Nationaler Lesepakt

"Kinder lernen auf der Basis ihrer Vorerfahrung"

3. März 2021
von Stefan Hauck

Auf dem Nationalen Lese-Summit haben der Börsenverein und die Stiftung Lesen ihre Initiative "Nationaler Lesepakt" präsentiert. Mehr als 150 Institutionen, Medienhäuser, Parteien und Verlage wollen sich für die Leseförderung engagieren.

Die Ziele des Nationalen Lesepakts:

  • die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken,
  • das gesellschaftliche Engagement für das Lesen steigern und
  • gute Angebote für all jene schaffen, die junge Menschen beim Lesenlernen unterstützen.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek

Bei der digitalen Veranstaltung am 3. März betonte Bundesbildungsministerin und Schirmherrin Anja Karliczek, dass Lesen bilde, Augen und Herzen öffne: "Damit schafft Lesen wichtige Voraussetzungen für Orientierung und Teilhabe in unserer Gesellschaft." Ihr Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt den Nationalen Lesepakt ebenso wie die mehr als 150 Partner. Die jüngsten Bildungsvergleichsstudien hätten gezeigt, dass das flüssige Lesenlernen bei zu vielen Kindern in der Grundschule nicht gelinge, sagte Karliczek. Mehr als drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland würden nicht ausreichend beim Lesen unterstützt, was weitreichende Konsequenzen für ihr persönliches Leben habe, fügte Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, hinzu. Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs ergänzte, dass es bereits viele gute Initiativen gebe, auch Buchhandlungen und Verlage vermittelten engagiert Freude am Lesen – "aber noch immer fehlt ein übergreifender Ansatz, der bestehende Angebote zu einer wirksamen bundesweiten Strategie bündelt. Mit dem Nationalen Lesepakt wollen wir Aufmerksamkeit dafür schaffen, wie wichtig Lesekompetenz ist und dass dringender Handlungsbedarf besteht."

Aus dem Haus der Stiftung Lesen der PK zugeschaltet Nationaler Lesepakt: Jörg F. Maas, Karin Schmidt-Friderichs

"Lesen – eine wahre Superkraft"

Schmidt-Friderichs und Maas stellten eine öffentlichkeitswirksame Anzeigen- und Plakatkampagne vor, die den Nationalen Lesepakt flankieren soll. Unter dem Motto "Lesen – eine wahre Superkraft" wollen sie dem Lesen größere Sichtbarkeit verleihen und die Gesellschaft mobilisieren. Die Plakate seien "eine ansteckende, visualisierte Lesefreude mit einer Anspielung auf Superman und Superwoman – und sie sind bewusst nicht auf 'Du sollst lesen', sondern auf den Spaß beim Lesen ausgerichtet", sagte Schmidt-Friderichs. Alle Menschen und Institutionen in ganz Deutschland seien aufgefordert, die Partnerallianz zu unterstützen: "Dabei sind Kooperationen mit Verbänden, Unternehmen, Stiftungen und der Politik ebenso gefragt wie Ideen aus dem Buchhandel und Bibliotheken, Kita- und Schulprojekte und ehrenamtliche Vorleseinitiativen."

Nationaler Lesepakt: Marietta Slomka moderierte die Expertenrunde

"Es braucht die Vorläufer-Kompetenzen fürs Lesen!"

Was in puncto Leseförderung derzeit alles im Argen liegt, benannte eine Runde aus Experten, die Moderatorin Marietta Slomka befragte. "Lesen fördert Kreativität und Immersion, das Eintauchen in Lesewelten, was ein entspannender Zustand ist – traurig, wenn Millionen Menschen in Deutschland das nicht erleben können", hielt Prof. Arthur Jacobs (Freie Universität Berlin) fest. Durch gute Lektüre werde man emotional wie intellektuell geschult, weil man sich in die Charaktere der Handlung hineinversetzt. Sein Rat: möglichst viel lesen – und entscheidend sei, was man liest. "Reicht es nicht, einen Film zu gucken? Nein, denn es ist kein selbstaktivierender Vorgang", erklärte Frank Mentrup (Deutscher Bibliotheksverband). "Das Hineinversetzen in eine andere Perspektive funktioniert längst nicht so wie beim Erlesen." Kinder lernten von der Peergroup und von den Eltern, "und da kommt es darauf an, ob dort Bücher gelesen werden. Sonst braucht es unbedingt Angebote von außerhalb."

Es seien keineswegs die Kinder mit Migrationshintergrund, die zu schlechten werten in der Lesefähigkeit führten, erläuterte Prof. Ingrid Gogolin (Universität Hamburg). "Wir leben ja gar nicht mehr in einer monolingualen Welt, alle Kinder lernen inzwischen Englisch", und Kinder mit Migrationshintergrund beherrschten ja schon längst eine Sprache. Die Mehrsprachigkeit sei per se kein Nachteil, immer komme es auf die Zusammensetzung einer Klasse an. "Kinder lernen auf der Basis ihrer Vorerfahrung und ihres sprachlichen Könnens – und wenn ein Teil davon, die Muttersprache, beim Lesenlernen ausgeschlossen wird, hat das negative Einflüsse auf den Lernprozess." Die Kinder stellten auch eine andere Beziehung zwischen Hören und den Buchstaben her – "schreiben Sie mal folgendes Wort auf einen Zettel", forderte sie die Runde auf und nannte das türkische Wort für die Farbe Rot: Sofort wurde klar, dass jeder ganz unterschiedliche Buchstaben aufs Papier bringen wird.

"Wir müssen davon wegkommen, das Lesen nur Lesen von Romanen bedeutet", konstatierte Prof. Petra Stanat (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen Berlin). "Es geht darum, Texte lesend zu verstehen, egal ob im Internet oder in einem Buch." Früher sei man davon ausgegangen, dass Kinder nach der Grundschule lesen können – "aber das stimmt nicht, man muss die Leseflüssigkeit trainieren." Man müsse sich viel stärker darauf konzentrieren, Kinder auf das Lesen vorzubereiten, "es braucht die Vorläufer-Kompetenzen fürs Lesen!"

Prof. Naika Foroutan (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung)

Kiezdeutsch findet sich nicht in Büchern

Reden und Visualität spielten heutzutage eine größere Rolle, "die Menschen reden in Kiezdeutsch und anderen Varianten, was sich aber in den Büchern nicht widerspiegel"“, machte Prof. Naika Foroutan (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) aufmerksam. Die Hybridisierung von Lebenswelten und von Sprache verändere die Gesellschaft; "in Deutschland führt schon ein kleiner Artikel-Fehler dazu, dass man den Sprecher als 'Ausländer' identifiziert, während in Amerika selbst ein Politiker mit schlechtem deutschen Akzent wie Henry Kissinger Außenminister werden kann." Dass die Alltagssprache ganz anderes Codes habe als die Sprache in Schulbüchern, erläuterte auch Prof. Eckhardt Fuchs (Georg-Eckert-Institut Braunschweig). "Zahllose Begriffe haben unterschiedliche Sinngehalte. Wie vermittelt man sprachlich differenzierte Begriffe?" Er wies darauf hin, dass Bücher nach wie vor das Hauptmedium sind, um Lernstoffe zu vermitteln. "In Schulbüchern findet man Texte unterschiedlicher Art und Komplexität, die Schüler einordnen und verstehen müssen" – was ohne hinreichenden Leseflüssigkeit schlecht möglich sei. "Zudem haben Texte in Schulbüchern auch eine didaktische Funktion: Es geht darum, das Andere zu erkennen und mit ihm umzugehen." Aber dazu müsse man erst einmal lesen können.

Schwierig sei es, wenn Lesekampagnen so stark auf die Eltern setzen, meint Ingrid Gogolin. "Denn die Eltern kann man sich nicht aussuchen, man wird in eine Familie hineingeboren – und dort, wo Eltern beim Lesenlernen nicht unterstützen können, braucht es unbedingt Unterstützung von außen."