Der Buchblog-Flaneur: Zehn Leseempfehlungen aus dem Juni 2026

"Ich möchte jedes Wort unterstreichen"

29. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Blogger Uwe Kalkowski, besser bekannt als "Der Kaffeehaussitzer", flaniert monatlich durch die Buchblogs und stellt bei uns besprochene Titel vor. Hier kommt seine neue literarische Netzauslese für den Juni.

Uwe Kalkowski

Uwe Kalkowski

Buchflaneur

Fundstück aus dem März

Der Juni geht zu Ende und allen Wetterkapriolen zum Trotz gibt es auch in diesem Monat wieder eine Menge zu lesen in den Literaturblogs. Wie immer habe ich zehn Fundstücke zusammengetragen - wobei diesmal ein bisschen geschummelt wurde, denn einer der Texte ist bereits im März erschienen. Ich habe ihn erst jetzt entdeckt und fand ihn so stark und wichtig, dass er kurzerhand in die Juni-Kolumne aufgenommen wurde. Es ist dann auch gleich das erste Fundstück.

"Wenn wir nur noch das lesen, was unsere Weltsicht bestätigt und unsere Moralvorstellungen streichelt, betreiben wir literarischen Inzest." Oder warum der heutige Anspruch, dass Bücher ein "Safe Space" sein müssen, eine vollkommen falsche Entwicklung darstellt. Ein sehr lesenswerter Beitrag im Blog Letusreadsomebooks, bei dem ich am liebsten jedes Wort unterstreichen möchte. 

Im Frühjahr hatte ich die Gelegenheit, Siri Hustvedt bei der lit.COLOGNE live zu erleben - ein ganz besonderes Erlebnis. Sie stellte ihr Memoir "Ghost Stories" vor, in dem sie über ihren verstorbenen Ehemann Paul Auster schreibt und ihre vielen Jahre zu zweit. Im Blog BuchUhu bespricht Blogger Andreas Steppan das Buch und bringt dessen einzigartige Atmosphäre wunderbar auf den Punkt. 

Ingeborg Bachmann

Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Auf vielerlei Art und Weise wird der österreichischen Ausnahmeautorin gedacht. Doch besonders das Projekt der Filmemacherin Regina Schilling sorgt für Aufsehen, die sich gemeinsam mit der Schauspielerin Sandra Hüller auf Spurensuche begibt. Im Blog intellectures gibt es einen ausführlichen Text über diese einzigartige Form der Annäherung.

Im Blog Das Buchzuhause wird das Buch "Perfekt. Glatt. Wirkungslos." von Daniel Caroppo vorgestellt. Der Untertitel verrät, um was es geht: "Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren". Bloggerin Antje Tomfohrde schreibt in ihrem Beitrag: "Daniel Caroppos Meinung lässt sich mit dem Wort Haltung zusammenfassen. Es geht darum, eine Haltung zu zeigen, zu haben und den Texten die Haltung der Verfasser*in anzumerken. Verstecke ich mich und meine Meinung hinter einem aalglatten, komplett durchgebügelten KI-Text, der wie ein Tiger ohne Zähne wirkt, oder bin ich mutig und beziehe Position? Darum kreist dieses Buch und das unterschreibe ich auch. Wenn eins in Zeiten von KI noch wichtiger ist als zuvor, dann das."

Interessante Sachbücher

Im Blog Kulturgeschwätz bricht Bloggerin Katharina Herrmann eine Lanze für den Roman "Partypeople" von Stefan Sommer und zugleich für den Deutschen Popliteraturpreis, für den das Buch nominiert war. 

Der Blog Elementares Lesen von Petra Wiemann beschäftigt sich ausschließlich mit Sachbüchern - eine Besonderheit in der Buchblogwelt. In einem aktuellen Beitrag findet man eine Übersicht über die Sachbuch-Neuerscheinungen im Herbst 2026 nebst ein paar persönlichen Empfehlungen. 

Wer ausführliche Rezensionen schätzt, die sich intensiv mit dem besprochenen Werk beschäftigen, aber nicht zu viel von der Handlung verraten, ist beim Blog Kommunikatives Lesen genau richtig. Gut gefallen hat mir im Juni die Besprechung des Romans "Schleifen" von Elias Hirschl.

Situation in Georgien

Den Kölner Kontrabande Verlag gibt es seit eineinhalb Jahren und ich kannte ihn bisher noch nicht. Dank eines Interviews im Blog Verlorene Werke hat sich dies nun geändert. 

Und noch ein Interview: Tino Schlench hat sich mit seinem Blog Literaturpalast als Kenner osteuropäischer Literatur einen Namen gemacht; hier gibt es immer Spannendes zu entdecken. Im Juni etwa ein Gespräch mit dem georgischen Autor Iwa Pesuaschwili über seinen Roman "Müllschlucker" wie auch über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Georgien. Große Leseempfehlung.

Großartige Krimis

Um das Buch "Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas" von Adam Weymouth geht es im Blog Reklamekasper. Vermutlich hätte ich es in einer Buchhandlung übersehen, aber die Rezension macht einen sofort neugierig auf das Werk. Und dafür liebe ich die bunte Welt der Literaturblogs.

Und bei mir im Blog Kaffeehaussitzer frage ich mich, warum manche Menschen sagen, sie würden keine Krimis lesen - und liefere zugleich ein Beispiel, das zeigt, welch großartige Literatur sie dadurch verpassen.

Das waren sie, die Juni-Fundstücke des Buchblog-Flaneurs. Bis bald, kommen Sie gut durch die heißen Tage. 

Über den Autor

Uwe Kalkowski ist seit über dreißig Jahren in der Buchbranche tätig und kennt sie aus verschiedenen Perspektiven: Als Buchhändler, als Absolvent des Studiengangs Verlagswirtschaft in Leipzig und als Mitarbeiter verschiedener Verlage. Seit 2019 arbeitet er für den Eichborn Verlag in Köln. Auf seinem privaten Literaturblog Kaffeehaussitzer schreibt er über Bücher und Leseerlebnisse. Als Buchblog-Flaneur stellt er monatlich zehn Fundstücke aus der Welt der Literaturblogs vor.