Susanne Dagen reagiert mit einer "Charta 2017" auf die Buchmesse-Vorfälle

"Nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt"

Die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen (Buchhaus Loschwitz) kritisiert in einem Offenen Brief an den Börsenverein den Umgang mit "andersdenkenden Verlagen" auf der Frankfurter Buchmesse - und hat im Netz eine "Charta 2017" veröffentlicht, die auch von Autoren wie Cora Stephan und Uwe Tellkamp unterzeichnet worden ist.

Susanne Dagen

Susanne Dagen © Stephan Floss

Die "Charta 2017" (hier abrufbar) setzt ein mit den Worten: "Die Vorkommnisse auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse machen deutlich, wie widersprüchlich es in unserem Land zugeht: wie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt wird."

Wenn ein Branchenverband wie der Börsenverein darüber befinde, "was als Meinung innerhalb des Gesinnungskorridors akzeptiert wird und was nicht", wenn er zu "aktiver Auseinandersetzung" aufrufe und es dann im "Kampf gegen Rechts" zu Sachbeschädigungen komme, dann sei "unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt".

Im "Offenen Brief" schreibt die zweimal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnete Sortimenterin: "Ich schäme mich als demokratischer Mensch, als leidenschaftliche Buchhändlerin und als eine in der DDR Geborene für diesen zutiefst respektlosen und würdelosen Umgang mit 'andersdenkenden' Verlagen und den dahinter stehenden Menschen." Dagen fügt hinzu, dass sie "in aller Ernsthaftigkeit" den Austritt aus dem Börsenverein erwäge.

Was die "Charta 2017" nicht erwähnt: Es kam während der Buchmesse auch zu gezielten Provokationen und Störmanövern von Rechts und bei mindestens einer Veranstaltung des Antaios Verlags mit Vertretern der Identitären Bewegung zu einer Machtdemonstration der Rechten, in deren Verlauf Buchmesse-Direktor Juergen Boos lautstark von der Bühne vertrieben wurde. Dies wurde anschließend als "Sieg" gefeiert.

Schlagworte:

36 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Verlegerin

    Verlegerin

    Ich bin gerade fassungslos. Wo wird denn bitte "Intoleranz gelebt"? Wo die "Meinungsfreiheit ausgehöhlt"?? Im Gegenteil, alle Verlage mit eindeutig rechtsnationalen Schriften durften auf der Buchmesse ausstellen, erhielten sogar Personenschutz, durften reden, Veranstaltungen abhalten etc. Alles Verlage, die unter dem Deckmantel der "Meinungsfreiheit" Publikationen gegen Staat, Grundgesetz, Religionsfreiheit, bestimmte Personengruppen etc. herausbringen. Davon, dass Gegendemonstranten von der Messe geführt werden, wollen wir jetzt gar nicht mal sprechen. "Gesinnungsdiktatur"?? Wenn sie wirklich eine in der DDR groß gewordene "leidenschaftliche Buchhändlerin" ist, dürfte und MUSS sie eigentlich wissen, was das wirklich ist. UND dass das mit dem heutigen politischen Gefüge nichts zu tun hat. Der Rechtsstaat (in dem Falle v.a. die Polizei) schützt noch diejenigen, die gegen diesen am lautesten wettern. Aber eigentlich muss er die Intoleranten nicht tolerieren. Und ich als einzelne Person, als Bürgerin des Rechtsstaats, muss es schon gar nicht. Ich befinde mich damit nicht in einem "Gesinnungskorridor", sondern sehe mir die Dinge einfach mit einem gesunden Menschenverstand an. Aber der scheint ja vielen abhanden gekommen zu sein. (Übrigens auch Herrn Boos von der Messe.)

  • Herrmann Klingsor

    Herrmann Klingsor

    Es ist schon interessant: Es gibt Hunderte von Zeugen, Dutzende von Videoaufzeichnungen und dennoch bastelt sich jeder seine eigene Wahrheit. Zum Thema "Wer hat wen provoziert" hier ein Link zu den Kollegen von 'Meedia':
    http://meedia.de/2017/10/16/von-nazis-und-narzisst en-die-deprimierenden-lehren-aus-dem-buchmesse-ekl at/

  • Klaus Philipp Mertens

    Klaus Philipp Mertens

    „Dass sie (Susanne Dagen) mit Pegida sympathisiere, dürfe man durchaus schreiben. Sie wolle sich dafür nicht verstecken.“
    Zitiert nach „Die Zeit“, 27.03.17

  • Fabian Reinecke

    Fabian Reinecke

    Über die geschätzte Frau Dagen, die eigentlich eine rege und engagierte Kollegin ist, möchte ich aus Respekt vor ihrer Leistung als Sortimenterin nicht mehr sagen, als dass sie sich m.E. verrannt hat.
    Sehr wünschen würde ich mir jedoch eine brancheninterne Diskussion darüber, wie wieder eine gemeinsame Linie im Umgang mit politischen Kundgebungen auf der Messe aussehen kann. Das "Angebot zum Dialog" von Seiten der Messe ist auf die geschäftsschädigendste Weise praktiziert worden: zum Schaden der Aussteller und des Images der Messe.
    Mein Vorschlag: gebt den nationalen Verlagen und anderen sich gleichermaßen unverstanden und unterdrückt fühlenden buchhändlerischen Unternehmen eine eigene Halle, z.B. Halle 10, und lasst sie dort ihre Veranstaltungen abhalten. Da stören sie nicht und werden ihrerseits nicht gestört und alle sind glücklich.
    Zweiter Vorschlag: Bitte keine "Lesungen" und "Diskussionsrunden" mehr an den Ständen. Der Lärm und das Gedränge stört schon im Normalfall. Lieber ein paar Lesebühnen und Lesezelte mehr errichten, wo sich Bernd Höcke, Dolly Buster oder Stefan Effenberg inszenieren können. Dann ist auch keiner gezwungen, das mitzuerleben.
    Wär das was?

