Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik

Dietmar Dath: "Man misst Temperaturen nicht mit dem Lineal"

18. März 2026
Holger Heimann

Dietmar Dath meint: Die professionelle Literaturkritik verliere nicht an Stellenwert, ihre Bedeutung lasse sich nur nicht in Geld und Klickzahlen fassen. Ein Interview mit dem Schriftsteller, der 2026 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik erhält. 

Dietmar Dath steht neben einem Foto, das weiß auf schwarz die filigrane Struktur elektrischer Entladungen einer Lichtenberg-Figur zeigt

Dietmar Dath neben einem Foto, das die filigrane Struktur elektrischer Entladungen einer Lichtenberg-Figur zeigt

Als Feuilletonredakteur der »FAZ« schreiben Sie über Film, Musik und Literatur. Jetzt erhalten Sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? 

Das Schönste daran ist die wunderbare Gesellschaft, in die ich damit gestellt werde: Felicitas von Lovenberg, Paul Ingendaay, Hubert Spiegel, Meike Feßmann, Hubert Winkels und immer so fort – lauter Leute, die völlig verschiedene Vorstellungen von Literatur und Kritik haben, auch ganz andere als meine Begriffe davon: Das ist ein ungeheurer Reichtum, ein riesiges Gespräch, und jetzt habe ich es schriftlich, dass ich daran teilnehmen durfte. 

Sie sind selbst Schriftsteller und haben gut 50 Bücher veröffentlicht. Wie schaffen Sie das neben Ihrer Redakteursarbeit?

Es wird mit den Jahren schwieriger, weil zwar die Arbeitskraft (noch) nicht nachgelassen hat, aber das Umschalten immer mehr Energie frisst. Es sind unterschiedliche Arten der Aufmerksamkeit in diesen beiden Berufen nötig, und eines Tages wird die schöne gegenseitige Anregung der Felder sich nicht mehr in Texten verwirklichen lassen. Dann lasse ich entweder eins bleiben oder beides. 

Was treibt Sie an?

Ja, gute Frage: Woher kommt diese Arbeitskraft, von der ich gerade geredet habe? Meine Kindheit war geprägt von grausig unsicheren Verhältnissen, von Entscheidungen Erwachsener, die nicht zu verstehen waren. Leben heißt, dass man sich ändern muss, immer wieder. Das geht entweder per Zwang oder über Austausch der Ziele und Zwecke in Kommunikation, also über das Wort. Ich liebe das Wort und mag den Zwang nicht, auch wenn es ganz ohne Zwang wohl in keinem Leben geht.

Wie stark beeinflusst Ihr eigenes Schreiben Ihren Blick auf Literatur? 

Ich versuche immer, das Gute bei den literarischen Kolleginnen und Kollegen zu klauen und das Schlechte zu meiden. Als Kritiker will ich aber vor allem wissen: Woher kommen das Gute und das Schlechte? Meistens zeigt sich dann, dass ich das, was ich klauen will, nicht klauen kann, weil es den ganzen Kontext der anderen Person, des anderen Lebens dafür braucht. Das lehrt mich viel Respekt. 

»Es gibt doch nur alle zwei drei Jahre ein Buch, das einen wirklich packt«, sagt der Kritiker Helmut Böttiger. Wie ist das bei Ihnen?

Ganz anders. Schon weil ich nicht nur neue Bücher jeden Tag um mich habe, sondern auch dauernd alte erst entdecke.

Wie entgeht man bei der Fülle an Büchern der Gefahr, abzustumpfen?  

Ich kenne Abstumpfung nur da, wo kaum Sprache ist – in der Gewalt, im Trott, in der gedankenlosen Routine. Nie bei Büchern.

Was ist die Aufgabe von Literaturkritik?

Der Leserin und dem Leser mehr Möglichkeiten bereitzustellen, das Gelesene zu deuten, zu beurteilen, zu genießen, als vom Alltag und den Gewohnheiten her möglich wäre. Hinweise auf das, was alles in einem Text los ist. Dabei ist nicht mal wichtig, was die Kritik selbst jeweils findet, sondern viel wichtiger, dass sie zeigt, was für Methoden es gibt, das zu sehen, was nicht offensichtlich ist. 

