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Thunfisch im Buchhandel

Steht die Entwertung des Berufs Buchhändlers bevor? Dieser Frage ging eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde der Inititative Pro Buch München gestern Abend in der Münchner Seidlvilla nach. VON ANDREAS TROJAN

Der Titel der Veranstaltung sollte Programm sein: "Die Buchhändler sterben aus? Und verkaufen Thunfischdosen!" Dass ein solches Thema genau so viele Zuhörer anlocken kann wie die Lesung eines prominenten Autors, verwunderte sogar die Veranstalter. Rund 100 Menschen strömten in den Vortragssaal der Seidlvilla. Und alle wollten hören, was es zu der Malaise im vertreibenden Buchhandel zu sagen gäbe. Auf dem Podium saßen der dtv-Chef Wolfgang Balk, "BuchMarkt"-Chefkommentator Gerhard Beckmann, Perlentaucher-Redakteur Rüdiger Dingemann, der Schriftsteller Gert Heidenreich, Hermann-Arndt Riethmüller von der Osianderschen Buchhandlung in Tübingen und Christian Röhrl, Inhaber der Regensburger Buchhandlung Bücherwurm. Dieter Heß, Leiter der Abteilung Kulturkritik und Literatur im Bayerischen Rundfunk, leitete die Diskussion. Fällt der Anspruch auf solide Ausbildung bei den Buchhändlern, dann ist auch das Kulturgut Buch in Gefahr, lautete die These des Abends. Denn wer sonst soll beraten, betreuen, anregen? "Stapelware ist per se kein wertvolles Buch", so Gert Heidenreich. Buchhandlungen seien ein Marktplatz, auf dem nur zum Teil geistig hochwertige Produkte verkauft werden. Wolfgang Balk gestand ein, dass das Spitzentitelmarketing durch die Konzentration am Buchmarkt rasant zugenommen habe. Verlage machten schon seit längerem mit einigen wenige Titeln den Löwenanteil des Gesamtumsatzes. Aber benötigt man für maximal 100 Spitzentitel pro Halbjahr ausgebildete Buchhändler? Andererseits: Es gibt sie noch, die Buchkäufer, die beraten werden wollen und ein freundliches Gesicht zu schätzen wissen. Dass solche Qualitäten per se in Inhaber geführten Buchhandlungen zu finden seien, entlarvte Hermann-Arndt Riethmüller als Ammenmärchen. Eine Qualitätskontrolle seiner Buchhandlungen durch ein Unternehmen von außerhalb hätte gravierende Mängel gezeigt. Riethmüllers Plädoyer lautete: Nicht immer nur über die Ketten meckern, sondern das, was sie zweifellos gut machen übernehmen - um es selbst noch besser zu machen. In diesem Sinne riet Rüdiger Dingemann zu einem stärkeren Einsatz der Buchhändler im Online-Bereich. Gerade in ländlichen Gebieten sei hier noch einiges zu holen. Gerhard Beckmann riet zu etwas mehr Gelassenheit. Im Vergleich zu anderen Ländern sei Deutschland mit unabhängigen Buchhandlungen und gut ausgebildeten Buchhändlern noch gut bestückt. Noch! Daher lautete sein Appell: "Wir müssen kämpfen. Wir benötigen ein schnelles Handeln aller Beteiligter." Es gehe nicht zuletzt um bessere Konditionen für kleine und mittlere Buchhändler, sagte Christian Röhrl, Regensburger Sortimenter mit Engagement in der AUB, der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Buchhandlungen, in München.

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5 Kommentar/e

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  • WT

    WT

    @Fällt der Anspruch auf solide Ausbildung bei den Buchhändlern, dann ist auch das Kulturgut Buch in Gefahr, lautete die These des Abends.

    Hat das auch schon Mitte der 70ger Jahre gegolten, als Gewerkschaften zum ersten Mal einen eigenständigen Tarifvertrag für Buchhändler durchgesetzt hatten und die Fachkräfte, dann auf der Strasse standen weil Verkäuferinnen einfach billiger waren? Ausbildung ist eine Seite - die konkrete Personalpolitik aber die entscheidende andere.

  • bücherwurm

    bücherwurm

    Der Beruf des Buchhändlers ist ein kaufmännischer Beruf. Wahrscheinlich hat deshalb die Ausbildung derselben so wenig mit Literatur und so viel mit AWL, BWL und Rechnungswesen zu tun. So kommen dann gut ausgebildete Leute in den Buchhandel, die Montags vor zehn Uhr nicht ansprechbar sind und die Krise bekommen, wenn ein Kunde den Geldbeutel nicht schnell genug aufbekommt. Will sagen: Buchhändler, schult eure Leute, damit sie kundenfreundlich arbeiten, auch bei schwierigen Recherchen nicht die Nerven verlieren und alle Kunden mit einem herzlichen Lächeln empfangen. Das ist mindestens genauso wichtig, wie eine gute Ausbildung.

  • TW

    TW

    Da ist schon etwas dran! Titelkenntnis kann man lernen, am Besten durch reges Interesse an all dem, was die Menschen bewegt. Ein offenes Ohr für Kultur und Triviales dazu, Zeitungen lesen und natürlich auch TV-Sendungen zum Thema wahrnehmen. Das ist sehr wichtig. Aber "verkaufen", das kann leider nicht jeder, der sich "Verkäufer" nennt. Dazu gehört, mit dem Gesicht zum Kunden zu stehen, auf Zwischentöne im Gesagten des Kunden zu achten, dessen Wünsche manchmal auch zu erahnen... Leider findet das in der Ausbildung (offensichtlich) nicht in ausreichenden Maß statt. Dann verkauft man auch aus dem Regal, wenn das explizit Gewünschte nicht anwesend ist. Statt dessen hört man oft den Satz: "Das Buch haben wir nicht da, aber ich kann es Ihnen zu morgen bestellen." Dazu braucht es wirklich keine lange Buchhändlerlehre, oder?

  • Silke Hahn

    Silke Hahn

    Es gibt sie immer noch, die kaufmännisch geschulten, im Verkauf aber dennoch kunden- und serviceorientierten kompetenten Allround-Buchhändler. Aber wer will sie haben...?
    Mein Eindruck als ehemalige Mitarbeiterin des früheren "Traditions-Platzhirschs" in Sachen Bücher in Wien: die größeren "inhabergeführten" Häuser orientieren sich verstärkt an den Ketten und kopieren in Panik deren oberflächliches Profil, verlangen von ihren Angestellten auch zunehmend, entgegen buchhändlerischer Ethik zu agieren. Also: time is money, und Kunden, die viel Beratung wünschen oder gar zum Plaudern vorbeikommen, so rasch als möglich durchleiten. Priorität "Raumdeckung" - und falls einer von Ihnen mit diesem Wort nichts anzufangen weiß, das bedeutet schlicht, dass die Buchhändler in jenem Buchhaus wie angewurzelt auf den ihnen zugwiesenen Quadratmetern zu stehen haben und die Hälfte der Zeit Leute weiterschicken. Sätze wie: "Haben wir nicht, kann ich Ihnen bestellen" sind Vorgabe der Geschäftsführung und allzugroße Findigkeit/ Eigenständigkeit in der Herangehensweise ist gar nicht gern gesehen, wird abgestraft...
    Dagegen kommt mir meine Ausbildungszeit in einer kleinen, wirklich inhabergeführten traditionsreichen Buchhandlung in Köln doch wie ein Paradies vor! Themenschwerpunkte selbst finden, Fenster dekorieren, Kunden durchs Jahr begleiten und gegenseitige Anregungen, die das Buchwissen vertiefen, die Berartungskompetenz stärken... Solche Oasen sterben aus, und die Geschäftsführer der Großen (egal, was auf dem Aushängeschild steht) fokussieren die Zahlen: das Geldbörsel, nicht den Kunden.

  • Moewe57

    Moewe57

    In den achtziger Jahren gab es eine Rangliste der Berufe. Der Buchhändler stand gleich hinter dem Professor und einigen weiteren unter den Top 10. Heute ist er kaum noch wirklich in der Öffentlichkeit sichtbar. Besucht man eine Buchhandlung, so ist man heute in der Regel schon froh, wenn der Ansprechpartner in der Lage ist den Computer zu bedienen. Alte Buchhändlerwitze werden plötzlich Real. "Wo kann ich ein Messtischblatt finden? " " Devotionalien gibt’s im zweiten Stock. " Seit dreißig Jahren Buchhändler besuche ich jetzt im Vertrieb hunderte von Buchhandlungen jährlich und dieser alte Witz ist fast schon Standard, sieht man mal von kleinen meist Eigentümergeführten Buchhandlungen ab. Besonders die Ketten zeichnen sich als Buchhändlerignoranten aus. Höhepunkt fand ich den Besuch bei einer Kellnerin in einer großen Filiale, die jetzt Kinderbücher einkauft.
    Für moderne Vertriebsorientierte Verlage und Buchhandelsketten ist es egal ob sie Bücher oder Thunfischdosen verkaufen. nur der Umsatz muss stimmen. Alles andere ist eine feine intellektuelle Diskussion, aber nicht mehr.
    Das Beste zum Schluss: " Wo finde ich etwas über Freimaurerei? " " Bauwesen finden sie im Keller."
    Im Keller gleich da wo der Beruf des Buchhändlers heute steht, den ich trotzdem über alles Schätze und nichts kann mir das Vergnügen vermiesen, mich stundenlang mit einem alten Kollegen(In) über gute Bücher zu unterhalten.

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