  • Michael Lemling Buchhandlung Lehmkuhl München

    Michael Lemling Buchhandlung Lehmkuhl München

    Gesinnungsdiktatur? Ich wäre froh, wenn es ein paar Nummern kleiner ginge. Antaios hat auf der Buchmesse einen Stand bekommen und ein Forum, dass der Verlag perfekt zu seinen Gunsten genutzt hat. Die Messeleitung und der Börsenverein haben den Auftritt des Verlages im Sinne der Meinungsfreiheit verteidigt und jede Form der gewaltsamen Auseinandersetzung und Sachbeschädigung verurteilt. Wieso, Frau Dagen, wollen Sie denn jetzt aus dem Börsenverein austreten? Das verstehe ich nicht?
    Der Börsenverein hat sich darüber hinaus auch inhaltlich zum rechten Gedankengut der Publikationen des Antaios Verlages positioniert und zur Auseinandersetzung damit aufgerufen. Finde ich gut! Alexander Skipis hat in unzähligen Interviews eine neue Debattenkultur gefordert. Anders geht es nicht. Mit Tumulten wie jenen am Messesamstag kommen wir nicht weiter. Die hat der Börsenverein aber weder provoziert noch dazu aufgerufen.

  • H. Thomas

    H. Thomas

    Mehr Gelassenheit, Toleranz und Demokratieverständnis täte in diesem Fall allen Kommentatoren gut. Noch gilt das freie Wort und die unzensierte Schrift in diesem demokratischen Rechtsstaat. Das gilt für Demonstranten, Andersdenkende und Befürwortern von Ausgrenzungen.

  • Verlegerin

    Verlegerin

    @ H. Thomas
    Und da ist sie wieder, die m.E. komplett verschobene Wahrnehmung: Wo und durch genau welche Statements, bitteschön, nehmen Sie denn bei den Kommentatoren einen Mangel an "Toleranz und Demokratieverständnis" wahr? Und wer ist denn jetzt ausgegrenzt worden? Meines Wissens wurden nur die Gegendemonstranten und auch Presseleute (Spiegel etc.) von der Messe geführt. Es gibt kein Grundrecht auf "freies Wort" und "unzensierte Schrift", wenn man nicht den freiheitlich-demokratischen Prinzpien folgt bzw. sich von diesen abwendet.

  • Andreas

    Andreas

    Ich teile das Entsetzen über Frau Dagens Aufruf. Es ist äußerst traurig, dass eine solche Petition aus den Reihen unserer eigenen Branche kommt. Ich kann in keinster Weise erkennen, wo der Börsenverein sich hier falsch verhalten haben soll: man hat Andersdenkenden ein Podium zum Diskurs geboten, und dies wurde mit Gewalt, Körperverletzungen und "Sieg-Heil-Rufen" zurückgezahlt. Dass auch die Beschädigungen und der Diebstahl von rechtspopulistischer Literatur keine harmlosen Späße oder Kavaliersdelikte sind, versteht sich dabei ebenfalls von selbst. Aber, wie Samuel L. Jackson in "Pulp Fiction" so schön sagte: " Das ist verdammt nochmal nicht das gleiche Spiel, es ist nicht die selbe Liga, es ist nicht mal derselbe verdammte Sport!"
    Und ich nehme für mich selbst ebenfalls in Anspruch, ein demokratischer Mensch und leidenschaftlicher Buchhändler zu sein. Gleichzeitig empfinde ich Frau Dagens Aufruf als höchst peinlich - also was nun?

  • Klara

    Klara

    Frau Dagen hat völlig recht. Es gilt nicht mehr gleiches Recht für Alle, auch vor Gericht nicht. In einer Gesinnungsdiktatur ist es genau so - dass man die richtige Gesinnung haben muss, um Recht zu bekommen.
    Herr Tellkamp wird sich ja auch etwas dabei gedacht haben, dass er unterschrieben hat.

  • IF

    IF

    Es ist immer wieder erstaunlich wie sehr sich bestimmte Gruppierungen als Opfer stilisieren. Gerade diejnigen, die Menschenrechte mit Füßen (oder Worten) treten, pochen am lautesten auf Ihr Grundrecht der freien Meinungsäußerung.

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Man blicke doch einfach mal im Verlagsprogramm des Antaios Verlags rein. Das sind keine legitimen, diskussionswürdigen rechten Positionen, über die man reden sollte, sondern nationalistische Aluhutverschwörungen! Mit solchen Leuten ist jede Diskussion sinnlos, weil sie in ihrer eigenen Welt mit ihren eigenen Wahrheiten leben. Das ist das gleiche, als würde man mit Leuten diskutieren wollen, die an Chemtrails und eine Reptiloidenverschwörung glauben. Während letztere jedoch meist nur zu belächeln sind, haben rechtspopulistische Verschwörungen, wie sie u.A. der Antaios Verlag verbreitet, entscheidenden negativen Einfluss auf die Gesellschaft, weil sie Nationalismus und Rassismus salonfähig machen.

  • Alex

    Alex

    Was man vielleicht auch über Frau Dagen wissen sollte: http://www.zeit.de/2017/13/susanne-dagen-dresden-p egida-buchhaendlerin-buergertum

  • Dresdner Leser

    Dresdner Leser

    Die bereits abgegebenen Kommentare zeigen doch eindeutig, dass es eigentlich fast schon zu spät für diesen unterstützenswerten Aufruf ist. Angeblich intelligente Menschen merken schon gar nicht mehr wie weit sie vom gesunden Menschenverstand sich bereits entfernt haben und leben in ihrer links/grün eingefärbten Echokammer. Ich war Besucher auf der FBM und war über dieses undemokratische Verhalten (von den angeblich Guten und besonders Toleranten) entsetzt. Die völlig verlogenen Berichterstattung, die ja nun nichts mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun hatte, gab dem Ganzen noch den passenden Rest. Daher vielen Dank an Frau Dagen!

