Bildungspolitik trifft Kinderbuch

"Ohne Lesen geht nichts!"

19. Mai 2026
Stefan Hauck

Bundesbildungsministerin Karin Prien und Autorin Cornelia Funke diskutierten auf Einladung der Hamburger Buchhandlung Wassermann über Kita, Schule, Bücher, Bildungspolitik und darüber, wie früh Lesen gefördert werden muss: Auszüge aus einem spannenden Gespräch.

Cornelia Funke, Stefan Hauck und Karin Prien

Lebhaftes Gespräch in Hamburg-­Blankenese: (v. l.) Cornelia Funke, Stefan Hauck und Karin Prien.

Bücher, die fasziniert haben

Stefan Hauck: Gestern saß bei Edeka in der Großen Bergstraße ein elf-, zwölfjähriger Junge auf einer umgestülpten Getränkekiste und las. Um ihn rum tobte das Leben, er war in ein dickes Buch versunken. Von welchen Büchern waren Sie als Kind fasziniert?

Karin Prien: Da ich in den Niederlanden geboren bin, waren es holländische Kinderbücher – eines der allerfrühesten war "Miffy" von Dick Bruna. Märchen haben eine riesige Rolle gespielt, Grimm, Andersen, und meine Großmutter hat mir immer Märchen erzählt, die sie sich ausgedacht hat. Später kamen dann "Hanni und Nanni", die habe ich geliebt, "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" und zunehmend Bücher, die einen historischen Bezug hatten. So mit 13, 14 kam dann der Übergang in die Erwachsenenliteratur. Jaap ter Haars "Behalt das Leben lieb" über einen erblindeten Jungen war für mich ganz wichtig, auch Astrid Lindgren in allen Varianten, "Die Brüder Löwenherz" war eines meiner Lieblingsbücher – ah, und Mark Twains "Der Prinz und der Bettelknabe"!

Cornelia Funke: Das klingt so, als ob wir einen ganz ähnlichen Geschmack hatten …Ich habe die holländischen Bücher nicht gelesen - das habe ich oft erlebt, dass man sich gar nicht so austauschen kann mit anderen, weil sie als Kinder ganz andere Bücher gelesen und andere Fernsehserien geguckt haben. Brüder Löwenherz auf jeden Fall, und Mark Twain! Mein Bruder bekam zur Kommunion, ich bin ja katholisch aufgewachsen, Tom Sawyer und ich bekam Heidi - und ich habe mit ihm getauscht.

Stefan Hauck: Und Märchen?

Cornelia Funke: Ich mochte ja keine Märchen … Märchen habe ich immer gehört. Ich hatte so eine kratzige Langspielplatte und ich verstand nicht, warum ich die höre. Ich hab immer gedacht, die Märchen sind doch seltsam und grausam. Da gibt es auch nicht solche Helden wie bei Lindgren zum Beispiel. Aber man merkt schon, welche Faszination Märchen haben. Aber gleichzeitig können sie auch ganz reaktionär, ganz frauenfeindlich sein. Für uns als Frauen ist es oft schwer, ein Märchen zu finden, wo man nicht sagt, "Um Gottes willen, wenn sie jetzt noch länger auf den Prinzen wartet, dann schrei ich!" Ich glaube, was Märchen uns immer beibringen, ist, dass man manche Dinge mit Worten kaum fassen kann, aber ein symbolisches Bild haften bleibt, wie Aschenputtels Schuh.

Karin Prien: Was ich vergessen habe, ist Andersens "Kleine Meerjungfrau" und Otfried Preußlers "Kleine Hexe", wo ein Mädchen eine ganz selbstbewusste Rolle spielt.

Cornelia Funke: Es ist interessant, dass man im Nachhinein entdeckt, dass man die starken Mädchen mochte.

"Phantastik-Leser sind politisch aktiver"

Stefan Hauck: Gerade wird wieder diskutiert, ob wir bei dem großen Angebot von phantastischer Literatur wieder mehr Realität brauchen. Vor einigen Wochen hat die Historikerin Laure Murat auf den Vorwurf, dass Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" eher ein Mittel zur Weltflucht sei als eine Konfrontation mit der Realität" geantwortet: "Ich glaube, dass Fiktion einen nicht von der Realität entfernt, sondern sie einem näher bringt. Statt die Fiktion als etwas zu begreifen, das einen vernebelt, sieht Proust sie als Mittel, um in die Wirklichkeit einzutauchen und die Dinge von allen erdenklichen Seiten zu beleuchten."

Cornelia Funke: Genau! Da stimmen wir beide zu, denke ich. Man sagt auch, dass Phantastik-Leser wesentlich politisch aktiver sind. Weil sie sich einfach eine andere Welt vorstellen können. Und ich glaube auch ganz fest an das Mittel der Phantastik, um Hoffnung zu machen, um Trost zu spenden, aber auch das Gefühl, man kann doch etwas anders machen.

Karin Prien: Was kann Kinder- und Jugendliteratur überhaupt leisten? Warum ist Lesen so wichtig? Es ist die Mutter aller Kulturtechniken, weil ohne Lesen kann ich mir eigentlich gar nichts anderes erschließen. Jedes Kind muss fließend lesen können, damit es Spaß kriegen kann, in literarische Welten einzutauchen. Pascal Matthäus hat es vorhin gesagt: Lesen ist Voraussetzung für politische Teilhabe, für Bildungserfolg, für ökonomische Teilhabe, eigentlich für alles.

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