Buchcharts – die aktuellen Bestsellerlisten

Bewegende Blicke zurück

14. Juli 2020
von Matthias Glatthor

In unseren Wochencharts steigen zwei Titel neu ein, die sich mit himmelschreienden Ungerechigkeiten in der Vergangenheit auseiandersetzen (die bis heute fortwirken): Der Debütroman "Die Tanzenden" von Victoria Mas und die Wiederentdeckung "Barracoon", in der Zora Neale Hurston vor knapp 90 Jahren die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven aufschrieb. Bei den Ratgebern meldet der ZS Verlag 800.000 verkaufte Exemplare seiner Ernährungs-Docs-Reihe.

Neu in den Charts

Die Wochencharts auf Börsenblatt Online

Ermittlungszeitraum: 29. Juni bis 5. Juli 2020

Belletristik

Die 1987 geborene Französin Victoria Mas schafft es als einzige Neueinsteigerin in die Belletristik-Charts (Hardcover): Ihr preisgekrönter Debütroman "Die Tanzenden" (Piper) holt sich auf Platz 17. Die Handlung spielt Ende des 19. Jahrhunderts im berühmten Pariser Krankenhaus Salpêtrière, einer psychiatrischen Anstalt. Dorthin sind die beiden jungen Frauen Louise und Eugénie als "Hysterikerinnen" von ihren Familien abgeschoben und eingepfercht worden. Dann lädt das Krankenhaus die Pariser High Society zu einer Ballnacht ein, bei der Louise und Eugénie Tanzeinlagen geben sollen.

"Wir hatten schon auf dem Salon du Livre von diesem tollen Debüt gehört und waren sofort zur Stelle, als es uns schließlich erreichte", erklärt Franziska Zintzsch, die zuständige Lektorin aus dem Piper-Literaturlektorat gegenüber Börsenblatt online. "Die Lektüre hat unsere Erwartungen dann noch weit übertroffen, sodass unsere Entscheidung innerhalb von zwei Tagen feststand: Das wird das große Debüt der Rentrée littéraire. Und wir waren überglücklich, als sich unser schnelles Agieren am Ende ausgezahlt hat."

Was Piper sofort für "Die Tanzenden" eingenommen habe, sei die unverbrüchliche Courage, mit der sich Victoria Mas‘ Protagonistinnen gegen die Beschränkungen auflehnen, denen sie als Frauen Ende des 19. Jahrhunderts unterliegen. "Wie sich Eugénie in diesem Roman ihren Weg bahnt – gegen alle Regeln der Zeit, ja sogar gegen den Widerstand ihrer eigenen Familie –, das macht auch heute noch Mut", meint die Lektorin.

Hatte Piper keine Bedenken, weil es ein Erstling ist? Natürlich berge ein Debüt immer ein gewisses Risiko, räumt Zintzsch ein, aber: "Die seltene Mischung aus Relevanz und Zugänglichkeit hat uns früh auf den Titel setzen lassen." Hier habe eine Autorin ihren Ton gefunden. Dann sei das Buch in Frankreich erschienen, und die Verkaufszahlen würden für sich sprechen: Gerade sei dort die 150.000-Exemplar-Marke geknackt worden. "Bisher sind 15 Auslandsabschlüsse zusammengekommen, die deutschen Übersetzungsrechte wurden aber mit als Erste verkauft", weiß Zintzsch.

Die Startauflage betrage 25.000 Exemplare, es müsse bereits nachgedruckt werden. Die Übersetzerin Julia Schoch habe "Die Tanzenden" in "ein wunderbar atmosphärisches, feinfühliges Deutsch gebracht", lobt Zintzsch.

Neu beim Paperback und Taschenbuch sind:

  • Platz 11 (PB): "Insel" (btb) des Isländers Ragnar Jónasson. Band Zwei der Hulda-Trilogie. Protagonistin ist Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík.
  • Platz 18 (PB): "Hagebuttenblut" (Penguin) der schwedischen Autorin Lina Bengtsdotter. Zweiter Teil der Charlie-Lager-Serie um die Stockholmer Ermittlerin.
  • Platz 21 (TB): "Gier - Wie weit würdest du gehen?" (Blanvalet) von Marc Elsberg. Die TB-Ausgabe des noch lieferbaren Hardcovers vom Februar 2019. Zu Elsbergs Website geht es hier. https://www.marcelsberg.com/