  • Susanne Dagen

    Susanne Dagen

    Liebe Kollegen, vielleicht möchte der Eine oder Andere weiterlesen, wenn ich versichere, dass ich meiner Empörung ganz genauso Luft gemacht hätte, wären Verlage, die dem linken Spektrum zuzuordnen sind, der Vorverurteilung, dem Vandalismus und den beschrieben Störungen ihrer Veranstaltungen anheim gefallen. Des weiteren, und da baue ich auf die Leser unter Ihnen, lohnt es sich, einen Blick auf die Liste derer zu werfen, die sich spontan als Erstunterzeichner bereit erklärt haben. Verbunden mit einigen Literaturhinweisen hoffe ich, wieder mehr Gewichtung auf die Wahrung des Geistigen zu schaffen, auf die Freiheit des Wortes im Geschriebenen, im Gesprochenen, in der Kunst und im Miteinander: Jörg Bernig zum Beispiel, Autor von "Anders" erzählt die Geschichte eines Mannes dessen Leben in dem Moment erheblichen Schaden nimmt, nach dem eine Behauptung in den Raum gestellt wird, ein Verdacht. Denn der Verdacht allein reicht, um zerstört zu werden. Oder Ulrich Schacht, bei dem es sich lohnt, die Biographie näher zu betrachten und der in seinem Buch "Vereister Sommer" die Suche nach seinem Vater beschreibt, der, als russischer Soldat sich in eine junge Deutsche verliebt und sie schwängert. Als ruchbar wird, dass Beide in den Westen abhauen wollen, wird der Soldat an die russisch-chinesische Grenze interniert, die junge Frau geht ins Frauengefängnis Hoheneck und gebiert dort ihren einzigen Sohn, Ulrich Schacht. Oder Cora Stephan, die in ihrem Roman "Ab heute heiße ich Margo" die Beziehung zwischen zwei Frauen beschreibt, den Bogen von den 30-iger Jahren bis in die Nachwendejahre zieht und dazu noch eine Menge über deutsch-deutsche Geschichte erzählt. Oder Uwe Tellkamp, dessen "Turm" mit gutem Gewissen als der Roman über das"Kulturbürgertum" im Dresden der 80-iger Jahre bezeichnet werden darf. Am Ende stehen sich Mutter und Sohn im Herbst 1989 an unterschiedlichen Fronten gegenüber. Die Mutter als Protestierende, der Sohn als Gefreiter der Nationalen Volksarmee im Namen einer sterbenden DDR. Schließen möchte ich den Reigen meiner Literaturempfehlungen mit dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und seinem aktuellen Buch "Das falsche Leben. Ursache und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft beschließen. Da beschreibt er sehr konkret, wie krank und zwar im Sinne einer pathologischen Erkrankung das "Zusammenleben" uns macht, wenn es vor allem davon geprägt ist, zu funktionieren, Unangenehmes und "Schlechtes" auszugrenzen. Sich lieber einer Gruppe anzuschließen, die vermeintlich "Gutes" tut, um nicht allein der "Böse" zu sein. Und wer jetzt noch Muße hat, mag über die Namensgebung unseres Appells sinnieren. Und natürlich, da erlaube ich mir ein gewisses Pathos, möchte ich an die Charta 77 erinnern. Aber das nehmen Sie, liebe Kollegen, vielleicht bitte in den Abend. Als Aufgabe. Als Erinnern. Als Geschichtsexkurs. Ihre Susanne Dagen

  • Michael Lemling Buchhandlung Lehmkuhl München

    Michael Lemling Buchhandlung Lehmkuhl München

    @ Andreas
    Also was tun? Die Innsbrucker Philosophin Marie-Luisa Frick hat gerade bei Reclam den sehr instruktiven Essay "Zivilisiert streiten - Zur Ethik der politischen Gegnerschaft" veröffentlicht. Würde ich gerne zur Grundlagenlektüre für alle Beteiligten ausrufen, egal ob sie mit Rechten reden oder mit Linken leben wollen. Schämen muss sich niemand, weder Frau Dagen für den Börsenverein oder die Buchmesse noch @Andreas für Frau Dagen, die für ihre Position Kritik verdient aber keine Polemik, keinen pädagogischen Paternalismus und auch nicht die schnelle Pegida-Schublade, mit der die Debatte ad acta gelegt werden soll.
    Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit den Rechten uns auch in Zukunft intensiv beschäftigen wird. Antaios hat das Spiel auf dieser Buchmesse deutlich für sich entschieden und seine Gegner mit einfachen Mitteln regelrecht vorgeführt hat. Eines kann man von ihnen lernen: sie haben ihre Kontrahenten sehr genau studiert und wissen exakt, wo sie zu packen sind. Respekt! Mit denkfaulen Parolen kommen wir gegen diese intelligenten Rechten nicht weiter. Und mit selbstgerechter Überheblichkeit auch nicht. Dafür ist die desaströse Feuilletondebatte über Rolf Peter Sieferles "Finis Germania" das beste Beispiel, die das Buch erst zum Spiegel-Bestseller machte, der es dann nicht sein durfte. Jetzt sind wir an den Punkt geraten, an dem es schmerzt: jetzt müssen wir Sieferle lesen. Das ist leider auch Grundlagenlektüre.

  • Jens Falk

    Jens Falk

    Haben jetzt die Unterzeichner der Charta 2017 damit zu rechnen als die »zukünftigen Bücherverbrenner« , siehe https://www.neues-deutschland.de/artikel/1067253.f rankfurter-buchmesse-die-antifa-hat-provoziert.htm l - vorletzte Frage - verbreitet vom Börsenblatt (Börsenblatt Morning Newsletter vom 18. Oktober 2017), eingestuft zu werden um damit Freiwild für den Pöbel zu werden?

    Warum wird in dem Newsletter des Börsenblatt der radikalen Linken, einer Zeitung die für Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit steht, ein Forum gegeben?

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Der Schaden den die Buchbranche durch diese Vorkommnisse genommen hat, ist enorm. Eine Branche, die eigentlich per Definition für intelligenten Diskurs und Weltoffenheit steht, gerät in Verruf, weil aus kommerziellen Gründen verurteilte Volksverhetzer und Konsorten eine Plattform geboten wird und dann die Leitung der Buchmesse mit der Organisation der Sicherheit dieser Veranstaltung restlos überfordert ist. Auf einer Messe des Wortes schwingen Fäuste und der Vorstand redet von 'on both sides' . Autoren erstellen eine Charta, um dagegen zu protestieren, dass es Kräfte gibt, die sich gegen die Vereinnahmung der Buchmesse durch Antidemokraten wehren anstatt dass sie sich von Rassisten, Verschwörungstheoretikern und Hetzern distanzieren. Wie sollen wir da unsere Kunden auf die Weihnachtszeit einstimmen? Kommen Sie zu uns, kaufen Sie Bücher und schlagen Sie sich mit unseren Buchhändlern? Wenn das die Zukunft ist, dann trete ich aus dem Böresenverein aus...

