Margarete Stokowski sagt Lesung bei Lehmkuhl ab

Lemling: "Wer sich gegen Rechts engagiert, sollte wissen, was Rechte denken"

Die "Spiegel"-Kolumnistin Margarete Stokowski sagt eine Lesung bei Lehmkuhl ab – weil die Buchhandlung in ihrem Sortiment rechte Primärtexte aus rechten Verlagen führt. Michael Lemling nimmt diesen Schritt mit Unverständnis zur Kenntnis, wie seine folgende Stellungnahme erläutert.

Michael Lemling

Michael Lemling © Matthias Kneppeck

Boersenblatt.net dokumentiert die "Stellungnahme der Buchhandlung Lehmkuhl zu Margarete Stokowskis Absage ihrer Lesung am 28. November" im Wortlaut:

"Margarete Stokowski hat ihre bereits ausverkaufte Lesung bei Lehmkuhl am 28.11. abgesagt und erklärt, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen Ort in München lesen wird. Dazu von uns das Folgende:

Frau Stokowski hat abgesagt, nachdem ihr zugetragen wurde, dass sich in unserer Auswahl an Büchern, die sich mit der Neuen Rechten beschäftigen, auch einige rechte Primärtexte aus dem Antaios Verlag befinden. Das macht Lehmkuhl für sie zu einem Ort, an dem sie nicht auftreten möchte.

Frau Stokowskis Absage wirft wichtige Fragen auf: Wer darf rechte Bücher lesen? Dürfen Buchhändler Bücher aus rechten Verlagen verkaufen? Wenn ja: an wen? Und nicht zuletzt: Wie steht es um die Debattenfähigkeit der streitbaren SPIEGEL-Kolumnistin Margarete Stokowski, die einen linksliberalen Veranstaltungsort wie Lehmkuhl zur No-go-Area erklärt, weil er nicht in ihr 'Antifa-ist-Handarbeit'-Konzept passt?

Wer auch immer sich mit Rechtspopulisten in all ihren Spielarten beschäftigen möchte, findet dazu bei Lehmkuhl die größte Auswahl an Titeln in München. Wir haben sie unter der Rubrik 'Neue Rechte, altes Denken' zusammengestellt. Die große Auswahl ist kein Zufall, halten wir doch die Auseinandersetzung mit den Rechten für eine der wesentlichen politischen Herausforderungen der Gegenwart.

Wer sich gegen Rechts engagiert, sollte wissen, was Rechte denken und lesen, wie sie argumentieren. Das kann man sich alles aus der vorhandenen Sekundärliteratur erschließen. Stimmt. So haben wir es hier praktiziert, bis 'Finis Germania' von Rolf Sieferle erst zum Skandal auf der NDR-Sachbuchbestenliste und dann zum SPIEGEL-Bestseller wurde. Es waren die bürgerlichen Feuilletons mit ihren namhaftesten Kritikern, die einen rechten Text zur Debatte stellten, dem eine nennenswerte Nachfrage im Buchhandel folgte. Dürfen nur Journalisten, Historiker und Politologen Sieferle lesen? Es hätte an diesem Punkt nicht von der 'Haltung' des Buchhändlers sondern von seiner Arroganz gezeugt, wenn er seinen interessierten Kunden diesen Text verweigert hätte.

Wir haben in der Folge zwei weitere Publikationen von Antaios aufgenommen, deren Kenntnis wir jedem Antifaschisten empfehlen möchten: Götz Kubitscheks Essaysammlung 'Die Spurbreite des schmalen Grats' und die von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz publizierte Polemik 'Mit Linken leben'. Diese Bücher und ihre Autoren erfreuen sich ebenfalls starker Debatten auf den Politik- und Feuilleton-Seiten der Tages- und Wochenzeitungen unseres Landes. Diese Berichterstattung ist notwendig, da sie sehr genau die tektonischen Verschiebungen in der politischen Kultur unseres Landes beobachtet.

Es ist leider so: Bessere Einführungen in rechtes, identitäres Denken als die Bücher der Genannten gibt es nicht. Das ist Aufklärung im O-Ton. Gefährden wir damit unser Publikum? Müssten wir nicht jeden, der mit Kubitschek an die Kasse kommt, fragen, wes Geistes Kind er ist? Nun: Wir glauben an die intellektuelle Spannkraft unserer Kunden und sind überzeugt, dass das Lesen rechter Publizistik nicht wehrlos macht. Im Gegenteil! Und um auch das klarzustellen: Es geht hier nicht um die Präsentation der gesamten Verlagsproduktion von Antaios & Co. im Schaufenster und die Auslage rechter Stapeltitel an der Kasse. Einen Rechtsruck bei Lehmkuhl muss niemand befürchten.