Haben Sie Vorbilder? 

Vor mehr als 40 Jahren hat Hermann L. Gremliza einmal eine Rezension eines Romans von Hermann Peter Piwitt in der Zeitschrift »Konkret« veröffentlicht, die ich heute noch atemberaubend finde in ihrer Nähe zum Buch und Genauigkeit, unglaublich. Wenn ich so was je schaffe, höre ich sofort auf danach, um nicht den eigenen Abstieg zu erleben.

Die professionelle Literaturkritik verliert an Stellenwert. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Sie verliert nicht an Stellenwert. Die Messwerkzeuge Geld und Klickzahlen sind untauglich für diese Tätigkeit. Man misst Temperaturen nicht mit dem Lineal. Das wird gerade ein bisschen vergessen, aber man wird sich auch wieder erinnern. Das mit der Wertschätzung geht auf und ab, seit es Literaturkritik gibt, auch ohne Internet.

Sie schreiben über Mathematik und Physik, Marx und Madonna, Horror und Heavy Metal. Und immer wieder über Science-Fiction. Ein erstaunliches Spektrum. 

Und trotzdem bleibt der Gesamtzusammenhang: das Wort. Ich liebe Mathe, aber wir lernen Mathe mithilfe von Sprache, nicht umgekehrt. Und Literatur ist halt das Höchstmaß an Interesse für Sprache. 

Was begeistert Sie an Science-Fiction? 

Dass sie Haltungen vorstellt zu Problemen, die man noch gar nicht hat. Die aktuellen Probleme sind oft so doof, weil man sie so gut kennt, dass ein Blick auf andere Sorgen sehr befreiend wirken kann, weil er die Perspektive weitet.

Es ist nicht gerade das bevorzugte Genre der Literaturkritik ...

Ich glaube, das ändert sich gerade – besonders in Deutschland: Zu den neuen Leuten, die jetzt Science-Fiction schreiben, äußern sich in den Medien viele Menschen sehr klug und verständig, ich habe hervorragende Artikel über Nils Westerboer und Aiki Mira gelesen. 

Sie haben sich 2007 von der »FAZ« verabschiedet, weil Sie bei der Zeitung nicht mehr glücklich waren und sich wieder auf das eigene Schreiben konzentrieren wollten. 2011 sind Sie zurückgekehrt. Warum? 

Das eigene Schreiben gab’s ja auch bei der Zeitung, es waren nur andere Eigenheiten. 2011 bin ich wieder zur Zeitung, weil ich die tägliche Auseinandersetzung mit den Eigenheiten anderer gebraucht habe. Es war eine ganz besondere Gruppe und ich war im richtigen Alter (Anfang 40), um in genau dieser Gruppe auch Anregungen für meine Literatur zu empfangen. Ich hatte außerhalb gelernt, dass meine in der ersten Zeitungszeit erworbenen Zweifel am Journalismus als Denkform (»sich sofort zu Wort melden, mit wenig Bedenkzeit«) nur die eine Seite sind, die andere betrifft das langsamere Schreiben (man kann auch zu viel Bedenkzeit haben). Seitdem balanciere ich, aber wie gesagt, es wird nicht für immer sein. Alles hat seine Zeit. 

Der Kritiker und Autor Dietmar Dath wird 2026 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Dath gelinge es, „scheinbar inkommensurable Zonen der Wirklichkeit miteinander in Beziehung zu setzen, überraschende Parallelen und Interdependenzen zu entdecken und zugleich den Sinn für politische und existenzielle Fragen zu schärfen“, begründet die Jury. Dath könne „auf hohem sprachlichem Niveau auch schwierigste Werke erschließen, ohne ihnen ihre Komplexität zu nehmen.“
Die Preisverleihung findet am Donnerstag, 19. März auf der Leipziger Buchmesse im Forum Die Unabhängigen statt (Halle 5 H 313, 14 Uhr) mit einer Laudatio der Literaturwissenschaftlerin Franziska Bomski (Einstein Forum Potsdam), die Veranstaltung wird gestreamt.