  • René Kohl

    René Kohl

    Sehr geehrte Frau Dagen,
    in Ihrer „Charta 2017“ wenden Sie sich an den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Sie stören sich offenbar an der Erklärung des Vereins zum „Umgang mit rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse“. Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins hatte darin festgestellt, dass der Börsenverein aktiv für die Meinungsfreiheit eintrete – ebenso wie „für eine offene, vielfältige Gesellschaft, für Toleranz und Solidarität, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“.
    In Ihrem Appell wenden Sie sich nun „gegen jede ideologische Einflussnahme, mit der die Freiheit der Kunst beschnitten wird“ und plädieren „für gelebte Meinungsfreiheit, für ein demokratisches Miteinander, für respektvolle Auseinandersetzungen!“
    Sie erkennen in den Äußerungen des Börsenvereins, etwa im Aufruf zur „aktiven Auseinandersetzung“ mit den rechten Verlagen, offenbar eine solche „ideologische Einflussnahme“, und schreiben dem Börsenverein zu, durch seine Äußerungen letztlich für „Zerstörung und Raub“ zuständig zu sein. (Raub – nebenbei bemerkt - setzt „Gewalt gegen eine Person oder Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben“ voraus. Ich habe nur von einer Gewalt gegenüber dem 74jährigen Trikont-Verleger Herrn Bergmann gehört, der am Stand der Jungen Freiheit seine Meinung geäußert hatte.)
    Ich stimme Ihnen zu: Das Zerstören oder Entwenden von Büchern ist ein unzulässiger, nicht tolerierbarer Akt gegen die Meinungsfreiheit. Schlecht, dass die Buchmessen-Security dies nicht unterbinden konnte.
    Mir ist bislang nicht bekannt, wer dafür verantwortlich ist – weil wir nicht davon ausgehen wollen, dass die Zerstörungen und Diebstähle ein PR-Gag der Verlage selbst war, kann man nur hoffen, dass für künftige Veranstaltungen die Sicherheitsvorkehrungen verbessert werden. So etwas darf nicht passieren!
    Aber den Börsenverein dafür verantwortlich zu machen, ist doch Quatsch. „Aktive Auseinandersetzung“ heißt nicht „Diebstahl“, jedenfalls nicht in meiner und des Börsenvereins Sprache – und ist auch kein „zündelnder Aufruf“.
    Das Statement vom Börsenverein habe ich auch als Antwort auf einen „Offenen Brief an die Frankfurter Buchmesse“ verstanden, unterzeichnet Ende September u.a. von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus der Branche:
    https://buchmessegegenrechtsblog.wordpress.com/
    In diesem Aufruf werden die Inhalte der rechten Verlage kritisiert – aber natürlich die Messe-Stände toleriert. Allerdings wenden sich die Unterzeichner gegen antidemokratische und rassistische Veranstaltungen auf der Buchmesse.
    Diese befürchteten sie nicht grundlos – war doch unter anderem Akif Pirincci als Redner angekündigt, der gerade erst, zwei Jahre nach seiner Dresdner Pegida-Rede, wegen Volksverhetzung verurteilt worden ist.
    Und genau hier, wo Rassismus und Volksverhetzung beginnen, endet übrigens die Meinungsfreiheit.
    Dieses Spannungsverhältnis deutet der Börsenverein in seiner Mitteilung zum Umgang mit rechten Verlagen an, wenn er feststellt: „Wir sehen uns daher in der Pflicht, uns aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten.“
    Wenn Ihr Aufruf zum Ziel haben soll, die Meinungsfreiheit zu Lasten etwa des Schutzes der Menschenwürde auszudehnen, kann ich ihn nicht nur nicht unterschreiben, sondern muss Sie und die Mitunterzeichner – Cora Stephan und Uwe Tellkamp – fragen, ob Sie wissen, was Sie tun.
    Es ist ein 74jähriger Mann auf der Buchmesse geschlagen worden, weil sich ein anderer offenbar durch dessen Meinungsäußerung gestört fühlte. Darüber erzählt Ihr Appell nichts – und auch nicht Ihr ergänzender Kommentar im Börsenblatt, indem Sie auch Vandalismus gegen links verurteilt hätten, hätte es ihn nach Ihrer Meinung gegeben.
    Und zum Schluss noch dies: Die Charta 77 wird durch Ihre „Charta 2017“ diskreditiert.
    Vaclav Havel erklärte, was die Menschen aus ganz verschiedenen Richtungen in der Charta zusammengebracht hat:
    "Das waren wahrscheinlich einerseits die gemeinsame Bedrohung, die gemeinsame Gegnerschaft und die gemeinsamen Sorgen. Andererseits ist die Charta hauptsächlich auf den Prinzipien der Humanität, der Solidarität und der Zusammenarbeit gegründet.“
    http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/die-gesch ichte-der-charta-77-teil-1
    Bitte zeigen Sie mir doch gelegentlich, wo Sie in den Programmen von Antaios die Prinzipien von Humanität und Solidarität gewahrt sehen.

  • Fabian Reinecke

    Fabian Reinecke

    Vielen Dank, lieber Michael Lemling, für die besonnenen Ausführungen. Ergänzen möchte ich sie um Tom Kraushaars lesenswertes Welt-Interview (http://bit.ly/2gusIvb).

