In Deutschland, dem Land der Dichtenden und Denkenden, hält sich ein hartnäckiger Irrglaube über das Leben als schriftstellende Person. Es geht nie um Zahlen, sondern um den ideellen Wert eines Buchs – das denken Menschen zumindest, bis es zu spät ist und sie schon mittendrin stecken. Dann wird klar: Auch die Buchbranche ist kapitalistisch und weniger an der Message einer Geschichte als an den Verkaufszahlen interessiert.
Weil Verlage vor allem nach jungen Menschen suchen, die eine Online-Community mitbringen oder aufbauen würden, und scheinbare Über-Nacht-Erfolge auf Social Media gestreut werden, glauben viele Schreibende, ein Hype in den sozialen Medien führe zum Erfolg. Prioriäten zu setzen, ist schwierig: Was machen? Ein paar Videos drehen oder doch am nächsten Buch arbeiten? Für beides bleibt weder genug Zeit noch kreative Energie, denn: Auch Marketing ist Arbeit. Arbeit, die in der Buchbranche nur selten vergütet wird.
Social Media ist jedoch nicht nur Content-Arbeit, wie Alexandra Polunin in "She works hard for no money" (Palomaa Publishing, 2025) schreibt, sondern auch ästhetische Arbeit, wenn sich Frauen für Beiträge schminken und frisieren, oder emotionale Arbeit, etwa das Verarbeiten unangenehmer Gefühle. Dazu kommt der zusätzliche Mental Load, der bei Frauen sowieso schon höher ist als bei Männern. Auch Algorithmen und ständige Vergleiche mit anderen Menschen vermitteln das Gefühl, sich selbst optimieren zu müssen. Eine tägliche Aktivität scheint unabdingbar, um im Gespräch zu bleiben. Während es ein paar wenige gibt, die Social Media nutzen konnten, um mit harter Arbeit erfolgreich Verkäufe zu generieren, sieht die Realität für die meisten anders aus, denn: Reichweite führt nicht automatisch zu Verkäufen.
Auch die Veröffentlichungsabstände werden immer kürzer. Wo Schreibende früher noch ein Jahr oder länger Zeit hatten, um an einer Geschichte zu feilen, muss das Manuskript nun in wenigen Monaten fertig sein. Dabei arbeiten die wenigsten Frauen Vollzeit als Autorinnen, sondern haben noch einen anderen Job, ziehen Kinder groß oder pflegen Angehörige. Ihnen fehlt es also strukturell sowieso an Zeit und Geld, um Kunst zu schaffen. Kürzere Deadlines für zwei Jobs – das Schreiben und das Vermarkten – lassen keine Pausen mehr zu und erhöhen den Druck immens. Hinzu kommt, dass ausbleibende Erfolge fatal für die Karriere sind: Garantiehonorare fallen geringer aus, neue Verträge kommen gar nicht erst zustande und Bücher werden nach zwei bis drei Jahren Laufzeit bereits eingestampft.