Ein einziger Blick auf unsere zeitgeschichtlichen Veranstaltungen in diesem Jahr hätte Margarete Stokowski zeigen können, welche Fragen uns und unserem politisch interessierten Publikum wichtig sind: Im Frühjahr diskutierten wir u.a. mit dem Publizisten Thomas Wagner über die Neue Rechte und mit Karl-Heinz Meier-Braun über die Doppelmoral der bundesdeutschen Flüchtlingspolitik. Im laufenden Herbst referierte Hartmut Wächtler in unserer Buchhandlung über Vergangenheit und Gegenwart politischer Justiz in Bayern und der amerikanische Politologe Corey Robin darüber, wie sehr der amerikanische Rechtspopulismus aus dem Ideenbestand des europäischen Konservatismus schöpft.

Was wir mehr denn je brauchen, sind offene und streitbare Debatten über die kontroversen politischen Themen unserer Gegenwart. Schade, dass Margarete Stokowski es vorzieht, lieber in ihrer eigenen Echokammer zu verbleiben.

Michael Lemling/ Geschäftsführer der Buchhandlung Lehmkuhl"
 

Mehr zum Thema

20 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Hausfrau

    Hausfrau

    Wenn Frau Stokowski nicht mal Menschen aushalten kann, die zwar ihr Ziel, nicht aber ihren Weg teilen, ist diese Absage kein Verlust.

  • Peter S. Fritz

    Peter S. Fritz

    Ich stimme Herrn Lemling zu, dass in einer Demokratie keiner Buchhandlung zusteht Zensur auszuüben. Die Frage, welche sich hier stellt ist: Gibt es bei Lehmkuhl "braune Regale" oder wird in der entsprechenden Abteilung die ganze Debatte gemeinsam vorgelegt? Im ersteren Fall würde ich Frau Stockowski unterstützen, im zweiten Fall wäre ich mit ihr nicht einverstanden.

  • Ulrike Bliefert

    Ulrike Bliefert

    Wer sich über rechtsradikales oder ultra-rechtes Denken informieren will, muss dazu m.E. keine Primärliteratur lesen. Aber das ist subjektiv, und es gibt nachvollziehbare Gegenargumente. Dennoch: Wenn Frau Stokowski sich in diesem Umfeld deplatziert fühlt, steht es ihr m.E. zu, entsprechend zu handeln. Was das mit mangelnder Debattenfähigkeit ("Wie steht es um die Debattenfähigkeit der streitbaren SPIEGEL-Kolumnistin Margarete Stokowski, die einen linksliberalen Veranstaltungsort wie Lehmkuhl zur No-go-Area erklärt, weil er nicht in ihr 'Antifa-ist-Handarbeit'-Konzept passt?") zu tun hat, erklärt sich mir allerdings nicht, denn eine Lesung ist kein Forum, innerhalb dessen die Verkaufspraktik des Veranstalters zur Debatte steht. Vielmehr wird die/der Lesende als Gast des Hauses mit dessen Gegebenheiten identifiziert. Daher ist eine Absage aus meiner Sicht ein zu respektierender Akt.

  • Klaus Philipp Mertens, PRO LESEN e.V. , Frankfurt am Main

    Klaus Philipp Mertens, PRO LESEN e.V. , Frankfurt am Main

    Unabhängig von der Antwort auf die Frage, ob Margarete Stokowskis Absage ein PR-Gag sein könnte, stellt sich noch eine andere, die mit der Freiheit eines Buchhändlers zu tun hat (im Horizont des Anspruchs als „Zentrum der Information“):
    Vermitteln die erwähnten Titel aus dem Antaios Verlag tatsächlich hinreichend Informationen über ein Milieu, das sich als Neue Rechte bezeichnet? Schließlich möchte jene die Deutungshoheit über den politischen Diskurs erringen.