Auf Platz Eins (Vorwoche: Platz 2) der Hardcover-Charts klettert Delia Owens mit "Der Gesang der Flusskrebse" (Hanserblau), ein Buch, das schon 50 Wochen in den Charts kreist. Weltweit habe sich der Roman (über alle Ausgaben hinweg) circa 10 Millionen Mal verkauft, 350.000 Mal im deutschsprachigen Raum (DACH), teilt der Verlag auf Anfrage mit. Insgesamt sei das Buch in 40 Ländern erschienen und auf vier Kontinenten ein Bestseller. Es ist das Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen 2019 in Deutschland und das Lieblingsbuch der Deutschschweizer Buchhändler*innen 2020. "Unsere Verlagsleiterin Ulrike von Stenglin, die bei einem Besuch in New York im September 2018 erstmals die Geschichte las, versank so tief in die Lektüre, dass sie ihre Haltestelle in der U-Bahn um mehrere Stationen verpasste. Vielleicht war das schon ein Zeichen?", so Presseleiterin Kristin Rosenhahn. Die Geschichte des Mädchens Kya in der unfreiwilligen Isolation, dessen einziger Trost die Natur ist, habe in Zeiten des Lockdowns besonders viele Menschen angesprochen. Der Roman sei das umsatzstärkste Buch des ersten Halbjahrs gewesen.

Sachbuch

"Barracoon" (Penguin), die "Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven", hatte die afro-amerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston (1891–1960) vor rund 90 Jahren verfasst – dann blieb sie Jahrzehnte unveröffentlicht. Erst 2018 erschien das Buch in den USA (mit Vorwort von Alice Walker: "Zora Neale Hurstons Genie ... hat abermals ein Meis­terinnenwerk geschaffen", heißt es dort), im Februar 2020 kam die deutsche Ausgabe heraus. Der Begriff "Barracoon" (Bude, Baracke) bezeichnet Baulichkeiten zur Internierung von Afrikanern an der afrikanischen Küste, aus denen die Sklaven verkauft und verschifft wurden. In Zuge der Rassismus-Debatte ist die deutsche Ausgabe jetzt erfreulicherweise in die Sachbuch-Charts (Hardcover) eingestiegen – neu auf Platz 23. Erzählt wird die wahre Geschichte von Oluale Kossola (auch Cudjo Lewis), der 1860 auf dem letzten Sklavenschiff nach Nordamerika verschleppt wurde. Hurston befragte 1927 den damals 86-Jährigen über sein Leben, vier Jahre später traf sie ihn nochmals. "Sein Bericht ist Pflichtlektüre", findet die "Neue Zürcher Zeitung".

"Die Entscheidung, das Buch zu verlegen, fiel schon vor zwei Jahren. Unser Verleger Thomas Rathnow hatte schon länger Zora Neale Hurston als Autorin im Blick, dann sorgte 'Barracoon' in den USA für Furore und stand dort auf der Bestsellerliste", so Random House gegenüber Börsenblatt online. "Wir waren von der Qualität des Buchs überzeugt: Zora Neale Hurston hat damit ein einzigartiges, wertvolles Zeitdokument geschaffen." Bis zum 15. Juli seien von "Barracoon" fast 15.000 Exemplare verkauft worden, "wir mussten bereits nachdrucken". Es habe eine sehr positive Medienresonanz gegeben, die schon vor der Debatte um George Floyds Tod einsetzte, aber durch diese natürlich nochmal um ein Vielfaches verstärkt worden sei.

Bei der Übersetzung sei die große Herausforderung die Sprache von Cudjo Lewis gewesen, der kein Standardamerikanisch sprach. Hurston habe die Mündlichkeit und Eigenheit der Sprache in der Niederschrift beibehalten. Der Übersetzer Hans-Ulrich Möhring "hat in unseren Augen die schwierige Aufgabe der Übertragung bewundernswert gelöst, ohne im Deutschen die Sprache durch einen Dialekt oder Soziolekt ins ungewollt Komische oder gar Lächerliche zu ziehen. Er hat eine eigene Sprache geformt, die das Ungewöhnliche, Fremde der Erzählung erfahrbar macht", so die Münchner.

Bekannt ist Zora Neale Hurston – eine zentrale Figur der Harlem Renaissance – vor allem auch durch ihren Roman "Their Eyes Were Watching God" ("Vor ihren Augen sahen sie Gott"; auf Deutsch ist eine Ausgabe in der edition fünf lieferbar), der 1937 erschien und 2005 von "Time Magazine" unter die 100 besten englischsprachigen Romane nach dem Ersten Weltkrieg gewählt wurde. Mehr über die Autorin findet sich auf der offiziellen Website: zoranealehurston.com

Weiterhin Platz Eins belegt "Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens" (Goldmann) von Richard David Precht. Über alle Ausgabearten wurden rund 75.000 Exemplare des Titel verkauft (ausgeliefert), teilt der Verlag auf Anfrage mit. Es werde auch nachgedruckt.

Neu in den Sachbuch-Charts sind zudem:

  • Platz 25 (Hardcover): "Der Krebs-Kompass" (C. Bertelsmann) von Achim Sam und Verena Sam.
  • Platz 12 (Paperback): "Wie ich meine Zeitung verlor" (Das Neue Berlin) von Birk Meinhardt.

Ratgeber

Zwei Neueinsteiger sind für die Ratgeber-Charts zu vermelden: Auf Platz 17 beginnt "Baking Bread" (Becker Joest Volk) von Georg Matthes, Lorenz Ritter und Fabian Kendzia, das die besten Brotrezepte aus 28 Ländern Europas versammelt. Es ist das Buch zur Multimedia-Serie der Deutschen Welle. Es kam bereits im November 2019 heraus und kann jetzt offenbar vom Selbstversorger-Trend profitieren. Gleich dahinter, auf Platz 18, reiht sich "Deliciously Ella Quick & Easy" (Hodder & Stoughton) neu in die Ratgeberliste ein. Ein englischsprachiger Titel aus der Feder der 29-jährigen britischen Foodbloggerin Ella Mills (Woodward), die die Marke Deliciously Ella gegründet hat (ihre Website: deliciouslyella.com). Die deutsche Ausgabe kündigt der Berlin Verlag für November 2020 an.

Eine Erfolgsgeschichte: Der ZS Verlag meldet aktuell 800.000 verkaufte Bücher seiner Ernährungs-Docs-Reihe. Diese hätte bisher für 20 Millionen Euro Umsatz im Buchhandel gesorgt. Im Juni 2016 erschien der erste Band: "Die Ernährungs-Docs: Wie Sie mit der richtigen Ernährung Krankheiten vorbeugen und heilen können" – weitere sechs folgten bisher. Die Ernährungs-Docs hätten jedes Jahr ihre Verkäufe steigern können. Im laufenden Jahr seien bereits 145.000 Bücher verkauft worden, so die Münchner (als Quelle der Absatzzahlen nennen sie: Media Control, 8. Juli).

Die Ernährungs-Docs sind Matthias Riedl, Anne Fleck und Jörn Klasen – seit Januar 2020 ist Silja Schäfer Teil des Teams. Für den 6. August kündigt der ZS Verlag den nächsten Titel an: "So stärken Sie Ihr Immunsystem" mit Strategien und Rezepten gegen Viren und Infekte.

In unseren aktuellen Charts sind die Ernährungs-Docs dreimal vertreten:

  • Platz 10: "Die Ernährungs-Docs – Starke Gelenke", erschienen 2018. Lieferbar ist die fünfte Auflage vom August 2018.
  • Platz 12: "Die Ernährungs-Docs – Zuckerfrei gesünder leben", erschienen im Januar 2020. Hier ist Silja Schäfer erstmals mit an Bord. Mittlerweile liegt die dritte Auflage vor.
  • Platz 23: "Die Ernährungs-Docs – Wie Sie mit der richtigen Ernährung Krankheiten vorbeugen und heilen". Das erste Buch, in der Neuauflage von 2018. 

Der Link zu den Wochenlisten:

https://www.boersenblatt.net/news/bestseller

Über die Bestsellerlisten

Die Börsenblatt-Bestsellerlisten basieren auf Verkaufszahlen, die von unserem Kooperationspartner Media Control erhoben werden. Hierzu werden wöchentlich, elektronisch die Verkaufszahlen aus den Warenwirtschaftssystemen von deutschlandweit mehr als 6.550 Verkaufsstellen ausgelesen: Sortimentsbuchhandlungen inklusive eCommerce, Bahnhofsbuchhandel, Kauf- und Warenhäuser sowie Elektro- und Drogeriemärkte. Bezogen auf das Umsatzvolumen bilden die Daten 88 Prozent des gesamten deutschen Buchmarktes ab. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.