Als Feuilletonredakteur der »FAZ« schreiben Sie über Film, Musik und Literatur. Jetzt erhalten Sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Das Schönste daran ist die wunderbare Gesellschaft, in die ich damit gestellt werde: Felicitas von Lovenberg, Paul Ingendaay, Hubert Spiegel, Meike Feßmann, Hubert Winkels und immer so fort – lauter Leute, die völlig verschiedene Vorstellungen von Literatur und Kritik haben, auch ganz andere als meine Begriffe davon: Das ist ein ungeheurer Reichtum, ein riesiges Gespräch, und jetzt habe ich es schriftlich, dass ich daran teilnehmen durfte.
Sie sind selbst Schriftsteller und haben gut 50 Bücher veröffentlicht. Wie schaffen Sie das neben Ihrer Redakteursarbeit?
Es wird mit den Jahren schwieriger, weil zwar die Arbeitskraft (noch) nicht nachgelassen hat, aber das Umschalten immer mehr Energie frisst. Es sind unterschiedliche Arten der Aufmerksamkeit in diesen beiden Berufen nötig, und eines Tages wird die schöne gegenseitige Anregung der Felder sich nicht mehr in Texten verwirklichen lassen. Dann lasse ich entweder eins bleiben oder beides.
Was treibt Sie an?
Ja, gute Frage: Woher kommt diese Arbeitskraft, von der ich gerade geredet habe? Meine Kindheit war geprägt von grausig unsicheren Verhältnissen, von Entscheidungen Erwachsener, die nicht zu verstehen waren. Leben heißt, dass man sich ändern muss, immer wieder. Das geht entweder per Zwang oder über Austausch der Ziele und Zwecke in Kommunikation, also über das Wort. Ich liebe das Wort und mag den Zwang nicht, auch wenn es ganz ohne Zwang wohl in keinem Leben geht.
Wie stark beeinflusst Ihr eigenes Schreiben Ihren Blick auf Literatur?
Ich versuche immer, das Gute bei den literarischen Kolleginnen und Kollegen zu klauen und das Schlechte zu meiden. Als Kritiker will ich aber vor allem wissen: Woher kommen das Gute und das Schlechte? Meistens zeigt sich dann, dass ich das, was ich klauen will, nicht klauen kann, weil es den ganzen Kontext der anderen Person, des anderen Lebens dafür braucht. Das lehrt mich viel Respekt.
»Es gibt doch nur alle zwei drei Jahre ein Buch, das einen wirklich packt«, sagt der Kritiker Helmut Böttiger. Wie ist das bei Ihnen?
Ganz anders. Schon weil ich nicht nur neue Bücher jeden Tag um mich habe, sondern auch dauernd alte erst entdecke.
Wie entgeht man bei der Fülle an Büchern der Gefahr, abzustumpfen?
Ich kenne Abstumpfung nur da, wo kaum Sprache ist – in der Gewalt, im Trott, in der gedankenlosen Routine. Nie bei Büchern.
Was ist die Aufgabe von Literaturkritik?
Der Leserin und dem Leser mehr Möglichkeiten bereitzustellen, das Gelesene zu deuten, zu beurteilen, zu genießen, als vom Alltag und den Gewohnheiten her möglich wäre. Hinweise auf das, was alles in einem Text los ist. Dabei ist nicht mal wichtig, was die Kritik selbst jeweils findet, sondern viel wichtiger, dass sie zeigt, was für Methoden es gibt, das zu sehen, was nicht offensichtlich ist.