    Der gemeinnützige Förderverein PRO LESEN in Frankfurt-Sachsenhausen, der im dortigen städtischen Bibliothekszentrum neben Literaturveranstaltungen auch über politische Bewegungen informiert, die in der Tradition der Bücherverbrennung von 1933 stehen, hat trotz beschränkter Möglichkeiten mehrfach größere Ausschnitt aus dem rechten Spektrum präsentiert.

    Beispielsweise über „Compact -Magazin für Souveränität“, „Der III. Weg“, Jürgen Elsässer, Alexander Gauland, „Gemeinsame Erklärung 2018“, Björn Höcke, „Identitäre Bewegung“, „Institut für Staatspolitik“, Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und deren Verleger Dieter Stein, „Konservative Revolution“, Götz Kubitschek, Vera Lengsfeld, Armin Mohler, PEGIDA, André Poggenburg, „Querfront“, Carl Schmitt, Martin Sellner, Zeitschrift „Sezession“, Beatrice von Storch, „Studienzentrum Weikersheim“, Uwe Tellkamp, „Verlag Antaios“, Alice Weidel, Karlheinz Weißmann oder „Zuerst“. Die nächste Aufklärung dieser Art wird im Januar 2019 stattfinden.

    Die bisherigen Versuche einer entlarvenden Aufklärung führten nicht zu Absagen von Autoren, die zu Lesungen eingeladen waren. Vielmehr gingen anonyme Briefe ein wie dieser: „Heute schützt Euch noch die regimedevote Justiz, morgen nicht mehr!!! Wenn der AfD-inspirierte Volkszorn erwacht, werdet Ihr hinweggefegt + zur Verantwortung gezogen!“ Die verunglimpfenden Schriftstücke – insgesamt 21 zwischen August 2016 und Juni 2018 – waren mit Zitaten aus Äußerungen prominenter AfD-Politiker, „Junger Freiheit“, Antaios-Publikationen etc. kalligrafisch „verziert“.

    Der Verfasser dieser Schmähungen konnte durch den Staatsschutz ermittelt werden und er wurde am 28. Juni 2018 wegen dieser und ähnlicher Beleidigungen Andersdenkender vom Amtsgericht Frankfurt am Main zu einer Geldstrafe von 9.000 Euro verurteilt. Doch selbst im Gerichtssaal bekräftigte er, was er wenige Wochen vorher in einem anderen Pamphlet dem Vorsitzenden des Vereins unterstellt hatte:

    „KPD-Freund, Hasser, Hetzer, Bolschewisten-Poussierer, Heuchler, Lügner, Patriotenbesudler, Verfassungsfeind, Nationalverräter, Hochverräter, Freund von Mördern und Drecks-Kommunisten, Demokratiefeind, Rotnazi, Schreibtischtäter".

    Welche Schlüsse können engagierte Buchhandlungen aus den Erfahrungen von PRO LESEN ziehen? Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklung ist ein „braunes Regel“ mit Original- und Sekundärtexten notwendig, um die Kunden umfassend zu informieren. Dann findet auch Margarete Stokowski keinen Grund mehr, eine Lesung abzusagen.

  • Michael Riethmüller

    Michael Riethmüller

    Wer Michael Lemling kennt, weiß, dass er völlig unverdächtig ist, (rechts)autoritärem Gedankengut anzuhängen. Frau Stokowski hätte sich ein bisschen Mühe machen müssen (ist sie nicht Journalistin?), auch ein Gespräch mit dem Veranstalter wäre vielleicht hilfreich gewesen. Das hat ja wohl nicht stattgefunden.

    Der eigentliche Skandal der letzten Wochen war doch, dass in vielen Buchhandlungen (vor allem bei großen Filialisten) der unsägliche Sarrazin stapelweise am "POS" ausgelegt wurde. Sicher nicht bei Lehmkuhl.

  • Christina Rauch

    Christina Rauch

    Ich kann Herrn Lemling nur unserer vollsten Unterstützung versichern. Wir betreiben Handel mit Büchern und es ist keineswegs so, dass das Verkaufen eines Buches eine Meinungsäußerung ist. Sicher wäre es manchmal schöner - jedenfalls für's eigene Selbstgefühl - manche Bücher nicht zu verkaufen ... und das bleibt auch jedem und jeder unbenommen. Aber diejenigen in die Schmuddelecke zu manövrieren, die sich mit den Themen und Gedankenwelten auch kontroverser Provenienzen aus erster Hand befassen wollen, kann ja nun auch nicht unsere Aufgabe sein. Die Neue Rechte wird nicht verschwinden, nur weil wir die Bücher aus jenem Spektrum nicht verkaufen. Wahrscheinlich wäre sogar eher das Gegenteil der Fall. Daher bleibt es der Einschätzung und Verantwortung jeder BuchhändlerIn überlassen, wie im konkreten Fall verfahren wird. Und natürlich ist es schade, wenn eine Referentin absagt, aber das muss eben auch ihr überlassen sein, in welcher Form sie ihrem Standpunkt Ausdruck verleiht. Schöner wäre es anders gewesen ...

  • Volker Gollenia

    Volker Gollenia

    Lieber Herr Lemling, exakt so ist es! Auch, wenn es manchmal schwer fällt, muss man sich mit diesen Strömungen inhaltlich auseinandersetzen!

  • Franz Egal

    Franz Egal

    Großartige Stellungnahme der Autorin. Respekt für ihre klare Worte.

  • Bernhard Biankalla

    Bernhard Biankalla

    "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden." dieses Zitat von Rosa Luxemburg ist zwar immer noch aktuell und würde sogar in einen Twitter-Post passen, aber das mit der Toleranz wird halt ständig schwieriger.

    1968 waren kontroverse Diskussionen noch möglich, aber 2018 halten sich alle die Ohren zu und rufen laut "LA-LA-LA!", wenn der jeweils Andere spricht.

  • Jürgen Langowski

    Jürgen Langowski

    Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Argumentation der sogenannten
    "Revisionisten", die den Holocaust und Hitlers Vernichtungskriege wegdiskutieren
    möchten. Ohne einen umfangreichen "Giftschrank" wäre meine Arbeit gar nicht
    möglich. Deshalb bin ich dankbar für öffentliche Bibliotheken, die mir die
    entsprechenden braunen Quellen zur Verfügung stellen, und ich habe - sofern der
    Kontext stimmt, was hier offenbar gegeben ist -, auch kein Problem damit, wenn
    ich einige dieser Bücher im Buchladen finde.

    Was oben schon anklang, ist meiner Ansicht nach völlig richtig: Eine fundierte
    Auseinandersetzung mit Neonazis und braunen Ideologen ist nur möglich, wenn man
    bei Bedarf die fragwürdigen Thesen auch mal im Orginal nachlesen und sich
    vergewissern kann.

    In dieser Hinsicht neige ich ohnehin zu den sehr weit gefassten Vorstellungen
    von "free speech", wie sie etwa in der amerikanischen Verfassung verankert
    sind. Das geht für mich allerdings zwingend mit der Selbstverpflichtung einher,
    die braune Agitation nicht unwidersprochen stehen zu lassen.

  • AF

    AF

    Das Verhalten von Stokowski ist schon ein starkes Stück. Wenn ihre Zusage zur Lesung davon abhängig ist, dass die Buchhandlung ausschliesslich genehme Bücher vertreibt, hätte sie DAS bereits im Vorfeld abklären können und müssen. Gegen ein solches Verfahren hätte sicher auch Herr Lemling nichts gehabt.

    Aber erst organisatorischen und finanziellen Aufwand erzeugen und sich dann kurzfristig zurückzuziehen, ist extrem schlechter Stil.

    Da hätte ich selbst dann für Herrn Lemling Verständnis, wenn er sich tatsächlich im Ton vergriffen hätte.

  • Heike Pohl

    Heike Pohl

    Die Argumentationskette von Lehmkuhl ist natürlich schwer zu schlagen, es sei denn man berücksichtigt, dass eine Buchhandlung keinen Erziehungsauftrag hat sondern mit Büchern vor allem eines im Sinn hat, nämlich Geld zu verdienen.

    Ebenso, wie Margarete Stokowski es ablehnen kann, bei Ihnen zu lesen, und das auch begründen kann, wie sie möchte, können Sie rechtes Zeugs im Sortiment haben.
    Es ist fadenscheinig von Herrn Lemling, ihr deshalb zu unterstellen, sie bevorzuge die Enge ihrer Echokammer. Es ist davon auszugehen, dass sich Autoren wie Stokowski Tag für Tag mit der Argumentation der Rechten ganz konkret konfrontiert sehen. (Vermutlich möchte kein Mensch freiwillig lesen, was sie zu lesen bekommt.)
    Es ist auch davon auszugehen, dass wer sich darüber informieren will, wie Rechte denken und argumentieren, selbst den Weg zu den jeweiligen rechten Verlagen und rechten Büchern und das direkt finden kann und wird, ohne deshalb den Weg über Lehmkuhl oder andere stationäre Buchhandlungen gehen zu müssen.
    (Auch hier sollte man die Intelligenz der Menschen nicht unterschätzen.)

    Es gelingt ja inzwischen auch kaum jemandem mehr, an der Argumentation der Rechten und der Identitären vorbeizukommen im öffentlichen Diskurs. Insofern:
    Netter Versuch, Ihre Stellungnahme, finde ich.
    Sie mussten selbstverständlich Stellung beziehen und wie hätten Sie da auch anders argumentieren sollen als so?

    Was mich aber tatsächlich interessieren würde:
    Gibt es Tabu-Bücher, die Sie definitiv nicht in Ihre Regale stellen würde? Antisemitisches Zeugs etwa? Oder gilt da auch die Regel, wonach man unbedingt wissen müsse, wie der Antisemit argumentiert, um ihn zu verstehen?

    (Ich unterstelle Ihnen übrigens keine rechten Tendenzen, ich finde lediglich die Haltung von MS konsequent und das ist doch auch ihr gutes Recht. So, wie es Ihres ist, diese Titel zu verkaufen.)

    Über eine Antwort auf meine Frage würde ich mich sehr freuen.
    Gibt es Titel, die Sie tatsächlich ablehnen würden und wenn ja, mit welcher Begründung täten Sie dies?

  • Fabian Reinecke

    Fabian Reinecke

    An dieser ganzen Diskussion, die ich zunächst auf Facebook verfolgt habe, stört mich der moralische Rigorismus, der auch in einigen der Kommentare hier aufscheint.
    Vorab: Ja, in einem Laden, der sein Geld mit rechtsradikaler Literatur verdient, soll keiner lesen müssen. Ja, es wäre schöner, wenn bestimmmte rechte Parteien und ihre rechtsradikalen und rechtsextremen Unterstützer wieder in ihren Schmutzwinkel hinter dem demokratischen Kachelofen zurück kröchen.
    Aber - dieser moralische Rigorismus:
    • die Buchhandlung Lehmkuhl ist eine der 50 bedeutendsten literarischen Buchhandlungen im Lande. Um es mal ganz materialistisch zu sagen - diese Buchhandlung hat schätzungsweise 50.000 Bücher auf Lager. Selbst wenn sie neben drei Titeln des Antaios Verlages noch Spengler, Carl Schmitt und Ernst Jünger auf Lager hat, dürfte der Anteil der dezidiert rechten Literatur im Gesamttbestand homöopathisch sein.
    • Michael Lemling verkauft Bücher des Antaios Verlags mit Sicherheit nicht des Profit wegens, wie Frau Stokowski insinnuiert. Ich habe ihn nur wenige Male persönlich erlebt und darf sagen: diese Vermutung ist absurd. Aber auch wieder ganz materialistisch: wenn die Buchhandlung Lehmkuhl im Jahr hundert mal den Sieferle verhökert (ich vermute eher fünf bis zehn Mal im Jahr 2018), dann ist das ein nix im Kontext des Gesamtumsatzes. Die Rendite steigert es jedenfalls nicht.
    • Wäre es nicht ganz gut, wenn der aufgeklärte liberale Leser wüsste, warum ein Uwe Tellkamp Pegida attraktiv findet? Damit er ihm auf Augenhöhe wiedersprechen kann (auch wenn diese sich vielleicht auf Kniehöhe befindet)? Ich meine, da hat Michael Lemling genauso recht wie Leo/Zorn/Steinbeis' Buch "mit Rechten reden": Nur wer weiß, wogegen er argumentiert, kann zielgenau einen argumentativen Treffer landen.
    • Aber diese moralische Reinheit!Bei Lehmkuhl stehen drei (!) Bücher des Antaios Verlags – mit t einer einschränkenden Distanzierung – auf Lager und kontaminieren die Buchhandlung so sehr, dass Frau Stokowski dort nicht lesen kann. Umgekehrt verlinkt der SPIEGEL (Arbeitgeber von Frau Stokowski) auf Amazon, wo das gesamte Verlagsprogramm von Antaios, Kopp und dem Finanzbuch Verlag ohne jegliche Distanzierung oder Warnung feilgeboten wird. SPON ist eine der erfolgreichsten Internetseiten Deutschlands. Ein Schelm, der glaubt, der SPIEGEL ließe sich diesen Link nicht von Amazon honorieren. Eigentlich sollte Lehmkuhl Frau Stokowski ausladen, die mit ihren Kolumnen die Attraktivität von SPON und Amazon erhöht und damit direkt den Antaios Verlag Wind unter die Flügel bläst.
    • Der Hausverlag der moralisch sehr rigiden Margarete Stokowski ist klug genug, sich bei der Veröffentlichung der PE mit der salvatorischen Klausel abzusichern, der Inhalt der PE müsse nicht die Meinung des Verlags widergeben. Denn müsste nicht heute noch Frau Stokowski alle Brücken zu Rowohlt abbrechen, einem Verlag, der durch seine - wie branchenüblich - Amazon gewährten Rabatte letztlich dazu beiträgt, dass Amazon rechtsradikale Literatur fröhlich und unhinterfragt vertreibt?
    • Die beiden letzten Punkte interessieren Frau Stokowski aber einen Dreck, weil ihr das Hemd näher als die Hose ist. Dann sollte sie aber auch nicht meckern, wenn Lehmkuhl das Hemd näher als seine Hose ist. Ich würde auch lieber meinen Kunden sagen, dass mein Lesungsgast erkrankt ist, als zu erklären, warum mir jemand wider besseren Wissens unterstellt, ich würde mein Geld mit rechter Literatur verkaufen.
    Wer die Demokratie schützen will - Bitte!Bitte! Bitte! - der fange doch nicht damit an, Demokraten zu bekämpfen. Und jetzt beruhigen wir uns wieder und Frau Stokowski hatbitte die Größe bei Lehmkuhl zu lesen. Herr Lemling wird umgekehrt gewisslich bei einem extrem guten Rotwein versöhnliche
    Worte zu finden wissen.

