20 Jahre Buchpreisbindung in Deutschland
"Preisbindung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen"
2. November 2022
Vor 20 Jahren ist das Gesetz über die Preisbindung für Bücher in Kraft getreten. Es schützt die Vielfalt des Angebots wie auch des Handels bis heute. Der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins mahnt die Branche, den Bestand dieses Gesetzes jetzt nicht leichtfertig zu gefährden.
Johannes Hauenstein
Zitat aus Demontage 1: „Die bisherige Praxis der Verstöße gegen das Preisbindungsgesetz führt allerdings auch dazu, dass der durch das Preisbindungsgesetz bewusst ausgeschlossene Preiswettbewerb auf das Feld der Rabatte verlagert wird und damit der Schutzzweck des Gesetzes in sein Gegenteil verkehrt wird. So wird im Windschatten der gebundenen Preise die Gewinnspanne der großen Letztverkäufer durch höhere Rabatte auf Kosten der kleinen und mittleren Unternehmen vergrößert.“
Wenn sich für einen Verlag aus einer von Filiallistenseite mit seiner Marktmacht geforderten Rabatterhöhung bei Nichtausführung eine angedrohte oder tatsächlich durchgeführte Auslistung ergibt, dann sind unseren Preisbindungstreuhändern nämlich trotz des öffentlich ersichtlichen Nachweises dieses quasi Erpressungsversuchs bislang komplett die Hände gebunden.
Ich denke schon, dass dieser im Text bei der Demontage 1 untergebrachte Punkt durchaus gesondert und ganz besonders herausgestellt werden sollte, um den Buchpreisbindungstreuhändern an dieser Stelle endlich die entscheidende Durchschlagskraft zu verschaffen. Denn in mannigfaltigen Ausschmückungen wird exakt mit dem oben beschriebenen Hebel die Buchpreisbindung in ihrem Sinn und Zweck ja schon seit Jahren von einigen wenigen, na ja – eigentlich hauptsächlich nur von einem, komplett unterlaufen und konterkariert, ohne geahndet werden zu können.
In Sachen Demontage 2 besteht die Hauptaufgabe des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nun dringend darin, den Politikern darzulegen, dass die im Zuge dieser wahnwitzigen Idee erfolgende Lobbyarbeit eine Einzelmeinung und eben nicht die Interessen der gesamten Branche widerspiegelt. Und schön wäre es, wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sich in dieser Causa alsbald im Sinne der Mehrheit seiner Mitglieder öffentlich entsprechend und sehr klar positioniert.
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
Wenn mir wir mal davon ausgehen, dass sich die Ausschüsse des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nach einiger Beratschlagung mehrheitlich gegen das von Thalia ins Spiel gebrachte Preisbindungsmodell aussprechen sollten, so hält damit mitnichten die heile Welt Einzug. Im Gegenteil sollte die Diskussion über die an extrem vielen Ecken und Kanten weiterhin unterlaufene Buchpreisdung jetzt erst richtig losgehen. Und wir müssen gerade jetzt dringend darüber sprechen, was bisher zum Erhalt eben NICHT getan wurde.
Birgit Grallert sowie Gerhard Beckmann haben völlig recht mit ihrer Beobachtung, dass ein Grundübel der Konstruktion der Buchpreisbindung darin steckt, dass die die Buchpreisbindung überwachenden Treuhänder Dieter Wallenfels und Christian Russ mit absolut erschreckend wenigen Möglichkeiten in Sachen Zugriff und Durchsetzungsfähigkeit ausgestattet sind. Erinnert sei in dieser Sache unbedingt an den in der Branche lesepflichtigen Beitrag https://www.boersenblatt.net/news/ein-gesetz-wie-ein-zahnloser-tiger-170467?ss360SearchTerm=christian%20russ.
Die Rolle und Möglichkeiten der Buchpreisbindungstreuhänder als sehr wichtige Voraussetzung für einen Erhalt der Buchpreisbindung umschifft in der Tat auch Alexander Skipis in seinem Beitrag sehr elegant, eventuell weil er ganz genau weiß, warum und an wem alle Reformversuche des entsprechenden §6 bislang gescheitert sind – und tja, eventuell weil er sich eben wie so viele andere in der Branche nicht traut, die Frage nach eigenen Fehleinschätzungen zu stellen.
An dieser Stelle ist die Diskussion allerdings recht wohlfeil, denn frei nach den Worten von Mathias Ulmer sind wir an einer Stelle angelangt, wo alle erst einmal in den Spiegel schauen müssen, WARUM es überhaupt so weit kommen konnte, um Probleme erkennen und lösen zu können. Wohlan – mögen wir einiges erkennen, verstehen und lösen.
Und, ach ja – nach meinem Dafürhalten bedarf eine solch tiefgreifende Entscheidung in Sachen Preisbindung eigentlich einer Abstimmung aller Mitglieder und unabhängig davon zumindest mehr Transparenz für alle. Dieses Thema steht wohl als nächstes auf der Tagesordnung…
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln