Was würden Sie einer Buchhandlung sagen, die sich bislang wegen begrenzter Ressourcen im Bereich Leseförderung zurückgehalten hat? Warum lohnt sich der Start – und wie kann er gelingen?
Ewelina Oksiuta: Zunächst einmal: Man muss nicht gleich groß anfangen. Viele Tipps, die im Toolkit vorgestellt werden sind sehr einfach umzusetzen: ein Büchertisch vor dem Eingang, handgeschriebene Buchempfehlungen junger Kundinnen und Kunden, eigene Bereiche für junge Leser:innen oder der Hinweis an Eltern, dass auch fünf Minuten gemeinsamen Lesens vor dem Schlafengehen oder ein Comic als Lesen zählen.
Jede Initiative zählt!
Zweitens muss man es nicht allein schaffen. Kooperationen mit Schulen, Bibliotheken oder anderen lokalen Akteuren können der effektivste Einstieg sein.
Und nicht zuletzt lohnt sich das Engagement, weil dadurch langfristige Beziehungen zu Familien entstehen. In der Schweiz beispielsweise ist aus einem zunächst kleinen Ferienleseprogramm inzwischen eine Initiative geworden, deren Plätze innerhalb weniger Stunden nach dem Versand des Newsletters ausgebucht sind.
Der eigentliche Erfolg zeigt sich dann, wenn Kinder und Familien die Buchhandlung nicht mehr nur als einen Ort betrachten, an dem man Bücher kauft, sondern als einen Ort, an dem Lesen willkommen ist, gemeinsam erlebt wird und zum Alltag gehört.
Das Toolkit versteht Buchhändler:innen explizit als "literacy and cultural actors" – was kann das Toolkit bringen, um dieses Rolle auch bei nationalen und europäischen Entscheidungsträger:innen ankommt?
Ewelina Oksiuta: Das Toolkit bietet Buchhändler:innen Fakten, eine gemeinsame Sprache und Inspiration.
Das Toolkit zeigt auf, wie die Leseförderung durch Buchhandlungen an bestehende EU-Rahmenstrategien anknüpft und zu deren Zielen beiträgt: mit der "Union der Kompetenzen", deren Ziel es ist, den Anteil der Schüler:innen mit unzureichenden Lesekompetenzen auf unter 15 Prozent zu senken, mit dem "Europäischen Bildungsraum", der "EU-Jugendstrategie", der "Union der Gleichheit" und der "Neuen Europäischen Kulturagenda".
Leseförderung gewinnt auf der politischen Agenda Europas zunehmend an Bedeutung. Die EU-Kommission hat den Bedarf an stärkeren, koordinierten Maßnahmen zur Förderung der Lesekompetenz erkannt und im September 2026 die "Europäische Koalition für Lese- und Schreibkompetenz" ("European Literacy Coalition") ins Leben gerufen.
Die Koalition bringt unter anderem Organisationen aus den Bereichen Bildung, Kultur, Bibliotheken und Buchhandel zusammen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zu fördern und gemeinsam den Herausforderungen im Bereich der Lesekompetenz zu begegnen. Dies bietet eine wichtige Gelegenheit, Buchhändler:innen gleichberechtigt neben Schulen und Bibliotheken als aktive Akteure der Lesekompetenz- und Leseförderung anzuerkennen.
Netzwerke wie EURead spielen ebenfalls eine wichtige Rolle dabei, Lesen europaweit als zentrale Priorität zu etablieren. Sie vernetzen Organisationen, die sich für die Lesekompetenz einsetzen, und tragen dazu bei, die Bedeutung der Leseförderung und den Beitrag der verschiedenen Akteure stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Auch der European Book Sector Roundtable, dessen zweites Treffen im September 2026 in Brüssel stattfand, ist eine gute Gelegenheit, die verschiedenen Akteure des Buchsektors zusammenzubringen und sicherzustellen, dass die Leseförderung Teil der politischen Diskussion ist.
Indem wir diese Plattformen nutzen, können wir nationale und europäische Entscheidungsträger dazu bewegen, Buchhandlungen als unverzichtbare Partner bei der Förderung einer lebenslangen Lesekultur anzuerkennen.
Daraus leiten wir vier zentrale Empfehlungen ab:
- Die Doppelrolle von Buchhandlungen als wirtschaftliche und kulturelle Akteure anerkennen.
- Buchhandlungen bereits bei der Gestaltung politischer Maßnahmen einbeziehen.
- Ihre Rolle als Vermittler von Lesekompetenz fördern und finanziell unterstützen.
- Die Freiheit des Lesens schützen.
Die EIBF wird sich auch weiterhin für die Interessen von Buchhändler:innen einsetzen und dafür sorgen, dass ihre Stimmen sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene Gehör finden – insbesondere in den Diskussionen über Leseförderung, Lesekompetenz und die Zukunft des Buchsektors.
Wie sind die Daten zum Leseverhalten und zur Rolle von Buchhandlungen erhoben worden, und was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Ewelina Oksiuta: Die Studie stützt sich auf vier verschiedene Quellen: eine Auswertung bestehender Studien und Daten, eine Online-Umfrage mit rund 108 Teilnehmenden, Interviews von jeweils 45 bis 60 Minuten mit Akteur:innen aus 20 Ländern sowie eine qualitative Analyse des gesamten Materials.
Zu den Interviewpartner:innen zählen unabhängige Buchhandlungen und Buchhandelsketten in Großstädten und kleineren Orten, Buchhandelsverbände, Verlage, Nationalbibliotheken, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen sowie nationale Agenturen für Buch und Kultur.
Drei Ergebnisse haben mich besonders überrascht.
- Der Rückgang des Leseinteresses setzt offenbar früher ein als noch vor einigen Jahren – häufig zu dem Zeitpunkt, an dem Kinder ihr erstes Smartphone bekommen.
- Das Problem besteht nicht darin, dass es zu wenige Leseförderaktivitäten gibt. Vielmehr sind diese auf verschiedene Ministerien, staatliche Ebenen und Organisationen verteilt und dadurch stark fragmentiert.
- Das dritte Ergebnis zeigt, wie gut gemeinte politische Maßnahmen auch negative Auswirkungen haben können: In Irland wurde ein "Free Schoolbook Scheme" eingeführt, ohne Buchhandlungen einzubeziehen. Dadurch fiel für Familien ein wichtiger Zugangspunkt weg, und einige Buchhandlungen mussten infolgedessen Filialen schließen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine wirksame Leseförderung mehr als gute Einzelinitiativen erfordert. Sie braucht ein früheres Eingreifen, eine bessere Koordination sowie die Einbindung von Buchhändler:innen und anderen Akteuren, die den Leser:innen besonders nahestehen.
Anmerkung: Das irische Free Schoolbooks Scheme ist ein staatliches Programm, das Familien die Kosten für Schulbücher und Lernmaterialien abnimmt; da die Beschaffung jedoch zentral über die Schulen erfolgt, verloren viele unabhängige Buchhandlungen wichtige Aufträge und Umsätze.
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