"Mit Dacia Maraini ehren wir 2026 eine Schriftstellerin, die der europäischen Idee durch ihr Leben und ihr Werk eine unverwechselbare Stimme gegeben hat", begründet Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, den Entscheid der Jury. "Geboren 1936 in Fiesole, erlebte sie als Kind Krieg, Verfolgung und Internierung in Japan, wohin ihre Familie vor dem italienischen Faschismus geflohen war. Diese Erfahrungen prägten ihr tiefes Verständnis für Freiheit, Menschenwürde und Verantwortung.
Seit mehr als sechs Jahrzehnten zählt Dacia Maraini zu den bedeutendsten Autorinnen Italiens. In Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken hat sie jenen eine Stimme verliehen, die allzu oft übersehen werden: Frauen, Ausgegrenzten, Benachteiligten und den Opfern von Gewalt. Ihr großes politisches Engagement, vor allem für Frauenrechte und Gleichberechtigung, und die Thematisierung der unterschiedlichen Formen sexueller Gewalt sind in ihren Werken durch ihre außergewöhnliche Fähigkeit präsent, individuelles Schicksal und gesellschaftliche Fragen miteinander zu verbinden. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie unter anderem mit dem Premio Strega ausgezeichnet.
Doch Dacia Maraini ist mehr als eine herausragende Erzählerin. Sie ist eine unermüdliche Verteidigerin von Dialog, Bildung und kultureller Offenheit. Ihre Texte überwinden Grenzen von Sprache, Nation und Herkunft. Sie erinnern uns daran, dass Toleranz nicht Gleichgültigkeit bedeutet, sondern die aktive Bereitschaft, den anderen zu verstehen, Unterschiede anzuerkennen und Vielfalt als Bereicherung zu begreifen.
Gerade in einer Zeit neuer Spannungen in Europa steht ihr Werk für Humanität, Empathie und die Kraft des Gesprächs. Dacia Maraini hat gezeigt, dass Literatur Brücken bauen kann, wo Vorurteile Mauern errichten.
Der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln würdigt daher nicht nur eine große Autorin, sondern eine europäische Stimme des Respekts, der Freiheit und des friedlichen Miteinanders."