    Danke auch Ihnen, Frau Dagen, für Ihre Lesehinweise. Das ein und andere werde ich bestimmt lesen. Was Sie daraus erzählen, lässt mich jedoch zweifeln, ob Sie ernsthaft meinen, worauf Sie mit der Analogie zur Carta 77 anspielen.
    Ist die Bundesrepublik Deutschland ernsthaft ein Staat, der wie die CSSR seine Dissidenten in den Untergrund zwingt, Veröffentlichungen verhindert, Autoren inhaftiert und foltert, der wie die UdSSR eine Samisdat-Literatur braucht, Regimekritiker in Lagern und Irrenhäusern foltert, der Verbannungsurteile ausspricht? Ich kann das nicht nachvollziehen. Ganz im Gegenteil.
    Der Antaios Verlag ist wie die Junge Freiheit oder der Kopp Verlag ein florierendes und expandierendes Wirtschaftsunternehmen. Seine Publikation »Das Heerlager der Heiligen« wurde zweimal in der Wissenschaftsbeilage der FAZ (für mein Empfinden: ehrführtig) behandelt, obgleich der Titel m.E. ein zutiefst rassistisches Weltbild ausbreitet.
    Niemand verbietet diesen Titel, das Buch wird ohne Auflagen ausgeliefert, der Verlag aus keinem Verband ausgeschlossen. Herr Kubitschek und Frau Zositza durften sogar auf einer ganzen Seite in der FAZ ihre Weltsicht darlegen. Und trotzdem fühlt man sich verfolgt … Die aktuellen Geschehnisse auf der Buchmesse mal beiseite: wenn ich keine Lust habe, bestimmte Bücher als Sortimenter zu führen, dann ist das keine Gesinnungsdiktatur, sondern zunächst eine kaufmännische Entscheidung. Wenn meine Kunden mein Programm nicht mögen, dann bleiben sie weg. Auch das ist eine wirtschaftliche Konsequenz. Dass Sie persönlich nicht anders entscheiden, weiß ich. Alles andere wäre dann ja auch Barsortiment. Aber das ist nicht Diktatur, sondern eine banale Konsumentenentscheidung, die mir gefällt oder nicht.
    Ich bitte Sie darum: legen Sie bitte einmal konkret dar - nicht mit Floskeln -, warum Sie glauben, die Bundesrepublik Deutschland sei - was Sie oben andeuten - ein totalitärer Staat wie die DDR, oder zumindest kaum noch davon unterscheiden. Ich würde es gerne verstehen, dumme Protestaktionen einiger weniger auf der Buchmesse reichen mir dazu nicht.

  • Susanne Dagen

    Susanne Dagen

    Lieber Herr Reinecke, in der hier gebotenen Kürze und ohne auf die Intonation bzgl. der "dummen Protestaktion" eingehen zu wollen: ich bin ein Freund von Chronologien, betrachte gern die Dinge im Zusammenhang. Wenn Sie das Thema Diktatur und Totalitarismus ansprechen, gebe ich Ihnen gern die Causa Sieferle zur Kenntnis. In dem Zusamenhang sind für mich wesentliche Charakteristika eines diktatorischen Stils erkennbar. Dies nur als Beispiel und als Branchenspezifika.

  • Jörg

    Jörg

    Auf so einen Brief wurde nur gewartet Frau Dagen und Sie haben ihn geschrieben!

    DANKE

  • Stephan Lammel

    Stephan Lammel

    Die Bezugnahme auf die Charta77 - deren Entsehungsort und -zeit und -umstände hier hoffentlich nicht weiter ausgeführt werden müssen - ist in einem Maße deplatziert und anmaßend genug, daß man sich sparen kann, dieses Konstrukt überhaupt zu lesen. Das ist das Schöne daran.
    Die Entlarvung solch einer merkwürdig motivierten Schuldzuweisung an den Börsenverein, der doch besagtem Verlag zugestand, seine Erzeugnisse auszustellen, ist ja fast nicht leichter zubekommen - zeigt sie doch die Selbstüberhebung an, die dahinter steckt.
    Diese scheint eine große Gemeinsamkeit der 'Deutschlandretter' zu sein. Es bedarf keiner linken gesinnungsdiktierten Einstellung, um diese als höchst unsympathisch zu empfinden.
    Vielleicht könnten alle Seiten doch mal wieder kleinere Brötchen backen. Es ist zum Beispiel durchaus kein Weltuntergang, daß die AfD jetzt im Bundestag sitzt. Das macht die Debatten im hohen Haus spannend und lässt erkennen, ob die Politiker dieser Partei mehr bieten können als Fremdschuldzuweisungen. Daß der Auflösungsprozess so schnell beginnt, macht die Sache durchaus noch interessanter - am Tag des schon lange geplanten und medial fein vollzogenen Austritts aus der Bundestagsfraktion der bis dato Parteivorsitzenden, waren am Abend in Dresden ganz neue Rufe zu hören: 'Behdrie muß wäck! Behdrie muß wäck!' Ob sie es nun hörte oder schon längst wieder ganz eigene Pläne verfolgte in den letzten Wochen, sei mal dahin gestellt. Der aufgebrachte Zukurzgekommene wähnte sich aber endlich in Zuständen ganz direkter Demokratie.

  • Anke Gordon

    Anke Gordon

    Frau Dagen, bitte jammern und klagen sie ohne den grossen "politischen" Gestus. Sie sind empoert, aber ohne Inhalt. Eine "Charta" verlangt Visionen. Sie aber leiden im Kleinen. Es ist alles so jaemmerlich und durchschaubar. Moegen wir alle einen klaren Kopf behalten. Da ziehen dicke Nebelschwaden durch die Buchwelt. Ich wuensche uns allen eine gute Wendung des Ganzen. Diese Wut darf sich niemals "Charta" nennen duerfen. Herr Tellkamp muss sich fragen, ob er den Deutschen Buchpreis nicht zurueckgeben will. Er lebt in einer anderen Buchwelt. Schade. Aber es ist nie zu spaet, um noch einmal in Ruhe ueber alles nachzudenken.

  • Dresdner

    Dresdner

    Václav Havel würde sicher nicht hinnehmen, dass - durchaus ein wenig plump - seine Charta 77 derart von Frau Dagen umgedeutet wird.

    Ich verstehe nicht, warum die in der DDR (an einer Russsisch-Schule) sozialisierte Pegida-Anhängerin in unserem tatsächlich freien Land nach Meinungsfreiheit ruft, um Verlagen und Autoren wie u. a. dem kürzlich wegen Volksverhetzung verurteilten Akif Pirincci meint, eine Stimme geben zu müssen.

    Meinungsfreiheit hat klare Grenzen und der - selbstverständlich gewaltlose, da intellektuell zu verstehende - Aufruf des Börsenvereins zu "aktiver Auseinandersetzung" kann nur als Zivilcourage verstanden werden und ist alles andere als ein "Gesinnungskorridor".

    "Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, sie hat aber Grenzen dort, wo Strafgesetze berührt werden, etwa wenn sie sich über die Menschenwürde hinwegsetzt", ermahnte die Vorsitzende Richterin Daniela Rothermundt übrigens den Angeklagten Akif Pirincci.

