Patrick Hutsch zu falschen Vorstellungen über die Buchpreisbindung

Wir müssen aufklären!

Die Gutachter der Monopolkommission sollten ihre Hausaufgaben wirklich besser machen, findet Schöffling-Verlagsleiter Patrick Hutsch. Hier bietet er Nachhilfe in Sachen Buchpreisbindung an.

Patrick Hutsch

Patrick Hutsch © Gaby Waldek

Das Deutsche kennt viele schöne Wörter. Als letzte Woche die Monopolkommission ihren Auftritt hatte und der Bundesregierung mitteilte, sie solle doch bitte die Buchpreisbindung abschaffen, war der richtige Moment für eines dieser schönen Wörter: Banausen!

Dieser neoliberale Traum auf 100 Seiten lässt einen fassungslos zurück. Doch vollends absurd wird es, wenn man dem Vorsitzenden der Kommission, Achim Wambach, am ­Wochenende im Radio zuhört. "Der Markt ist einem Strukturwandel unterworfen. Amazon wird immer stärker, die Buch­läden weniger, diese Buchpreisbindung verlangsamt diesen Prozess, aber er findet statt!" Weil es der Branche nicht gut geht – und die Gründe sind vielfältiger, als der Herr Professor es glauben mag –, wird empfohlen, dass man "diese Buchpreisbindung" abschafft. Aus kulturpolitischer und betriebswirtschaftlicher Sicht ist es unverantwortlich, ein Mittel abzuschaffen, das das Buchhandelssterben verlangsamt.

Wambach glaubt, dass die Buchpreisbindung "andere Möglichkeiten verhindert, also zum Beispiel Flatrate-Konditionen bei E-Books. […] Man könnte sich auch vorstellen, ich les’ die umsonst und es kommt Werbung." Herr Professor, wenn Ihnen die vielen wundervollen Buchhandlungen überall in Deutschland nicht reichen: Es gibt Bibliotheken. Das ist fast wie Buchhandlung mit Flatrate, nur krasser!

Das gelobte Land der Kommission ist England, denn dort "wird sehr viel in Supermärkten verkauft". Außerdem gingen junge Leser nicht in Buchläden, "meine Kinder lesen E-Books, die lesen keine Hardbooks mehr". England also, ausgerechnet, als feuchter E-Book-Traum. Supermärkte voller billiger Bestseller und endlich, endlich eine Rendite von zehn Prozent und mehr? Zwei Lektüreempfehlungen für die Kommission: ein Artikel im "The Bookseller", er heißt "What might get lost". Und Nielsen Book Research: 2016 sind die E-Book-Verkäufe in England deutlich gesunken – auch weil immer mehr Kinder und Jugendliche wieder "Hardbooks" lesen.

Unterstützung findet die Kommission im Wirtschaftsteil der Zeitungen – wo auch sonst. Für Deregulierung lässt sich prima kämpfen, solange der feste Ladenpreis für Zeitungen einem das Auskommen sichert. Klaus Wagenbach hat es im Nachwort zu André Schiffrins "Verlage ohne Verleger" auf den Punkt gebracht: "In den guten alten Zeiten nannte man so ­etwas gequirlte Scheiße."

Gegen diese gequirlte Scheiße müssen wir uns zur Wehr setzen, ehe es zu spät ist. Und bitte, ersparen wir uns das Gerede davon, die Buchpreisbindung fülle allein den Verlegern die Taschen, dass sich gute Bücher immer durchsetzen werden oder dass unsere Bücher zu teuer seien. Es geht um die Buchpreisbindung für günstige Nackenbeißer und bibliophile Lyrikbände, für Hardbooks und E-Books. Was verloren ginge, das würden alle verlieren: die vermeintlich Altmodischen, die das Papier lieben; die vermeintlich Innovativen, die allein das E-Book lieben; die Buchhändler, on- und offline; die Autoren, die ihre Bücher Verlagen anvertrauen; und die Selfpublisher, die einen eigenen Weg gehen.

Auch dank der Buchpreisbindung haben wir den vielfältigsten, wundervollsten Buchmarkt der Welt. Auch deshalb können wir immer wieder das Unerhörte und Neue verlegen und lesen. Wer das nicht weiß, den müssen wir aufklären! Wer das nicht glaubt, den müssen wir überzeugen! Und gegen die Träume der neoliberalen Marktfetischisten müssen wir uns empören!

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7 Kommentar/e

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  • O. Orie

    O. Orie

    Ganz böse Idee: Wer da wohl mitgemischt hat? In Krimis muss man ja immer danach fragen: "Wem nützt es?" Expansion und Monopolbildung, wer wäre da wohl ein großer Akteur? Eine böse Vermutung drängt sich leider auf.

  • Dr. Tessa Debus

    Dr. Tessa Debus

    Politik gestaltet. D.h. auch, dass die Politik den Rahmen schafft, der den Markt reguliert oder regulieren kann. Warum sollte also eine Buchpreisbindung abgeschafft werden? Die Politik sollte sich selbstbewusst gegen ein solches Gutachten stellen. Zumindest die Politik, die eine vielfältige Unternehmenskultur fördern will, den es geht hierbei auch darum, Konzentrationsprozessen entgegenzuwirken. Große, Kleine, Mittlere Verlage und Buchhändler....
    Schön wäre es, wenn sich diesmal die Politiker (aller Coleur) dem Thema zuwenden. Das Thema VG Wort hat die Politik und die Parteien ja leider schon verschlafen.

  • Christian Russ

    Christian Russ

    ...da unterschreibe ich jedes Wort.

  • Buchhändlerin

    Buchhändlerin

    Eine Monopolkommission zur Verhinderung von Monopolen in Deutschland empfiehlt der Bundesregierung ein Gesetz das Monopole verhindert abzuschaffen. Was hat das für ein "Geschmäckle"? Die böse Vermutung von O. Orie ist nicht von der Hand zu weisen.

  • Interessierter Leser

    Interessierter Leser

    Ich würde mich ja nicht gerade als neoliberal bezeichnen und bin zu viel Liberalisierung sehr kritisch gegenüber. Aber, mein lieber Frosch, dieser Artikel ist rein polemisch, ohne jegliches Argument. Es wird einfach nur angenommen, dass die Buchpreisbindung grundsaetzlich für alle außer Amazon am besten ist. Die Wortwahl ist beleidigend. Solche Wortwahl zusammen mit der Abwesenheit von Argumenten müsste doch sofort auf den Autor zurückfallen. Aber weit gefehlt, die Kommentare folgen einfach blind.

    Es muss doch möglich sein, sich zu überlegen, wem die Buchpreisbindung wirklich nutzt. Nicht nur die Verleger (die z.T. sehr groß und offensichtlich sehr einflussreich sind) sondern auch Amazon bekommt dadurch jede Menge mehr Geld - vor allem vom Leser. Es stimmt womöglich, dass e-books durch die Buchpreisbindung künstlich eingedämmt werden. Ist das gut? Papier ist z.B. ein Umweltproblem. Das kann man vielleicht auch abwägen. Weiterhin: Wenn alle Leser gerne in kleine Buchgeschäfte gingen und dort kauften, dann bräuchte es keine Buchpreisbindung. Das tun sie aber nicht. Da kann man sich dann überlegen warum. Die Buchpreisbindung ist in jedem Fall eine Bevormundung des Konsumenten, denn sie soll das Konsumentenverhalten regelen. Da sollte man sich wenigstens fragen dürfen, wer das Interesse an einer solchen Bevormundung hat und warum es ein Recht zur Bevormundung geben soll. Das bedarf einer detaillierten Abwägung, nicht eines einseitigen polemischen Aufrufs. Ich finde, ein solcher Artikel ist wirklich uninformiert, irreführend und gegen jede rationale Argumentation. Das ärgert mich sehr.

  • Branchenbeobachter

    Branchenbeobachter

    Ich bin politisch sehr weit links und kaufe meine Bücher immer beim örtlichen Buchhändler. Da ich beruflich u.a. mit der Beschaffung von Fachliteratur für ein größeres Unternehmen beschäftigt bin, käme mir eine Abschaffung der Buchpreisbindung sehr ungelegen, weil ich dann mit den Lieferanten über Konditionen reden müsste, was ich jetzt nicht tun muss. Doch nun zur Sache: Dass hinter der Abschaffung der Buchpreisbindung Amazon stecken soll, ist doch reichlich naiv. Wenn man sich die Zahlen von Amazon näher ansieht und dann ausrechnet, wie hoch bzw. niedrig der Anteil des Umsatzes mit Büchern in Deutschland ist, glaube ich nicht, dass sich nur irgendjemand bei Amazon über dieses Thema Gedanken machen wird. Das Problem für die Buchpreisbindung sind Neoliberale in Brüssel und in Berlin, die die letzten Preisbindungen abschaffen wollen, weil diese ein freies Spiel der Kräfte verhindern und als Ausnahmen systemwidrig sind. Das Herunmhacken auf Amazon verstellt aus meiner Sicht nur den Blick auf die wahren Probleme, die die Buchbranche in Deutschland hat.

  • Uwe Friesel

    Uwe Friesel

    In Schweden ist die Buchpreisbindung seit den siebziger Jahren abgeschafft. Die Folge: nicht einmal in mittleren Universitätstädten wie Umeå gibt es noch adäquate Buchhandlungen. Sie können bei den Innenstadt-Mieten und den Billigauflagen in Kaufhäusern nicht mithalten. Somit auch keine fachgerechte Beratung beim Buchkauf, keine Bestellung mit Lieferung am nächsten oder übernächsten Tag, keine Titel, die nicht auf gängigen Bestsellerlisten verzeichnet sind. Lyrik: Fehlanzeige. Übersetzungen junger (i.E. noch unbekannter) Autoren aus anderen Sprachen: nicht zu bekommen. Fachbücher: nach Stockholm oder Göteborg fahren, per Nachtzug oder Flugzeug...

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