Verlage zu Streichungen im WDR-Literaturprogramm

"Anstatt zu revolutionieren, canceln Sie lieber"

22. Februar 2021
von Börsenblatt

44 unabhängige Verleger*innen kritisieren in einem Offenen Brief an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaler vehement unter anderem das Aus für die tägliche Buchrezension in "WDR3 Mosaik". Die Abschaffung wirke "besonders ignorant im Kontext der derzeitigen Lage für alle Kunst- und Kulturschaffenden".

Die Buchkritik in der WDR-Sendung Mosaik steht auf der Kippe

Initiiert wurde der Offene Brief von Joseph Reinthaler vom homunculus verlag Er wurde am 22. Februar an an Programmdirektor*innen und Intendant*innen der Rundfunkveranstalter des öffentlichen Rechts, insbesondere an Tom Buhrow, Valerie Weber und Matthias Kremin vom WDR, versendet.

Als Anlass des Schreibens nennt Reinthaler das bevorstehende Ende der täglichen Buchrezension in "WRD3 Mosaik" und vorangehende Streichungen von Programmplätzen für Literaturformate und Buchrezensionen. Im Offenen Brief heißt es dazu: "Diese Abschaffung wirkt besonders ignorant im Kontext der derzeitigen Lage für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es Verlagen kaum möglich, durch Lesungen und Messen die Aufmerksamkeitspolitik aufrechtzuerhalten, die das Kulturgut Buch so sehr verdient. Es ist ganz und gar erstaunlich, dass sich gerade in einer solch verheerenden Situation Vertreter*innen einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt zu solchen Entschlüssen hinreißen lassen und darin auch offenbar überhaupt kein Problem sehen."

Literatur sei nicht weniger wichtig geworden und damit auch nicht die Literaturvermittlung. Literatur sei schon unverzichtbar kulturstiftend zu einer Zeit gewesen, in der nur jede*r Zehnte lesen konnte – "die Quoten sind heutzutage also hervorragend".

Reinthaler fährt im Wortlaut fort:

Ich bin auch fest überzeugt, dass die offensichtliche Grundhaltung, dass Literatur heutzutage 'problematisch' sei, eine gewaltige Fehleinschätzung ist. Dass diese Grundhaltung bei vielen Verantwortlichen solcher Entscheidungen besteht, ist ein offenes Geheimnis. Literatur war nie unproblematisch, war immer prekär – und auch ist der Topos des armen Poeten älter als Goethe und Schiller. Das einzige neue Problem, das das 21. Jahrhundert mitbringt, ist eine Konzentration oder Versessenheit auf die Unmittelbarkeit und Quantität des Feedbacks, eine Algorithmisierung von allem, was sich an Klickzahlen, Daumen bemisst, die nach 24 h bereits veralten. Das Feedback muss instant erscheinen – und reichlich. Am Abend muss validiert werden können, ob der Morgen ein Erfolg war. Den episodischen Menschen nennt man das, der sich vom komplexen Menschen entfernt. Aber Literatur ist ein langsames Medium – und weil komplexes Denken auch ein langsamer Prozess ist, ist diese Entschleunigung nicht substituierbar. Literaturvermittlung und Diskurs dürfen sich nicht zurückziehen!

Der zunehmende Unwille der Medien, der Literatur den nötigen Raum zu geben, ist nicht organisch – dieser Unwille ist gemacht und aktiv entschieden, ist das Kind einer unterkomplexen Weltsicht und Wertbemessung, wobei die Messung den Wert wiederum als Haustier hält, den man nur dann zu füttern braucht, wenn er bereits jaulend darniederliegt.

Mit welch enormer Verlässlichkeit wir in den täglichen Nachrichten Ergebnisse von Fußballspielen oder Lottozahlen präsentiert bekommen und mit welcher Verlässlichkeit niemals Sätze wie 'heute erschien folgendes absolut großartiges Buch'. Das Feuilleton wird marginalisiert – aber das ist eine aktive Entscheidung der Gestalter*innen, die gerne im Duktus der Selbstverständlichkeit präsentiert wird.

Die tägliche Buchrezension im 'WDR3 Mosaik' war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Literatur nicht marginalisiert wird, sondern zum täglichen kulturellen Input gehört. Das Format strahlt genau jene Selbstverständlichkeit aus, die andere Formate so sehr vermissen lassen, die aber notwendig und tatsächlich ist.

Matthias Kremin versichert, dass es sich um eine Umformung und keine Kürzung handelt. Wir Verlegerschaft sind skeptisch und interessiert, wie es dem WDR gelingt rd. 250 Titel im Jahr im Duktus der Alltäglichkeit von literarischem Diskurs nun besser zu präsentieren. Wie? Das wurde nicht gesagt. Bei konstruktiven Abschaffungen geht eigentlich mit dem Bekenntnis zur Abschaffung die Präsentation des neuen Konzepts einher bzw. geht das neue Konzept dieser voraus. Man ist geneigt anzunehmen, dass das 'Verbrämen der schrittweisen Abschaffung von Literaturkritik [im] öffentlichen Rundfunk', wie Jan Wiele es in der FAZ am 27.01.2021 nannte, auch hier wieder wie bei vielen anderen Landesmedienanstalten als Fall vorliegt. Der traurige Umstand ist leider nicht zu leugnen und langsam wird die Mär der Abschaffung zugunsten neuer, besserer, ja großartiger Formate nicht mehr geglaubt, die Mär, die uns jedes Mal die Destruktion als Erfolgsmeldung verkaufen will.

Liebes ZDF, lieber BR, lieber hr, lieber MDR, lieber NDR, liebes Radio Bremen, lieber rbb, lieber SR, lieber SWR und nach wie vor natürlich lieber WDR:

Leider sind solche Entscheidungen zunehmend zu bemerken und ich möchte an dieser Stelle nicht versäumen, allen öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaltern den Inhalt dieses offenen Briefes zu empfehlen. Sollten Sie mit ihren eigenen Formaten der Literaturvermittlung und des literarischen Diskurses unzufrieden sein, haben Sie vielleicht sogar recht – doch liegt das Problem nicht bei der Literatur oder der Leserschaft, die reichlich und sehr interessiert ist. Das Problem ist vielmehr regelmäßig in der Ausgestaltung Ihrer Formate zu finden, in unzeitgemäßen bourgeoisen Konzepten. Aber anstatt zu revolutionieren, canceln Sie lieber, stampfen ein, verschlanken, wo ausgebaut werden sollte, und erzählen dazu Geschichten, die einzig und allein die Gemüter beruhigen sollen, die man aber besser nach ein paar Jahren nicht validieren sollte. Die fortschreitende literarische Verarmung der Medien ist ein Symptom zunehmenden Antiintellektualismus, der verheerend für eine demokratische Gesellschaft ist, aber schlicht und ergreifend durch solche Entscheidungen aktiv geformt wird. Ich möchte betonend wiederholen: Es handelt sich nicht um einen passivischen Effekt, den man wehrlos erleidet, weil die Umstände ihn bedingen, sondern um die Konsequenz aktiver Entscheidungen und Formgebungen. Diesen Umstand prangere ich an.

Außerdem ist der Umstand verheerend, dass die öffentlich-rechtlichen Sender die Ausfälle im Literatur- und Kulturerleben seit Frühjahr 2020 nicht maßgeblich gewillt waren, zu kompensieren. Es wäre der rechte Zeitpunkt dafür gewesen, Sendezeit all jenen Schriftsteller:innen, Musiker:innen, performativen Künstler:innen zu geben, die ihre Kunst nicht mehr live einem Publikum vorführen konnten, die Technik und die Reichweite zur Verfügung zu stellen, anstatt die brachliegende performative Kulturproduktion dem Wohnzimmer und der Smartphone-Kamera zu überlassen. Ich bezeichne diese Ignoranz als Corona-Generalversagen der öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Es wird Zeit für ein Bekenntnis. Kein rhetorisches Bekenntnis – ein Bekenntnis der Tat, ein tief ins Innerste der Grundsätzlichkeit vordringendes Bekenntnis.

Ich empfehle tatsächlich auf dieses Schreiben nicht (verbal) zu antworten: Keine Rhetorik, keine Versprechung, keine Erzählung. Die Antwort muss allein als Maßnahme erfolgen und die Veränderungen müssen so massiv, so substanziell sein, dass wir sie von selbst erkennen, ohne dass man sie uns vorher als Märchen erzählen muss. Vielleicht – wenn wir auf die Rhetorik verzichten, auf die Verschüttung – bleibt am Ende nur die Realität der Tat als Option. Das ist die Hoffnung.

Viele Grüße

Joseph Reinthaler, homunculus verlag

gemeinsam mit:

Lena Anlauf, kunstanstifter

Florian Arnold & Rasmus Schöll, verlag topalian & milani & edition hibana

Martin Arz, Hirschkäfer Verlag

Frank Böttcher, Lukas Verlag

Dr. Martin Brinkmann, Krachkultur Verlag

Bettina Deininger, austernbank verlag

Dr. Anne Dreesbach, August Dreesbach Verlag // Grete & Faust

Michael Faber, Verlag Faber & Faber Leipzig

André Förster, Quintus-Verlag

Heinz Granvogl & Heike Birke, BALAENA Verlag

Dincer Gücyeter, ELIF VERLAG

Erna Hofmann, Spätlese Verlag (bis 2019)

Benno Käsmayr, MaroVerlag

Matthias Klein, scaneg Verlag

Ansgar Köb & Jürgen Volk, Verlag duotincta

Edita Koch, EXIL VERLAG

Jana Krimmling, Morio Verlag

Manuel Lindinger, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte • Die Mark Brandenburg

Dieter Lohr, LOhrBär-Verlag

Katharina Eleonore Meyer, MERLIN VERLAG

Annette Michael, Orlanda Verlag

Dr. Wolf-Rüdiger Osburg, Osburg Verlag

Thomas Pago, Elsinor Verlag

Thomas Peters, Morisken Verlag

Carsten Pfeiffer, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis

Susanna Rieder, Susanna Rieder Verlag

Norman Rinkenberger, Büchner-Verlag

Niclas Rohrwacher & Philipp Merlin Scharff, Mentor Verlag

Josefine Rosalski, edition karo

Manfred Rothenberger, starfruit publications

Andrea Schmidt, Verlagshaus Berlin

Thies Schröder, L&H Verlag

Dr. Volker Surmann, Satyr Verlag

Michael Volk, Volk Verlag

Matthias Wehrhahn, Wehrhahn Verlag

Silke Weniger, edition fünf

Stefan Wirtz, Conte Verlag

Thomas Zehender, danube books

Sebastian Zembol, Mixtvision