  • Stephanie Aichholzer

    Stephanie Aichholzer

    Ich denke, Frau Stokowski hat richtig gehandelt. Es ist notwendig und täglich notwendiger, der immer stärker grassierenden Salonfähigkeit der rechten Gesinnungskonzeptionisten und ihrer bösen Pamphlete entgegen zu treten.
    Auf diese Weise wird der Normalisierung dieser völkischen und nationalistischen, am Ende noch für intellektuell befundenen Sippe Vorschub geleistet.
    Die tatsächlichen Demokraten dürfen sich nicht weiterhin für dumm verkaufen lassen.
    Daher halte ich es für angezeigt gerade hier eine Grenze zu ziehen. Es kann nicht sein, dass solche Bücher ohne ein offensichtlich erkennbares Konzept, einer wie auch immer gearteten Aufklärung der Leserinnen/Käuferinnen über den Ladentisch gehen. Evtl. durch ein umfassendes Handout durch die Buchhandlung Lehmkuhl bei jedem verkauften Titel, evtl. von Frau Stokowski zusammengetragen?
    Ansonsten sollte für solche Titel nur Bestellung auf Wunsch gelten.
    Man stellt sich doch nicht mehr freiwillig Akif Pirinçci ins Buchhändlerregal, oder??

  • Tina Aichholzer

    Tina Aichholzer

    Frau Stockowski hat völlig richtig reagiert. Es ist für mich unfassbar, was hier als intellektuell beschrieben wird. Wer hierzu zu wenig oder keine Informationen hat, sollte sich einfach ein paar Vorträge dieser intellektuellen, neuen, "denkenden" Bewegung im Internet ansehen, dafür braucht man nicht mal die volle Länge dieser hasserfüllten Reden anzuhören. Und an Herrn Lemling habe ich den Tipp, wenn er solche Bücher schon kommerziell vertreibt und damit Einkünfte von demokratieverachtenden Menschen mit ermöglicht, so könnte er dies umgehen, wenn er den Reinerlös, zum Beispiel einer friedlichen, demokratischen Stiftung zu kommen ließe. Mir fallen da einige ein... Die Antonio Amadeo Stiftung wäre zum Beispiel eine gute Adresse. Diese Spendenaktion sollte gut sichtbar an ihrem schönen Regal für die "Neue Rechte, altes Denken" Rubrik angebracht werden. Dieser Vorschlag ist durchaus ernst gemeint und nicht zynisch... Desweiteren kommt er aus keiner "Echokammer".... Sondern einfach von einer Frau, die um die Werte unserer Gemeinschaft bangt.

  • Peter Wiesmeier

    Peter Wiesmeier

    Bin schon seit 40 Jahren Stammkunde bei Lehmkuhl - und werde es nun auch gerne bleiben! Vielen Dank, Michael Lemling: Für ein klares Eintreten gegen Zensur und einen weiterhin freien Austausch der Meinungen. Dazu gehört die ganze Vielfalt des Buchangebots. Ja, es gibt noch Leser, denen es nicht genügt, infotechnisch nur in einer SZ-Blase festzuhängen.

  • Hunoldt, Marion

    Hunoldt, Marion

    Herr Lehmhuhl hat sich als Geschäftsführer der o.g. Buchhandlung richtig verhalten - echt demokratisch - und sehr gute Argumente angeführt.
    Hätte Frau Stokowski direkt vor dem Bücherrgal des o.g. Verlages Antaios sitzen müssen und ihre Lesung halten sollen, hätte ich ihre Absage verstanden. Aber so!
    Wer ist denn nun populistisch, Frau Stokowski?

  • Merfeller

    Merfeller

    Mich würde interessieren, ob Frau Stokowski der Buchhandlung Lehmkuhl den Ein- und Verkauf ihrer eigenen Bücher untersagt hat!? Denn eigentlich müsste es Frau Stokowski doch empören, dass in einer Buchhandlung ihre Bücher zusammen mit Büchern aus dem Antaios Verlag über denselben Ladentisch zum Kunden wandern...

  • Ulrich Dombrowsky

    Ulrich Dombrowsky

    Eine gute und wichtige Diskussion, die hier geführt wird. Und ich finde es wohltuend, wie sie geführt wird: ohne Tiefschläge und mit offenem Visier. Und ich fürchte, es gibt keine Lösung für derlei Konflikte. Ich finde Lemlings/Lehmkuhls Haltung richtig. Und ich kann nachvollziehen, dass jmd. irgendwo nicht lesen will. Dafür kann es viele Gründe geben. Ich habe selbst schon ähnliche Fälle erlebt - und es ist immer unerfreulich. Klärt man sowas juristisch, politisch, menschlich?
    Wir Buchhändler verkaufen, was wir wollen. Wir nennen uns selbstbewusst Sortimentsbuchhändler, weil wir (aus-)sortieren, handverlesen, werten, Schwerpunkte setzen. Dabei neigen wir vielleicht auch dazu, geschmäcklerisch zu werden. Ich bewundere Lemlings Haltung, setzt er doch aufklärerisches Denken à la Rosa Luxemburg/Voltaire ein. Ich selbst will das rechte Zeugs nicht in meinem Laden stehen haben. Aber ich verstehe und achte Lemlings Gründe, dies anders zu handhaben. Lassen wir uns nicht reinreden in unseren Job. Wir wissen ja wie Buchhandlungen aussehen können, wenn jmd. sie ohne Haltung führt.

  • Hunoldt, Marion

    Hunoldt, Marion

    Der Schreiber Merfeller stellt in seinem Kommentar die berechtigte Frage:
    " Ob Frau Stokowski die Buchhandlung Lehmkuhl den Ein- und Verkauf ihrer eigenen Bücher untersagt hat?"
    Das ist ein neuer Aspekt.
    Vielleicht kann diese Frage noch geklärt werden?
    Des Weiteren stimme ich U. Dombrowski zu, der sagt, dass er verstehe, dass ein(e) Autor(in) nicht in einer bestimmten Buchhandlung lesen will.
    Aber das klärt man doch vorab mit dem Buchhändler und nicht im Nachhinein, wenn die Veranstaltung bereits ausverkauft ist.
    So sieht die ganze Aktion in der Münchener Buchhandlung Lehmkul "Stokowski sagt Lesung ab" nach einer publiciti Campagne in einer eigenen Sache aus. Frau Stokowski will das eigene Buch vermarkten - sprich zu dem Leser bringen - indem sie andere Buchautoren negiert. Das zeugt von Unverschamtheit!

    Mich animiert diese o.g. Aktion vielmehr dazu, das BUCH von M. STOKOWSKIi NICHT zu LESEN.
    Herr Lemling als Geschäftsführer der o. g. Buchhandlung hat auf jeden Fall richtig/ korrekt argumentiert/gehandelt.


    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld