Hörtipp

US-Firmen kaufen massenhaft antiquarische Bücher fürs KI-Training

29. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

US-Firmen kaufen Bestände von Antiquariaten auf, um KI-Modelle zu trainieren. Nach dem Einscannen werden sie offenbar entsorgt. Der SWR hat mit dem Tübinger Antiquar Roger Sonnewald über das Phänomen gesprochen. Er warnt vor dem Verlust von Kulturgut.

Büchergewimmel

US-amerikanische KI-Unternehmen kaufen derzeit offenbar antiquarische Bücher im deutschsprachigen Raum auf, um sie für das Training von Sprachmodellen zu nutzen, so der SWR. Darüber wurde in verschiedenen Medien berichtet. Und in Online-Foren hätten Antiquariate aus ganz Deutschland gemeldet, dass auffällige Großbestellungen des kanadisch-amerikanischen Unternehmens Zoom Books eingegangen seien. Bevorzugt würden Sach- und Fachbücher aus den 1970er Jahren oder später gekauft, die eine ISBN hätten. Die Bücher würden eingescannt und danach vernichtet, so die Vermutung. 

Der Tübinger Antiquar Roger Sonnewald sieht im Gespräch mit dem SWR darin zwar keinen Diebstahl – schließlich würden die Werke gekauft. Aber er warnt: Durch die vermutliche Vernichtung gehe Kulturgut verloren, auch wenn die gekauften Bücher oft veraltete Sachbücher, Reisebücher oder Kochbücher seien. Denn es handle sich um große Mengen. Und wer weiß: "Antiquarische Bücher brauchen teilweise eine gewisse Lagerzeit" – um begehrt zu sein.

  • Das gesamte Gespräch mit Roger Sonnewald (6:24 Minuten) kann auf der SWR-Website (hier) angehört werden.

Das Fair-Use-Prinzip soll es ermöglichen

In Medien wurde in letzter Zeit öfter über den massenhaften Aufkauf antiquarischer Bücher durch US-Firmen berichtet. Das Motiv? Die bislang frei zugänglichen Texte im Netz sind für das Training moderner Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft, berichtet etwa SRF. Deshalb werde inzwischen von KI-Unternehmen "gezielt nach alten Fachbüchern aus Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften" gesucht – "Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Feinheiten, die im heutigen Internet noch fehlen."

Das juristische Schlupfloch dabei sie ein umstrittenes Konstrukt aus dem US-amerikanischen Urheberrecht. Wer digitale Texte im Netz kopiert, riskiert Schadensersatzklagen. Kaufen KI-Unternehmen die Bücher hingegen physisch und vernichten sie nach dem Einlesen, so SRF, gelte dies in der Branche als Versuch, sich auf das sogenannte Fair-Use-Prinzip zu berufen. Es erlaube die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Erlaubnis des Rechteinhabers – sofern sie der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktionen dienen.

Als Lesetipp dazu führt SRF einen Artikel der "Washington Post" ("Inside an AI start-up’s plan to scan and dispose of millions of books") an.