"Ein Fabulierer von barocker Fülle"

Der Schweizer Autor Gerold Späth ist gestorben

15. Oktober 2026
Redaktion Börsenblatt

Der Schriftsteller Gerold Späth ist am 14. Oktober kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Er war eine "der markantesten Stimmen der Deutschschweizer Literatur", schreibt der Lenos Verlag in einem Nachruf.

Foto von Gerold Späth, an der Reling eines Bootes

Gerold Späth

Das habe die Familie von Gerold Späth mitgeteilt, so der Lenos Verlag weiter. Gerold Späth wurde am 16. Oktober 1939 als Spross einer Orgelbauerdynastie in Rapperswil am oberen Zürichsee geboren. 1968 begann er mit dem Schreiben. Sein Debütroman "Unschlecht" (1970), die Geschichte eines kauzigen Erben, dessen Vermögen samt Insel im See die Begehrlichkeiten seiner Mitbürger weckt, knüpfte an den barocken Schelmenroman an. Das Buch machte den jungen Autor weit über die Schweiz hinaus bekannt und brachte ihm noch im selben Jahr den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis ein. 

Erinnerung ans barocke Welttheater

In den Siebziger- und Achtzigerjahren sei Späth zu einer der markantesten Stimmen der Deutschschweizer Literatur geworden. Auf "Stimmgänge" (1972), "Die heile Hölle" (1974) und "Balzapf oder Als ich auftauchte" (1977) folgte "Commedia", für deren Manuskript er 1979 als Erster den von Günter Grass gestifteten Alfred Döblin-Preis erhielt. Das 1980 erschienene Buch, ein an das barocke Welttheater erinnerndes Zeitpanorama aus über zweihundert Selbstporträts von Menschen aller Gesellschaftsschichten, das in einem imaginären Museumsrundgang mündet, gilt als sein Hauptwerk und wurde in Köln und Zürich auch auf die Bühne gebracht. Mit "Sindbadland" (1984) und "Barbarswila" (1988), einer grotesken Chronik seiner kaum verhüllten Heimatstadt, habe er diese Reihe großer Prosawerke fortgesetzt. 

Unbändiges Vergnügen am Grotesken

"Späth war ein Fabulierer von barocker Fülle, voller Sprachlust, derber Komik und abgründiger Melancholie", fährt der Nachruf fort. Wie Gottfried Keller in Seldwyla habe er in der Kleinstadt am See die ganze Welt gefunden: "Rapperswil ist der Raum, in dem meine Geschichten wohnen", sagte er. Mit unbestechlichem Blick und unbändigem Vergnügen am Grotesken habe er der Enge, der Selbstgerechtigkeit und der Doppelmoral der heilen Schweizer Welt nachgespürt – und hielt in einer Zeit, in der die Literatur vielfach zur nüchternen Selbsterkundung neigte, unbeirrt an der Lust am Erzählen fest. 

Leiser wurde sein Ton im Spätwerk, etwa in den "Aufzeichnungen eines Fischers", die seit 2006 im Basler Lenos Verlag erschienen sind. Der Autor wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1992), dem Kulturpreis des Kantons St. Gallen (2002) und dem Gottfried-Keller-Preis (2010). Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Er lebte in Italien, Irland und in Rapperswil. 

"Mit Gerold Späth verlieren wir einen großen Erzähler", trauert der Verlag.