BILD DER WOCHE

Mentale Überbrückungshilfe

5. Februar 2021
von Petra Gass

Wir werden digitalmüde. Aber was hilft's? Sogar die Mainzer Fastnachtsitzung, eine bisher nur analog denkbare Veranstaltung, geht den Schritt ins Digitale. Petra Gass über Pappkameraden und das Verscheuchen winterlicher Trübnis.

Mainzer Fastnacht, wie es sie noch nie gab

Was für ein Bild! Auf den Rückenlehnen leerer Stühle stecken Pappfiguren, für die Fassenacht kostümiert. Eine Närrin winkt sogar. Dieser skurrile Aufbau wurde im Mainzer Schloss fotografiert, wo die Reden für die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ aufgezeichnet werden, im Corona-Jahr 2021 ohne Publikum. Die Musikvideos mit den Fastnachtsschlagern sind im Freien und im Morgengrauen gefilmt worden, damit sich keine Menschenaufläufe bilden, und für weitere Einspieler habe man „Applaus-Szenen der letzten fünf Jahrzehnte gesichtet“, berichtete die lokale Allgemeine Zeitung. Hammer! Die Narren sind ja sonst nicht aus Pappe, meint man, sie schunkeln bei Sitzungen, die länger als ein Arbeitstag sind, oder marschieren kilometerweit beim Umzügen in Regen oder Schnee. Nun Pappfiguren vor der Bühne und auf whatsapp kursierende Karnevalsumzüge durch den heimischen Flur, nachgestellt aus Lego oder Playmobil.

Mich beeindruckt dieser entschlossene Wille zur Heiterkeit. Kaum einem ist noch zum Lachen, man hat inzwischen hunderte von Videokonferenzen absolviert und -zig mehr oder weniger gelungene Ersatzveranstaltungen für Live-Events gesehen. Das Geld wird knapp, die Geduld ist alle - keine Grundlagen mehr für Zuversicht.

Wir werden digitalmüde. Dennoch freue ich mich, wenn einige Verlage und Organisationen andeuten, sie würden da was vorbereiten, was zur Zeit der – wiederum abgesagten – Leipziger Buchmesse online gehen soll.

Ich finde es aber gut, dass gegen Ende dieses endlosen Corona-Lockdowns die Fassenachter alles geben, um uns aus dieser winterlichen Trübnis zu holen. Genau dafür wurde dieses Event doch mal erfunden, oder?

Wir werden digitalmüde. Dennoch freue ich mich, wenn einige Verlage und Organisationen andeuten, sie würden da was vorbereiten, was zur Zeit der – wiederum abgesagten – Leipziger Buchmesse online gehen soll. Man kann ja nach einem Jahr Ersatzhandlungen von einer gewissen Professionalisierung ausgehen. Welche Formate wird es geben? Wer macht mit? Kommen die Infos bei mir an, wann und wo was geboten wird?

Kürzlich sah ich einen digitalen Konzertabend. Leere Bühne, der Moderator alleine dort, die eingespielten Videos zeigten Proberäume erstaunlicher Vielfalt oder Musiker im Wohnzimmer, das Schlagzeug vor dem Gläserschrank aufgebaut. Manchen dürfte das sogar besser gefallen haben als das letzte Live- Konzert, mit Rückenschmerzen nach der zweiten Band.

Egal wie schräg die digitalen Ideen als Ersatz auch sind und ganz gleich wie wir in einigen Jahren darüber denken mögen: Im Moment sind sie eine mentale Überbrückungshilfe in das Leben, das wir lieben.