    Ein Dresdner, der schon in der DDR ein Biermann hörender "mündiger Bürger" war, im Herbst '89 dabei war und nie wie Frau Dagen an eine erneuerbare DDR geglaubt hat.
    Und wenn nun auch in meinem Bekanntenkreis einige Freunde lieber woanders ihre Bücher kaufen, ist das keine Meinungsdiktatur, sondern freie (!) Marktwirtschaft.

  • Jayne-Ann Igel

    Jayne-Ann Igel

    Bekanntlich hat der Börsenverein die Präsenz der umstrittenen Verlage auf der Buchmesse zugelassen - wozu also dieser Offene Brief? Wenn man dann genauer hinschaut, was diese Verlage so publizieren und welche Personen sie sich einladen, so finde ich nicht alles durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Die hört m.E. dort auf, wo "völkisches" Gedankengut transportiert wird, das letztlich auf die Ausgrenzung von Menschen resp. Menschengruppen zielt, deren Stigmatisierung in ethnischer, sexueller, kultureller Hinsicht. Oder Menschen per se anhand ihrer Herkunft, ihrer Religion ... kriminalisiert werden. Wir in Deutschland sind da historisch belastet und in einer Verantwortung, dass nationalistisches bis neonazistisches Gedankengut nicht erneut das Land dominiert. Um eines klar zu stellen, gewaltsame Auseinandersetzungen lehne ich ab.

  • Undine Materni

    Undine Materni

    Meinungsfreiheit um jeden Preis?
    Gerade wurde ich via Facebook aufgefordert, die von Frau Susanne Dagen initiierte Charta 2017 – zu den Vorkommnissen auf der Frankfurter Buchmesse – mit „gefällt mir“ zu kommentieren. Das kann und will ich aber nicht, und das aus folgenden Gründen:
    Die Meinungsfreiheit gerät an ihre Grenzen, wenn sie auf der Buchmesse in Frankfurt Autoren und Personen ein Podium gewährt, welche demokratische Strukturen und Rechtsstaatlichkeit selbst nicht respektieren. Dazu gehören unter anderem Björn Höcke und der deutsch-türkische Autor Akif Pirinçci, der nach seiner beschämenden Rede auf der Pegida-Demonstration im Oktober 2015 Dresden der Volksverhetzung angeklagt wurde, unter anderem wegen der Bemerkung „„Es gäbe natürlich andere Alternativen, aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ In diesem Zusammenhang ist die Konsequenz der Verlagsgruppe Random House zu nennen, die seine früheren Bücher vollständig aus dem Programm nahm. Und bereits hier stellt sich die Frage: Ist das Gesinnungsdiktatur? Wird hier ein Autor, der ja auch über Katzen schreibt, in seiner Meinungsfreiheit beschnitten?
    Ich habe seine Rede vollständig gelesen, sie ist beleidigend, faschistisch und in keiner Weise mit demokratischer Kultur vereinbar und genau deshalb finde ich die Entscheidung der Verlagsgruppe richtig und zwangsläufig. Zitate von Björn Höcke wie „Der Syrer, der zu uns kommt, der hat noch sein Syrien. Der Afghane, der zu uns kommt, der hat noch sein Afghanistan. Und der Senegalese, der zu uns kommt, der hat noch seinen Senegal. Wenn wir unser Deutschland verloren haben, haben wir keine Heimat mehr!“ (auf einer Demonstration in Erfurt, September 2015) oder „Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat“ (auf einer Kundgebung im Oktober 2015) sind hinreichend bekannt.
    Wenn also Personen mit diesem Hintergrund auf der Frankfurter Buchmesse auftreten, dann ist es nur allzu verständlich, dass es andere Besucher gibt, die damit nicht einverstanden sind und auch, dass sie ihrer Empörung Ausdruck verleihen – auch weil ein Akif Pirinçci beim Antaios-Verlag publiziert.
    „Der Börsenverein tritt aktiv für die Meinungsfreiheit ein. Das bedeutet, dass wir Verlage oder einzelne Titel, die nicht gegen geltendes Recht verstoßen, nicht von der Frankfurter Buchmesse ausschließen. Allerdings bedeutet das nicht, dass wir das Gedankengut, das solche Verlage verbreiten, gutheißen. Wir treten für eine offene, vielfältige Gesellschaft ein, für Toleranz und Solidarität, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wir sehen uns daher in der Pflicht, uns aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten.“ So beschreibt der Börsenverein seine Haltung im Zusammenhang mit dem Umgang mit rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse und offenbart darin den grundsätzlichen Widerspruch, der offensichtlich dann auch zu den handfesten Auseinandersetzungen geführt hat. Doch wie bitte, lassen sich Toleranz und Solidarität, Ablehnung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus mit Personen wie Höcke, Pirinçci, Gauland etc. sowie deren Publikationen, die Gedankengut verbreiten, welches ganz offensichtlich und mehr als deutlich dazu beiträgt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu schüren, mit dieser erklärten Haltung verbinden? Wird hier der Meinungsfreiheit mehr Gewicht zugesprochen als Solidarität und Ablehnung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus? Das wäre fatal.
    Dennoch sind Gewalt und Zerstörung in diesem Zusammenhang natürlich nicht zu tolerieren, wenngleich durchaus zu verstehen.
    Nun sollte man sich allerdings auch fragen, warum dies mit einer solchen Heftigkeit geschieht. Ich bin der Ansicht, dass es hier um etwas ganz Existentielles geht, besonders vor dem Hintergrund der letzten zwei Jahre und dem Kontext von Flucht und Vertreibung. Sicher, hier ist es notwendig, zu diskutieren, Meinungen und Haltungen zu überprüfen und Möglichkeiten eines demokratischen und würdigen Miteinanders unter den neuen globalen Bedingungen zu finden. Aber dabei es ist nicht nur wenig hilfreich, sondern auch brandgefährlich, sich auf rechtsgerichtete und radikale Traditionen in Deutschland zu berufen, diese zu verharmlosen und verfälscht in den Kontext zur Gegenwart zu setzen.
    Frau Dagen erwägt, als Buchhändlerin den Börsenverein zu verlassen, wäre ich Mitglied, ich würde es nicht nur erwägen, sondern konsequent umsetzen, wenn auch aus anderen Gründen. Ich würde diese Entscheidung treffen, weil auf der Frankfurter Buchmesse diesen Verlagen und Personen ein Podium gewährt wurde und nicht, weil Besucher ihrer Empörung darüber Ausdruck verliehen haben.
    Zuletzt möchte ich noch auf die Charta 77 verwiesen, in deren Tradition Frau Dagen offensichtlich ihren Aufruf gelesen haben möchte, was ich selbst für etwas problematisch halte.
    In der Gründungserklärung der Charta 77 ist zu lesen:
    „Charta 77 ist eine freie informelle und offene Gemeinschaft von Menschen verschiedener Überzeugungen, verschiedener Religionen und verschiedener Berufe, verbunden durch den Willen, sich einzeln und gemeinsam für die Respektierung von Bürger- und Menschenrechten in unserem Land und in der Welt einzusetzen.“
    Gewiss ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut, wenn sie aber missbraucht wird, um Gedankengut zu transportieren, das dazu aufruft, Bürger- und Menschenrechte zu verletzen, Menschen zu diskriminieren und auszugrenzen, dann sollten auch Veranstalter wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Haltung zeigen und nicht durch falsch verstandene Meinungsfreiheit noch Podien bauen.
    Dresden, den 19.10.2017
    Undine Materni
    Jayne-Ann Igel
    Patrick Beck (Autoren)

  • PEter Mueller

    PEter Mueller

    Hier hat man aber das Konzept der 'Meinungsfreiheit' nicht verstanden oder legt es absichtlich einseitig aus.

    Meinungsfreiheit bedeutet niemand verbietet mir zu sagen was ich denke.
    Wir haben rechte Buchhandlungen, rechte Autoren, rechte Verlage, sogar sehr rechte. Niemand verbiet ihnen ihr Geschäft / Werk, ich finde den Inhalt katastrophal, würde aber jederzeit das Recht zur Veröffentlichung verteidigen.

    ABER, natürlich muss ich als solcher Publizist, Autor, Verleger damit leben, dass andere diese Werke und Ideen nicht teilen. Denn Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass die Öffentlichkeit und Gesellschaft dies alles kritiklos hinnehmen muss und ich 'geschützt' werde vor Kritik und Auseinandersetzung mit dem Inhalt.

    Hier möchte eine Minderheit am rechten Rand der Gesellschaft die Meinungsfreiheit als 'Schutzschild' vor Kritik missbrauchen. Besonders perfide dabei: Im Prinzip bedeutet dieses Verständnis es, dass jegliche ablehnende Meinungsäußerung zu unterbleiben hat.

    Während man diese also für sich reklamiert (obwohl man ja längst dabei ist 'zu sagen und zu veröffentlichen was man möchte') möchte man den Kritikern ihre Meinung am liebsten verbieten.

    Dass das Boersenblatt sich hierfür hergibt ist erbärmlich.

  • Jens Falk

    Jens Falk

    @ Dresdner

    "Ich verstehe nicht, warum die in der DDR (an einer Russsisch-Schule) sozialisierte Pegida-Anhängerin in unserem tatsächlich freien Land nach Meinungsfreiheit ruft, .. " heißt das jetzt, jemand der im Irrtum war (ist) hat kein Recht mehr auf Einforderung von Presse- und Meinungsfreiheit? So jemand hat für immer zu schweigen?

    Da erfreure ich mich doch eher der Äußerung eines Boris Palmer BP 42, S. 16: "Wir müssen auf die Kraft der Argumente vertrauen - und selber vorleben, dass wir die Regeln des demokratischen Diskurses beherzigen."

    Bei einem weiteren Punkt sehe ich Klärungsbedarf: Wenn Sie tatsächlich Biermann hörten und 89 auf der richtigen Seite waren, warum stört es Sie nicht, das linksradikale Verfassungfeinde seit Jahrzehnten auf der Buchmesse ihre Kampfschriften ausbreiten? Das Verlage deren Autoren die DDR verklären und DDR-Unrecht verharmlosen und leugnen auch dieses Jahr da waren nehmen Sie ohne Protest hin?

  • K. Jaro

    K. Jaro

    Sehr geehrte Frau Degen,
    es ist sehr rühmlich, dass Sie sich für Meinungsfreiheit einsetzen, aber Sie differenzieren in der Tat offenbar nicht zwischen Meinung und Gesinnung! Und offensichtlich sehen Sie nicht, wie hinterlistig das Muster der „Neuen Rechten“ oder der „Identitären“ - oder wie auch immer sie sich bezeichnen mögen - ist. Sind Sie denn blind oder taub? Wenn Personen zu einer Buchmesse eingeladen werden, die volksverhetzende Positionen vertreten und öffentlich verkünden und Holocaust-Leugner verteidigen, sind das keine guten Anzeichen für die Entwicklung in unserer Gesellschaft! Begreifen Sie das nicht? Oder sind Sie evtl. bereits dem Intellekt des Herrn Götz Kubitschek verfallen? Und wenn Sie schon solche intellektuellen Hinweise auf Bücher geben, dann sollten Sie es vielleicht einmal mit diesem Titel versuchen: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr.
    Es kann ja wohl wirklich nicht angehen, was hier in Deutschland passiert. Und das nach so einer furchtbaren Zeit wie dem Nationalsozialismus. Wie kann das alles so verharmlost werden? Und immer wieder die Opferrolle der Rechten - haben Sie vergessen, wer die wahren Opfer zu Zeiten des Nationalsozialismus waren? Wachen Sie endlich auf!!

  • Dresdner

    Dresdner

    @Jens Falk
    Von einem Schweigegebot schrieb ich nichts.
    Lediglich von meinem Unverständnis, in unserem freiem Land Meinungsfreiheit zu fordern und von einem absurden "Gesinnungskorridor" zu sprechen.

    Und selbstverständlich sehe ich die z.b. geschichtsrevisionistischen Veröffentlichungen der Edition Ost der Eulenspiegel Verlagsgruppe sehr kritisch. Diese Verbreitung von Propagandalügen der SED sind aber auch durch Meinungsfreiheit unserer Demokratie geschützt.
    Ich bin da ganz bei Hubertus Knabe: "Die Politik sollte regeln, dass der Straftatbestand der Volksverhetzung nicht nur mit Blick auf den Nationalsozialismus angewendet werden könne."

