auf eine winzige Biografie hinten im Buch nichts von ihm erfährt. Weil in der Branche kein Autorenmarketing, sondern Titelmarketing als Allheilmittel gilt. Weil niemand Interesse daran hat, Autorenmarken aufzubauen. Natürlich kennen auch die heutigen Kinder Cornelia Funke, Michael Ende, Ottfried Preußler, Paul Maar und andere große Namen, die in jeder Buchhandlung stehen, aber so bekannt sind, dass es für diese Bücher keinerlei persönliche Beratung mehr braucht. Diese Werke kann jede Mutter oder Oma mit einem Klick bestellen.

Aber es gibt daneben hunderte, wenn nicht tausende AutorInnen, die kein Mensch kennt und die sehr gute Bücher schreiben, die nur nie auf den Tischen, oft nicht mal im Regal landen.

Ich möchte nicht wieder den Verdacht erregen, dass ich alle Buchhändler über einen Kamm schere, denn das tue ich nicht. Allerdings schrieb eine Kommentatorin, dass eben nur renommierte AutorInnen auch noch nach fünfzehn Jahren in den Buchhandlungen zu finden sind. Das ist toll. Wenn ich eine Buchhandlung hätte, würde ich den wertvollen Platz jedoch nicht mit Uralttiteln und allseits bekannten Autorennamen vollstopfen. Wenn ich eine Buchhandlung hätte, würde ich versuchen, mich von anderen abzugrenzen, würde versuchen, meinen Kunden zu vermitteln, dass sie neben den Umsatzträgern bei mir auch andere Titel finden, als eben bei Thalia, Amazon und Co. Es gibt doch auch nicht in jedem Fashionshop die gleichen Hosen und T-Shirts. Allein die Vorstellung, wir würde alle die gleichen Klamotten tragen, hat etwas Dystopisches für mich. Warum sollen wir aber alle die gleichen Bücher lesen?

Es wird wieder Buchhändler geben, die nun sagen, wenn wir das könnten, dann würden wir aber keine „Mainstreamscheiße à la Marah Woolf“ (ich erlaube es mir hier, meinen Namen richtig zu schreiben und nicht das Original ihrer Kollegin zu zitieren) verkaufen. Natürlich sollen sie das auch nicht. Seien wir mal mutig und verkaufen Bücher von Kleinst- und Indieverlagen. Verkaufen wir Bücher, die keine vier oder sogar sechs Vorschauseiten in den Verlagskatalogen haben und für die der Verlag jede Menge Marketingunterstützung liefert. Verkaufen wir Bücher, deren AutorInnen wir kennen und die nicht tausende Kilometer weit weg in anderen Ländern sitzen.

"Anonym funktioniert in einer gläsern gewordenen Welt nicht mehr"

Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass die große Masse der AutorInnen in den letzten Jahrzehnten systematisch an den Rand gedrängt wurde, sie mit Brosamen abgespeist werden und nur ein Bruchteil überhaupt vom Schreiben leben kann. Die meisten meiner KollegInnen müssen einem Brotjob nachgehen und schreiben dann neben Kindern und Hausarbeit. Viele verdienen so wenig, dass sie sich nicht mal in der Künstlersozialkasse versichern können, und ein Großteil der AutorInnen erwirtschaftet mit seinen Büchern monatlich weniger als eine durchschnittliche Buchhandelsmitarbeiterin, die zudem gesetzlich versichert ist. Ich fürchte, dieser Zustand, dass die Autoren am allerwenigsten von einem Buch profitieren, ist vielen Lesern nicht mal bewusst. Der Buchhandel wird mittels Buchpreisbindung und großzügigen Remissionsmöglichkeiten geschützt, der Autor steht allein auf weiter Flur.

Natürlich hat genau dieser Zustand es im Grunde schlichtweg unmöglich gemacht, nebenbei mal eben noch eine Autorenmarke aufzubauen und dem Leser zu zeigen, welcher Mensch hinter dem Buch steht. Das ist einfach nicht zusätzlich zu leisten, trägt aber zum Gesamtproblem bei. Anonym funktioniert nicht mehr – nicht in einer Welt, die gläsern geworden ist. Denn es ist der Autor, der am einfachsten eine Leserschaft aufbauen kann, weil ein Leser sehr selten einem Verlag oder einem Buchhändler eine Mail schreiben und ihm sagen wird, was er beim Lesen eines Buches gefühlt oder gedacht, ob er geweint oder gelacht hat.

Aber diese Leserbindung, die in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist und von der schlussendlich alle profitieren, kostet Kraft und Zeit und wird zukünftig einen Preis haben. Aus diesem Grund ist es heute umso wichtiger, die AutorInnen ernster zu nehmen als in der Vergangenheit, denn diese sind es, die Leser an ihr Buch binden und womöglich auch dazu bewegen, diese in einer Buchhandlung zu kaufen und nicht im World Wide Web.

"Nehmt uns Autoren ernst, hört uns zu, lasst uns mitentscheiden"

Vermutlich ist diese Lösung doch nicht so einfach, wie sie im ersten Moment klingt. Denn komplexe Probleme verlangen komplexe Lösungen und um diese Lösungen zu erarbeiten, braucht es den Dialog aller Beteiligten. Darum schlage ich hier einfach vor: Nehmt uns Autoren ernst, hört uns zu, lasst uns mitentscheiden und mitreden. Lasst uns zusammen überlegen, was die Branche besser oder anders machen kann, verschafft uns Zeit, damit wir uns um unsere Leser kümmern können. Denn es ist der Mensch hinter dem Buch, der für den Leser immer spannender und interessanter werden wird. Empört euch nicht, weil ein Autor mehr Mitsprache und Entscheidungsfreiheit fordert, macht ihn nicht zum Buhmann, verhöhnt und droht ihm nicht.

Ich habe viele Zuschriften von Autorenkollegen bekommen, die sich bei mir für die Blogartikel bedankt haben. Der überwiegende Teil erreichte mich per Mail oder Privatnachricht. Ich habe mich darüber sehr gefreut, aber es wirft schon die Frage auf, weshalb diese Kollegen ihre Meinung nicht öffentlich äußern. Schaut man sich die Kommentare zu meinen Artikeln an, findet man die Antwort recht leicht. Nur kann es unmöglich eine gangbare Zukunft sein, in der die Schaffenden Angst haben, ihre Meinung zu einem Problem öffentlich zu äußern. Einem Problem, das sie mindestens so betrifft wie jeden anderen Teilnehmer der Entstehungs- und Vertriebskette Buch.

Wie sagte einer meiner Kollegen so treffend: "Eigentlich braucht man doch nur zwei Parteien – die Autoren und die Leser." Ich setze liebend gern noch alle anderen oben genannten Parteien hinzu, denn ich möchte nicht, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft allein Amazon darüber entscheidet was und wie wir lesen. Ich hätte sehr gern, dass wir zusammen daran arbeiten, dass das Lesen ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft bleibt. Nur um das zu erreichen, ist es vielleicht an der Zeit, die mit ins Boot zu holen, die ein Buch erst möglich machen – nämlich uns Autoren. Es ist Zeit für Veränderungen und für Mut und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Wer das Feld ebenfalls nicht Amazon überlassen möchte und dafür Ideen, Vorschläge oder eine kritische, sachliche Gegenposition hat, den lade ich gerne ein, mit uns Autoren über das Problem nachzudenken. Es gibt viele Kollegen, mit vielen guten Ideen, die offen für den Austausch, für Neues und für buntes Konfetti sind.

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25 Kommentar/e

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  • Christian Reichenbach

    Christian Reichenbach

    Zu der sehr treffenden Betrachtung von Frau Woolf möchte ich nur folgendes hinzufügen: Wir haben gestern entschieden, den Titel 'Who is Hunter' von Mia B. Meyers, einer weiteren deutschen eBook-Autorin, innerhalb der nächsten sechs Wochen auch für den allgemeinen Buchhandel verfügbar zu machen. Der Roman steht heute auf Platz 2 der Amazon eBook Charts und damit drei Plätze vor dem neuen Bestseller von Frank Schätzing. Die Autorin hat in den 13 Tagen seit Erscheinen etwa 5.000 eBooks verkauft.
    Es liegt ganz allein an Ihnen, werte Buchhändlerinnen und Buchhändler, ob davon 500 oder 50.000 gedruckte Exemplare über den Tresen gehen werden. Darüber, dass genügend Leserinnen und Leser das Buch kaufen wollen, brauchen wir, glaube ich, an dieser Stelle nicht zu diskutieren. Viele Grüße, Christian Reichenbach, BE-Verlag.

  • Sue Meinig

    Sue Meinig

    Ich lese schon seit meiner Kindheit gerne Bücher, Ich liebe lesen. Ich liebe es, Der Realität entfliehen zu können und habe mich in den letzten Jahren immer öfter gefragt, warum ich immer öfter das Gefühl habe, mir einen E-Book-reader kaufen zu müssen. Ich glaube, es geht vielen so, dass ein richtiges Buch in der Hand einfach toll ist und ich bezweifle, dass der Reader mir das gleiche Gefühl vermitteln kann.
    Leider ist es aber so, dass im Buchladen selten mal ein Buch zu entdecken ist, bei dem man vom Autor noch nie gehört hat. Und so sehr ich es auch NICHT zugeben möchte, meine absoluten Lieblingsbücher habe ich auf Amazon entdeckt und bin auch stolz, dass mein von Herzen kommender zweiter Platz von drei deutschen Autoren belegt ist, nämlich von Marah Woolf, Emily Bold und Stefan Seitz. Wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, bin ich enttäuscht darüber, diese Bücher über das Internet entdeckt zu haben bzw dass ich Online-Empfehlungen gefolgt bin.

    Ja, Marah Woolf hat Recht, es hat sich sehr viel geändert in den letzten Jahren. Ich als Leser muss mich da genauso neu orientieren. Ich gebe zu, dass auch ich neugierig bin, wer die Autoren sind...

    Liebe Marah, vielen Dank fürs Augen öffnen, so habe ich es eben auch noch nie betrachtet.

  • Hans Peter Roentgen

    Hans Peter Roentgen

    Danke Marah. Mich hatten einige Kommentar von Buchhändlern und Fans vom Buchhandel erschreckt. Natürlich gibt es überall Trolle, warum sollte es im Buchhandel anders sein?
    Ich finde es toll, wenn Bestsellerautoren aus dem Selfpublishing mit Verlagen zusammenarbeiten, ihre Bücher auch dem Buchhandel zugänglich machen. Denn leider versucht das große A diesen Bereich mit Exklusivverträgen abzuschotten.
    Und dann lese ich Kommentare zu Marahs Seite wie:
    „Wie armselig sie doch sind.“
    „niedere Autorin“
    “ Marah Woolf geht es nur ums Geld“
    „wer sich als Autorin so zum deutschen Buchhandel outet, hat meiner Meinung nach keinerlei Ehre verdient.“
    „Das ist einfach nur ekelhaft was diese Frau von sich gibt“
    Natürlich durften Drohungen nicht fehlen.
    „Es tut mir nun für den Verlag leid, dass dessen Absätze schwinden werden“
    „Wirklich schade, dass der Verlag dieses unprofessionelle Verhalten ausbaden muss. “
    „werde ich mir künftig auch die Mara Wolf Bücher nicht mehr hinlegen“
    „Mainstreamscheisse“
    „ich werde keins deiner Bücher weder lesen, noch an Freunde weiterempfehlen“

    Schlimmer kann man den Buchhandel gar nicht in Verruf bringen. Ich weiß, die allermeisten Buchhändler sind nicht so und ähnliche Hate-Speechs gibt es leider überall.
    Nur dass diese Kommentare dem gesamten Buchhandel ungeheuer schaden.
    Wir sollten uns freuen, wenn erfolgreiche Selfpublisher sich bemühen, ihre Werke auch über den Buchhandel verfügbar zu machen.
    Herzliche Grüße, Hans Peter Roentgen

  • Franzi

    Franzi

    Sehr geehrte Frau Woolf,
    ich gebe zu mich an der Debatte auf ihrem Blog beteiligt zu haben und mich negativ, wenn nicht gar auch unsachlich, über ihre Meinung beschwert habe. Das war eine Antwort aus dem Affekt und dem Schock. Ich glaube, sie haben ihre Absichten in ihrem Blogbeitrag etwas anders dargestellt beziehungsweise einfach nicht genau auf den Punkt gebracht, auf was es Ihnen wirklich ankommt.
    Ich möchte mich für meinen hitzigen Kommentar auf ihrer Seite entschuldigen. Auch wenn ich weiterhin etwas anderer Meinung bin als Sie. Ich sehe sie widersprechen sich hier nämlich auch ein bisschen selbst, was das multichanneling angeht.
    Aber die Idee, Autoren mehr mitsprechen zu lassen finde ich wichtig und gut. Das geht vor allem an die Verlage. Denn wir Buchhändler bekommen natürlich auch nur die „Fertigware“ vorgesetzt und „müssen“/ oftmals dürfen das verkaufen.
    Ich glaube es fehlen einfach konkrete, auf den Punkt gebrachte, echte Ideen um diese Amazondebatte (die hier nur einen weiteren Höhepunkt erlangt hat) endlich zum Schweigen zu bringen.
    Mit freundlichen Gruß (auch an Autorenkollegin Anderson)
    Franziska

  • Katja Fischer

    Katja Fischer

    Erst mal großes Lob, dass Marah überhaupt den Mut hat, so den Mund aufzumachen. Amazonas ist heute leider ein nötiges Übel wenn es um Buchverkäufe geht. Ich spreche mal aus meiner Erfahrung und kann sagen, dass mindestens 1/3 aller eBooks dort gekauft werden. Bei den Printbüchern ist es noch viel mehr.
    Ich glaube der einzige Weg um den stationären Buchhandel überhaupt noch zu retten, ist das Kaufen von Büchern zu einem Erlebnis zu machen. Das fängt bei regelmäßigen Lesungen an und hört bei etwas extravaganteren Ideen auf? Wieso nicht mal einen Aktionstag bei der Kunden die als Buchfigur kostümiert sind, einen Rabatt oder etwas geschenkt bekommen? Wie wäre es, wenn man den Onlinehandel stärker einbindet? Und ich rede da nicht von einer Tolinoecke im Thalia. Ich dachte da eher an QR-Codes, die auf das eBook verweisen und damit aber gleich für ähnliche Werke Werbung machen. Oder, um mal die Frage der lokalen Autoren etwas einzufinden, wie wäre es mit Treffen oder Vorträgen oder Disskussionsgruppen mit örtlichen Autoren IN der Buchhandlung? Wie gesagt. Die Buchhandlung ist nicht mehr nur Umschlagsplatz für Bücher. Die bekomme ich auch im Rewe, denn die haben auch eine Bestellerauswahl neben den Zeitschriften. Wenn der traditionelle Buchhandel überleben will, muss er sich etwas einfallen lassen, was Amazonas nicht kann. Und der Vorteil der realen Welt ist es doch, dass Menschen sich begegnen können. Also live, in Farbe und ohne Kabel oder WLAN.
    Ansonsten verkommen Buchhandlungen immer mehr zu Werbetafeln der großen Verlage. Sie müssen einfach mehr aus der Lebensphilosophie der Buchliebhaber machen. Und in der heutigen Zeit sind das eben auch Veranstaltungen. Und gerade “Happenings“ in jeder Form (ich habe einmal Bilder gesehen, dass ein “gläserner Autor“ in einem Buchhandelsschaufenster für einige Stunden seinen Arbeitsplatz bezogen hat) können die Leute überhaupt noch vom Hocker reißen. Sonst wird wirklich bald Amazon entscheiden, wen und was wir lesen. Aber in dem Fall ist das Verfluchen der faulen Leser, die mit dem Lesen von eBooks sogar Geld und Rohstoffe sparen (wie konnte ich das nur sagen? ;-) ) und des Händlerriesen komplett die falsche Adresse. Genau wie die Autoren die sich selbst vermarkten und versuchen finanziell nicht komplett baden zu gehen. Denn das Problem hat der Buchhandel ganz allein verschlafen und sollte endlich mal dagegensteuern.

  • Stefan Holzhauer

    Stefan Holzhauer

    Danke!
    Dankedankedanke für den Blogbeitrag und diesen Artikel.

    Leider muss ich eine Prophezeihung wagen was nun passieren wird:

    Es wird ein paar Tage diskutiert und danach macht der Handel weiter wie immer, als gäbe es kein Amazon und keine Digitalisierung samt Medienwandel.

    Das ist ja alles nichts Neues und steht auch nicht von heute auf morgen vor der Tür, das wäre alles seit Jahren abzusehen gewesen, lägen nicht große Teile dieser Branche nach wie vor in tiefem Schlummer, gebettet auf dem sanften Kissen der Buchpreisbindung und den eigenen Tellerrand für einen Horizont haltend.

    Solange diese Branche auf ihren uralten okkulten Regeln beharrt, statt es Autoren so einfach wie möglich zu machen, in die Buchhandlungen zu kommen (und es um LÄNGEN einfacher ist ,eine App an den Mann oder die Frau zu bringen und damit auch gut Geld zu verdienen), und solange die Verlage weiterhin die Autoren am ausgestreckten Arm verhungern lassen (und dafür auch noch verlangen, dass die sich selbst vermarkten), wird die Fahrt bergab nur noch schneller werden.

    Ich befürchte, dass auch dieser Weckruf wieder nur verhallen wird (wie alle zuvor), weil die Branche sich leider vor allem durch Evolutionsresistenz auszeichnet.

    MfG

  • Erwin Plachetka

    Erwin Plachetka

    Wenn sich ein Buchhändler bei mir beschwert, dass ich meine/unsere Bücher über Amazon verkaufe, muss ich ihn doch fragen: Wieso hast du meine/unsere Bücher nicht im Regal liegen? Warum bietest du deiner Kundschaft meine/unsere Bücher nicht an und bestellst nur, wenn Kunden ausdrücklich danach fragen? Dass Amazon diese Marktstellung bekommen hat, ist auch ein Ergebnis der Unbeweglichkeit der Buchhändler.
    Als Kleinverleger erwarten meine Autoren es einfach, dass ich ihre Bücher über Amazon anbiete, weil damit die Chance gegeben ist, einen größeren Umsatz zu erzielen. Und als Selfpublisher und Verleger muss ich dazu noch sagen, dass ich mir bei Amazon keine Sorgen um die Bezahlung machen muss. Beim Buchhandel, vor allem bei den kleinen Buchhandlungen, muss ich mindestens 30 Tage warten und sehr oft noch ein, zwei Mahnungen verschicken, bis ich mein Geld bekomme. Und das bei den Kleinstbestellungen und sehr geringen Margen. Also, lieber Buchhandel, wach endlich auf und erkenne, dass auch Kleinverlage und Selfpublisher lesenswerte Bücher "produzieren".

  • Andreas

    Andreas

    Naive Frage: sind es nicht die Kunden, die mit ihrer Nachfrage das Angebot in den Läden bestimmen? Wäre ein Buchhändler nicht schon seit jeher mit dem Klammerbeutel gepudert, würde er nachgefragte Artikel nicht führen? Sind es nicht eben die Kleinstverlage und ‚klein‘Autoren, denen mangelndes Marketing und damit einhergehend mangelnde Nachfrage und also mangelndes Angebot vorgeworfen werden muss? Insofern gebe ich Frau Woolf recht, denke aber, der Hinweis müsste zuallererst an die Autoren gehen...

  • Anne-Kathrin Schmutzler

    Anne-Kathrin Schmutzler

    Ich muss gestehen, dass auch ich zu den E-Bookreadern gehöre und das , obwohl ich Bücher über alles liebe. Es gibt einen einfachen Grund dafür... meine dummen Augen

  • Markus Mirwald

    Markus Mirwald

    Wer etwas über die Kultur einer Gruppe oder Branche lernen möchte, sage einfach: Vielleicht liegt es nicht (nur) an den Anderen, sondern (auch) an uns!

  • Isabell Schmitt-Egner

    Isabell Schmitt-Egner

    Ich habe bis auf eine löbliche Ausnahme leider auch schlechte Erfahrungen mit den Buchhandel gemacht. Als ich damals mit meinem Buch in eine Buchhandlung marschierte und fragte, ob sie es ins Regal stellen würden, da ich ja regionale Autorin sei, hieß es: "So was kauft doch keiner."
    Ich sagte: "Doch. 800 Leute schon diesen Monat. Über Amazon. Wiedersehen."
    Das war eines von vielen Erlebnissen. In diesem Buchladen standen vorne auf dem Tisch 6 Stapel mit Shades of Grey und im Schaufenster stand ausschließlich Shades of Grey, habe 12 Bücher gezählt. Wo ist die Vielfalt jenseits der Bestseller, wo ist das Interesse, wo ist das Reden? Warum wird man als Autor behandelt, als wäre man ein dummer Tagträumer, der keine Ahnung vom eigenen Buch hat?
    Wenn fragt, ob eine Lesung in dem Laden möglich ist und man dann mit einem Lachen und dem Spruch "Was wollen Sie hier? Sind Sie überhaupt berühmt?" abgefertigt wird, dann weiß man Bescheid. Das hält eine gewisse Buchhandelskette natürlich nicht davon ab, einem Plagiator eine Deutschlandtournee zu ermöglichen. Immerhin hat er Follower ...

    Ich stimme dir, Marah, vollumfänglich zu. Natürlich tut es dem Buchhandel weh, wenn man so aus dem Schlaf gerissen wird. Und es gibt wie gesagt, löbliche Ausnahmen, wie heute wieder gesehen, Thalia Worms, die extra ein Regal für deutsche Autoren einrichteten. So was ist doch wunderbar. Oder Thalia Limburg, die eine junge Autorin mit ihrer Debutreihe unterstützen, obwohl es Selfpublishing ist.
    So was sollte wegweisend sein.

    Dass Marah Woolf angegangen wurde, weil sie ein Buch, das im Buchhandel gar nicht verfügbar ist, nicht mit der Buchhandlung verlinkt hat (so wars doch, oder?), zeigt mir nur, dass der Buchhandel langsam mal Nachhilfe braucht. Die Buchwelt hat sich geändert. Es ist auch nicht so, dass ein Autor mit Buch ohne ISBN nicht existiert. Auch wenn ich den Spruch "Diesen Autor gibts nicht!" schon oft gehört habe. Doch, lieber Buchhandel. Es gibt diese Autoren. Und sie würden mit euch zusammenarbeiten, wenn man sie lassen würde.

  • Katharina Mohini

    Katharina Mohini

    Danke liebe Marah für die ehrlichen Worte, die einem Selfpublisher aus der Seele sprechen und die ich im vollsten Umfang unterstützen kann.
    Meine Gedanken hierzu, die ich hier nur ansatzweise wiedergeben kann und mag. Ich denke, falsch beschrittene Wege gibt es viele bei dieser Problematik. Irrwege, Abkürzungen und auch Sackgassen, die jeder von uns macht. Im Endeffekt möchte jeder überleben. Ob nun Verlag, Agent, Buchhändler und die Autoren. Ja, sogar wir Selfpublisher.
    Es ist nur die Frage: Inwieweit sind wir dafür bereit, zu teilen und die Anderen mit ins Boot zu nehmen? Haben wir den Mut, die Argumente, Wünsche und Hoffnungen des jeweils Anderen anzuhören und ihm entgegenzukommen? Erkennen wir irgendwann, dass man nur gemeinsam wachsen kann?
    Das klappt bestimmt nicht, wenn man mit dem Taschenrechner in der Hand herumläuft und versucht allein sein eigenes „Sackerl“ zu füllen.
    Solange wir uns nicht alle an die Nase fassen und erkennen, dass es nur mit einem Miteinander möglich ist, um voranzukommen, wird immer „der Wurm drin“ sein.
    Ist es denn einzig und allein wichtig, immer vorausschauend zu planen? Muss jedes Buch den Hauch eines Bestsellers mit sich führen? Muss es der/die für Hunderttausende von Euros teuer eingekaufte schwedische, englische oder sonstwoherige Autor/in sein? Oder ist es doch möglich, dass man vielleicht auch als Geschäftsmann/frau ein kleines Stück Individualität erträgt und die Käufer befriedigt, die jenseits des Streams lesen? Für Leser die nicht ihr Geld ausgeben wollen um im „elften Bestseller von Autor XYZ“ die zusammengeklatschten Texte aus den zehn vorherigen Büchern zu lesen. Wo ist das Gespür geblieben für ein wenig Abenteuer, für Erfolgsgeschichten, die man mit den Autoren, SP’lern, Buchhändlern, Agenten und Verlagen gemeinsam entwickeln kann.
    Auf meinem (traditionellen) Weg zur Selfpublisherin habe ich kaum solch positive Erfahrungen sammeln dürfen. Agenten die überfordert waren oder die ihre Schäflein längst im Trockenen hatten. Aufforderungen „angepasst“ zu schreiben. Verlage, deren unterbesetzte Lektorate völlig überfordert waren. Dazu nicht gerade wenig Buchhändler, deren Verhalten mir gegenüber, denen eines Diskotheken-Türstehers noch übertraf.
    Auch ich habe begreifen und lernen müssen auf die Anderen zuzugehen. Dieses Quäntchen Verständnis, dass jeder von uns entwickeln und das er dem anderen zugestehen sollte. Ich für mein Teil kann heute sagen, dass wir Selfpublisher an uns arbeiten, auf gute Ratschläge hören und uns in der Mehrzahl sehr bewegen.
    Vielen von uns liegt es am Herzen, ein Produkt auf den Markt zu bringen, das dem eines Verlages in nichts nachsteht. Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung, Werbung schalten und effektive Vertriebswege sichern. Wir sind zwangsläufig Allroundkünstler geworden, um nicht zu verhungern. Dazu gehört nun einmal auch das Unternehmen mit dem großen Buchstaben “A“. Endlos glücklich bin ich darüber auch nicht. Viel lieber würde ich meine gedruckten Bücher in den Buchhandlungen vor Ort finden und zusehen, wie „suchende Leser“ meine Werke entdecken.
    Mittlerweile gibt es diese Buchhändler mit Visionen und Mut zur Lücke, die diese Bücher von mir und anderen Selfpublishern auf- und ausstellen. Bücher, die aus dem üblichen Einheitsbrei herausstechen und die nicht nach den kaufmännisch errechneten 320 Seiten enden müssen, oder an den Grenzen eines Genres festgezurrt werden.
    Zu guter Letzt, vergessen wir doch bitte nicht, dass wir es sind - vom Autoren / Selfpublisher bis hin zum großen Verlag – die etwas Farbe in diese graue, gleichgeschaltete und durch ständig neue fragwürdige Strömungen hetzende Welt hineinbringen. Letztlich sind wir alle aufeinander angewiesen.
    Danke für das Lesen und Zuhören, Ihre / Eure Katharina Mohini.

  • Louisa

    Louisa

    Ich finde, man macht es sich ganz schön leicht, wenn man einfach den Buchhändlern den schwarzen Peter zuschiebt!
    Gerade die sind es die mit Herzblut versuchen, sowohl Groß als auch Klein für das Medium Buch zu begeistern, für den Inhalt müssen nunmal die Autoren sorgen!
    Im Endeffekt müssen wir doch alle an einem Strang ziehen, wenn wir das BUCH wieder attraktiver machen wollen und nicht gegeneinander arbeiten.
    Wenn jetzt jeder eingeschnappt seine Bauklötzchen einpackt, wird's nichts mit unserem Turm.

  • Katie S. Farrell

    Katie S. Farrell

    Respekt, dass Marah das Thema nochmals aufgreift, obwohl diese unfassbaren Reaktionen kamen. Ich persönlich habe Marah Woolfs Werdegang aus Neugier lange verfolgt und bin immer wieder von der sympathischen Autorin angetan, die ruhig und offen ihre Meinung kundtut.
    Als ernsthafte Hybridautorin (Selfpublisher und Kleinstverlag) versuche ich inzwischen auch, meinen Lesern den Mehrwert zu bieten, dass meine Bücher in der Buchhandlung zu erwerben sind.
    Dafür machte ich mir die Mühe mit ISBN-Nummern und dem Eintrag ins Verzeichnis lieferbarer Bücher. Ab jetzt konnte mich jeder im Buchhandel finden und beim Verlag bestellen.
    Was sagt der wohnort-nahe Buchhändler? "So was brauchen wir nicht." Oder ein anderer etwas netter: "Wir haben so wenig Platz, den benötigen wir für die Bestseller und die Klassiker."
    Eine positiv eingestellte Insiderin erklärte mir den Bestellungsunwillen mit der zusätzlichen Abrechnungsarbeit, die sie allerdings auf sich nimmt, um die Kleinen und Neuen zu unterstützen.
    Ich brachte mit meinem Verlag eines meiner Bücher über einen Barsortimenter in unmittelbare Buchhändlernähe. Wow, die ersten Verkäufe flatterten herein.
    Und von wem kamen sie? Von Online-Buchhändlern! Inzwischen stagniert der Verkauf leider.
    Der direkte Kontakt zu den Lesern und sogar der enorme Marketingaufwand macht mir Spaß. Aber ich höre aus dem Kollegen-Umfeld immer wieder, wie schwierig es ist, diesen Direktkontakt über die Profis vor Ort zu bekommen. Dabei könnten wir so viel voneinander profitieren, was die Freude an Menschen und Geschichten angeht. Bei Lesungen in einem fachfremden Rahmen ist das ein unglaubliches Erlebnis.
    Einige denken jedoch schon um, und ich würde mich freuen, wenn es irgendwann Schule macht.
    Apropos Schule: Wenn man vor einer Klasse steht und die Begeisterung der Jugendlichen spürt, wenn sie einen Autor direkt löchern dürfen – das zeigt doch, dass wir als Menschen von Interesse sind, oder?

    Herzliche Grüße
    Katie S. Farrell (die auch überlegt hat, ob sie öffentlich schreibt, weil es unschöne Reaktionen geben könnte – andererseits: Wer außer den Erfindern gab der Menschheit Impulse? Richtig, die Schriftsteller!)

  • Lutz Kreutzer

    Lutz Kreutzer

    Sehr gut, und dieser Artikel zeigt auch eindeutig auf, was die meisten Autoren, die Selfpublisher sind, denken: Sie stehen den Verlagen offen und positiv gegenüber. Beide Welten nähren desselben Geistes Kind, nämlich das Buch und dessen Erschaffer(in). Die Entwicklung am Markt findet ihren Weg, aber wir alle können daran mitarbeiten, die Steine auf ihm zu beseitigen und sie uns nicht gegenseitig vor die Füße zu werfen.

  • Mario Wagner

    Mario Wagner

    Ein sehr richtiger und mutiger Ansatz. Das deutsche System aus Buchpreisbindung und Übernachtliefermöglichkeit durch die Barsortimenter hat zu einer unerträglichen Trägheit und Überheblichkeit des Buchhandels geführt, die allen nützt, nur nicht den Autoren und Kleinstverlagen. Wozu soll ich auch etwas Neues suchen und präsentieren, wenn ich statt dessen darauf warten kann, dass der Kunde mir diese Arbeit abnimmt und ich ihm nur das bestellen muss, was er selber entdeckt hat?Und das wird dann noch als großartiger Service verkauft (der aber letztlich bei amazon besser organisiert ist). So rennen wir beispielsweise als Kleinstverlag mit unserem im Ursprungsland extrem (60 Mio. verkaufte Exemplare) erfolgreichen Kindercomic nur vor verschlossene Türen nach dem Motto "Kennen wir nicht, wollen wir nicht präsentieren". Aber ein Geschäft machen die Buchhandlungen dann doch gerne, wenn denn mal jemand aufgrund Mundpropaganda bestellen kommt. Mehr Mut, Ihr Buchhändler! Raus aus Eurer Depression! Wir wollen Euch als sachkundige Mittler von Neuem, als Empfehler von Unbekanntem und nicht als Bestellhelfer und Schieber von Bestseller-Paletten. Das kann amazon besser.

  • Reiner von Rokeslage

    Reiner von Rokeslage

    Als jemand, der privat sehr gern seine lange Nase zwischen zwei Buchdeckel packt und seit ueber 30 Jahren mit dem herstellendem und vertreibendem Buchhandel sehr eng verbunden ist, seien mir hier an dieser Stelle der jungen Kollegin? gegenueber ein paar regulative Bemerkungen erlaubt sein, auch wenn ich persoenlich nicht fuer nachwachsende lesende Jugendliche gesorgt habe: Amazon ist natuerlich nicht Schuld daran, wenn die heutige Jugend eher als Swombies rumlaeuft, sprich, ihr Handy vergewohltaetigen, als sich von Geschichten inspirieren zu lassen. Amazon ist auch nicht in der Lage, als "hipper" Buchladen diese Klientel zu erreichen. Um als Kind oder Jugendlicher Buecher zu lesen braucht es Vorbilder in der Familie. Was ein Jugendlicher von Amazon lernen kann?: Setz Dich durch, scheiss auf Arbeitnehmerrechte, zahl nur Steuern zum Gemeinwohl, wenn es sich nicht vermeiden laesst - sorge dafuer, dass die Emissionen von Auslieferfahrzeugen diesen Planeten noch zusaetzlich schaedigen. PUNKT - MIR kann niemand Amazon und Co schmackhaft machen. Allein die Nummer "Kunden, die sich fuer den Artikel interessierten...." ist schon suspekt. Bei Amazon werden alle Kunden ueber den gleichen Kamm geschoren... Wem das gefaellt ... Glueckwunsch - meine Welt ist das nicht!

  • if

    if

    Warum entschuldigen Sie sich für den Gebrauch eines E-Bookreaders? Es kommt ja wohl auf den Inhalt, nicht auf die Verpackung an. Der große Vorteil ist, dass Bücher auf elektronischem Wege sogar noch um ein Vielfaches leichter zugänglich sind.
    Das macht natürlich an verschiedenen Stellen Angst.

  • Thorben

    Thorben

    "Und in der heutigen Zeit sind das eben auch Veranstaltungen. Und gerade “Happenings“ in jeder Form ... können die Leute überhaupt noch vom Hocker reißen." Katja Fischer
    Hm, ich überlege gerade ernsthaft, ob ich meine angestellten BuchhändlerInnen rauswerfe und durch Veranstaltungskaufleute ersetze. Danke für den Tipp!

    Ich kenne einige Selfpublisher oder Autoren von Kleinstverlagen, die durchaus im für sie örtlichen Buchhandel (auch bei uns) stattfinden, aber die engagieren sich sehr für ihre Werke. Sie veranstalten Mal-, Foto-, Schreibwettbewerbe, organisieren zu jeder Neuerscheinung eine Lesung mit z.B. Kaffee und Kuchen, da ist man als Buchhandlung dann gerne als Partner mit im Boot. Und ein schöner Artikel in der Regionalzeitung macht die Sache für uns auch gleich attraktiver.

    "Ich sagte: "Doch. 800 Leute schon diesen Monat. Über Amazon. Wiedersehen."" Isabell Schmidt-Egner
    E-Books für 0,99€?

    Ein- bis zweimal im Monat kommen auch zu uns Leute, die ein bestimmtes Buch suchen, sich Autor und Titel notiert haben und das wir dann weder bei KV noch bei Libri oder im VLB finden können. Wo wir es dann finden ist bei Amazon und unter Verlag steht dann "CreateSpace Independent Publishing" oder ähnliches.
    Tja, das ist dann irgendwie... hm.
    Ich geh nicht in den EDEKA und frage da nach ja!-Produkten. Und die Mitarbeiter von EDEKA würden auch nicht für mich in den REWE gehen.

  • Kai Blum

    Kai Blum

    Ich bin ein deutscher Autor, der in Amerika lebt. Daher kann ich nicht in den Buchhandlungen vorsprechen, sondern bin darauf angewiesen, E-Mails zu schreiben. Bisher habe ich noch nie eine Antwort bekommen. Von einer derartigen Arroganz sollte man sich langsam mal verabschieden.

  • Andreas

    Andreas

    @Kai Blum: Inwiefern ist es denn Arroganz, wenn ein Buchhändler jeden Tag 3-4 dieser Autorenmails bekommt (und zusätzlich noch 30, 40 Mails von Verlagen) und sich nicht jeden Tag Zeit nimmt, diese auch zu beantworten? (By the way: die meisten dieser Titel sind aus der Kategorie "Oppa erzählt vom Krieg", "Wie ich meine Alkoholsucht in den Griff bekam" oder "Mein Stiefvater hat mich als Kind missbraucht und 50 Jahre später schreibe ich mir alles von der Seele"). Die meisten dieser Mails lese ich mir durch und schaue mir die Titel auch in der Bibliografie an, aber meistens passen die Lieferkonditionen nicht. Bücher von einem Verlag wie Ihrem Conbook Verlag kann ich (bei einer größeren Kette arbeitend) nur vom Barsortimenter bestellen, da der Verlag nicht gelistet ist. Wieso sollte ich mir aber Ihre Krimis und Englisch-Sprachführer für 30% Rabatt bestellen, wenn ich meine Krimiabteilung auch mit dtv- und Heyne-Titeln für 45-50% Rabatt, und meine Reiseabteilung bei MairDumont mit qualitativ genauso hochwertigen Titeln ebenfalls für 45-50% Rabatt füllen kann? Das VLB listet 2,5 Millionen lieferbare Titel aus, eine durchschnittlich große Buchhandlung hat 30.000 bis 80.000 Buchexemplare von sagen wir einmal 10.000 - 20.000 verschiedenen Büchern vorrätig, also ca. 0,5 - 1%. Woher kommt, frage ich also zurück, der Glaube des Autors, dass ausgerechnet seine Bücher diejenigen sind, die das Sortiment braucht? Wir sind Händler, wir treffen wirtschaftliche Entscheidungen. Wir sind nicht diejenigen, die jedem, der einige Bücher geschrieben hat, automatisch zu Ruhm und Reichtum verhelfen.

  • Unke

    Unke

    Langsam reicht aber das Buchhandelsbashing !
    Als Sortimenter bestimme ich und ausschließlich Ich, welche Bücher eingekauft werden.
    Dieser Einkauf besteht aus: welche Zielgruppe habe ich und welche Bücher passen dazu und welche Konditionen räumt mir der Verlag ein. Buchhändler sind nämlich keine Wohltäter!
    Herr Blum, leider sind Sie nicht der einzige Autor und Verlag, der mit E- Mails Werbung macht. Wie soll man täglich mit hunderten Werbe E-Mails denn sonst verfahren, als ein Großteil davon, weil unwichtig, ungelesen zu löschen.
    zu Torben: Danke!!!

  • Kai Blum

    Kai Blum

    Liebe Unke, lieber Andreas,
    ich verstehe euren Standpunkt durchaus. Ich habe selbst jahrelang als Buchhändler gearbeitet. Aber eure Kommentare machen deutlich, dass vielen Autoren nichts anderes übrig bleibt, als ihre Bücher über Amazon zu verkaufen. Und ich rede hier nicht von ein paar Hundert Büchern, sondern mehreren Zehntausend in den letzten Jahren. Nichts wäre mir lieber, als mit diesen Verkäufen zum Erhalt unabhängiger Buchhandlungen beigetragen zu haben. Nun gut, ich habe es versucht, ohne Erfolg. Ich finde das wirklich schade.

  • Andreas

    Andreas

    Wer die Branche in einem tiefen Schlummer wähnt und ihr Evolutionsresistenz vorwirft, hat entweder keinerlei Branchenkenntnisse oder umgibt sich mit den falschen Leuten. Ich sehe den Buchhandel als Branche, die mitten in Ihrem massivsten und tiefgreifendsten Wandel seit langer Zeit steckt. Wenn man sich einen Buchhändler allerdings krampfhaft als rückwärtsgewandten, Birkenstock-Sandalen-tragenden, Peter-Handke-lesenden Schlipsträger vorstellen möchte, dann bitte: Go ahead! Aber richtiger wird dieses Vorurteil davon nicht.

    (By the way, ich merke gerade, dass hier noch ein anderer Andreas kommentiert. Dieser und der vom 02.05 sind von mir, der vom 26.04. stammt von einem anderem Andreas. Trotzdem gebe ich ihm recht)

  • Ines

    Ines

    An ALLE hier Beteiligten, ich bin seit 30 Jahren Buchhändlerin, davon seit 25 Jahren selbstständig. Wir erleben seit Jahren ständigen Wechsel, ein Hoch und Tief der Gefühle was unsere Branche betrifft...aber Bangemachen ist nicht. Wir lieben nach wie vor Bücher, verteufeln keine E-Reader ( denn die haben auch ihr Gutes ) und arbeiten durchaus auch schon mal mit amazon zusammen. Wir haben in der Vergangenheit und in der Gegenwart immer wieder kleine Verlage ins Programm genommen, Autoren aus der Region, die hier anklopften und deren Bücher auch sehr gut liefen und wir selber verschlangen und haben schon seit Jahren neben der bekannten Bestsellerliste eine eigene auf die Beine gestellt, an der sich mittlerweile die Kunden mehr orientieren...Wir lesen viel und gerne und machen auch keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Namen. Im Gegenteil...wir finden es spannender, unbekannte Autoren zu entdecken und möglichst oft zu empfehlen, wenn sie uns denn gefallen. So haben wir schon oft von Vertretern erfahren, dass wir bei manchen Titel da eine Ausnahme sind oder zu wenigen Buchhandlungen gehören, die dieses Buch gelesen haben. Wir laden Autoren ein, veranstalten Lesungen usw. Und jetzt muss ich mal was loswerden: Wir arbeiten und arbeiten...es macht uns auch viel Spaß, aber wir müssen auch davon leben, Rechnungen bezahlen usw. Wir spenden an Vereine, unterstützen Projekte vor Ort. Das funktioniert aber nur, wenn wir weiterhin als Ort des Lesens angesteuert werden. Denn auch wir sind mittlerweile ratlos, warum so viele Jugendliche anderswo kaufen oder..oder..obwohl wir ihnen Leseexemplare zur Verfügung stellen und sie an unseren Prozessen teilhaben lassen. Auch macht es mich manchmal ärgerlich, wenn ein Kunde unverblümt gesteht, dass er all seine Buchwünsche schon bei amazon erledigt hat, nur dieses eine Buch, das führen sie nicht, ob wir es nicht besorgen könnten. Und ja, wir tun es, auch wenn nur 2 Euro hängenbleiben. Wir tun wie so viele Kollegen alles, um die Kunden an uns zu binden oder sie wenigstens ab und zu in den Laden zu locken und doch ist es oft nicht mehr genug. Aber wie oben gesagt, nicht bangemachen, wir Kleinbuchhändler sind Stehaufmännchen. Ich habe die Beiträge hier sehr genau gelesen und hoffe neue Ideen und Impulse für uns mitzunehmen. Ich würde mir nur mehr Verständnis für uns ganz Kleine wünschen, die Tag für Tag einfach nur überleben wollen. Noch ein Wort an Marah Woolf: Bisher haben wir es noch nicht geschafft, ein Buch von Ihnen zu lesen, obwohl Sie bei uns im Regal stehen. Das werden wir aber sofort ändern und wenn Sie so gut sind wie hier oft beschrieben, werden wir Sie auch den Lesern empfehlen. Denn eines ist uns wirklich, wirklich wichtig: Die großen und kleinen Menschen mit guten Geschichten zu begeistern.

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