  • Jens Falk

    Jens Falk

    @ K. Jaro

    Da schließe ich mich doch sehr gern mit Leseempfehlungen an:

    Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft / nach der Lektüre werden Sie (hoffentlich) erschrocken sein über Ihre Ausführungen.
    Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem / Hier sind insbesondere die Ausführungen Arendts über die "Banalität des Böses" wert zur Kenntnis zu nehmen.

    des weiteren

    Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus

    wenn Sie lieber Hörbücher mögen:

    Erika Mann: Wenn die Lichter ausgehen - Geschichten aus dem Dritten Reich.

    Sie denken Sie verteitigen mit Lügen (volksverhetzende Positionen, Holocaust-Leugner-Verteitiger), mit Wortspielen (Meinung und Gesinnung) die Demokratie? Das tun Sie nicht! Der Zweck heiligt nie die Mittel.

    Die Lektüre der o.g. Bücher wird verhindern, dass Sie eines Tages aufwachen und denken, ist ja nur das Auto einer "Nazi"-Schlampe das da brennt.

    Ich gebe jedem der die Aktion von Frau Dagen so undurchdacht in Frage stellt noch den Hinweis auf die Liste der Unterzeichner. Wollen Sie wirklich allen Erstunterzeichnern ernsthaft unterstellen die Demokratie abschaffen zu wollen?

  • Hans-Peter

    Hans-Peter

    Was mir beim Lesen der Kommentare auffiel:
    1. Fast kein Kommentar befasst sich mit dem Kern des Appells: Ist es hinzunehmen, dass der Börsenverein eine Liste von ihm unliebsamen Verlagen veröffentlicht und zur aktiven (nicht inhaltlichen) Auseinandersetzung aufruft?
    2. Meinungsfreiheit endet m.E. nicht erst mit Verboten sondern bereits dann, wenn man damit rechnen muss, dass auf einen kritischen Beitrag nicht sachliche Argumente, sondern persönliche Diffamierungen folgen.
    3. @Dresdner: Welche Folge hat Ihre Forderung zu einer weiteren Verschärfung des Straftatbestands der Volksverhetzung für die Meinungsfreiheit?

  • Katja, Buchhändlerin

    Katja, Buchhändlerin

    Ich bin froh, dass Susanne Dagen ausgesprochen hat was viele Branchenteilnehmer seit den beschämenden Geschehnissen auf der Frankfurter Buchmesse denken. Auch das Sie das Ganze "Charta 2017" genannt haben ist verständlich. Es gibt keine Entschuldigung für die schlechte Kommuniktion, die Hilflosikeit und die unpassenden Rechtfertigungen der Verantwortlichen des Börsenvereins. Es darf auf keinen Fall mit zweierlei Maß gemessen werden. Was der Aufruf zu "aktiven Auseinandersetzung" und die Benennung der betreffenden Messestände für die Antifa und sonstige Extreme bedeutet, muß jedem klar sein. René Kohl verbucht sogar das "Halt die Fresse" als nur die Meinung sagen beim linken Trikont-Verleger Herrn Bergmann. Das ist mehr Provokation als Meinung sagen. Selbst Herr Bergmann sagte danach, dass die schlechte Positionierung der Messestände durch die Buchmesse-Verantwortlichen Anteil an der Eskalation hatte. Im Fernsehen war zu sehen wie Schreichöre und Trillerpfeiffen der Aktivisten Veranstaltungen unmöglich machten. Was hat das mit friedlichen Protest zu tun.

  • Karsten Branchenteilnehmer

    Karsten Branchenteilnehmer

    Es ist ganz und gar richtig was Frau Dagen geschrieben hat. Die Unterschriften aus unserem Team sind Ihnen sicher Susanne Dagen. Gut gemacht.

  • Stephan Lammel

    Stephan Lammel

    Sehr geehrter Herr Falk,

    niemand, wirklich niemand hier, hat Frau Dagen und den Unterzeichnern ihres Beschwerdebriefes unterstellt oder vorgeworfen, die Demokratie abschaffen zu wollen. Das ist ein in den Mund gelegter Unfug, der hoffentlich nicht als Faktum diskutiert wird - allerdings erneut zeigt, auf welchem Wege Andere und anders Denkende diskredietiert werden sollen.

    Auch der Hinweis auf die Liste der Unterzeichner ist wenig hilfreich. Handelt es sich bei vielen davon doch um gute und sehr gute Freunde von Frau Dagen. Das ist vollkommen in Ordnung, sollte aber eben auch gerade deshalb nicht überbewertet oder eventuell auch mal anders gedacht werden: Herr Tellkamp, Frau Lengsfeld und Herr Bernig tauchten aufgrund dieser Debatte mal wieder in den Feuilletons der Republik auf. Ein Schelm, wer kalkuliertes dabei denkt.
    Oder noch anders: Wann hat sich eigentlich der Gedanke so fest gesetzt, daß Künstler die aufgeklärteren, empathiefähigeren und solidarischeren Zeitgenossen sind? Es bedarf nicht erst des Hinweises auf… zum Beispiel Richard Wagner, daß man ein großer Künstler und ein Ars….ch sein kein. Nun kam er doch.

    Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Sonja Zekri am 17. 10. einen sehr guten und unaufgeregten Artikel über die Frage, wie ein tolerante Gesellschaft mit Intoleranz umgehen kann. Der letzte Absatz sei hier kurz angeführt:
    "Es ist Zeit, die Perspektive geradezurücken. Der größte Teil der Deutschen ist nicht ausländerfeindlich, erkennt die Rechte von Frauen und Minderheiten an und schätzt das Leben in einem offenen, fortschrittlichen, auch solidarischen Land. Nicht alle tun das. Aber die Randlage, die sie beklagen, haben sie selbst gewählt."

  • xxx Klara Jaro

    xxx Klara Jaro

    Sehr geehrter Herr @Falk,
    wenn Sie von der Intention einer Abschaffung der Demokratie sprechen, welche ich und andere Kommentatoren in Ihren Augen offenbar den Unterzeichnern der Charta von Frau Dagen unterstellen, möchte ich Sie außerdem nochmals auf die elitäre Gesinnung der „Neuen Rechten“ hinweisen, deren Idol Claus Graf von Stauffenberg ist, der in der Tat für eine Abschaffung der Parteiendemokratie stand.

    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld