Interview mit Ewelina Oksiuta zum RISE Reading Promotion Toolkit

Was können Buchhandlungen gegen den Rückgang der Lesekompetenz tun?

4. November 2026
Börsenverein

Dass die Lesekompetenz junger Menschen europaweit sinkt, ist seit Jahren bekannt. Zu diskutieren bleibt, was sich daraus praktisch für Buchhandlungen ableiten lässt. Mit dem RISE Reading Promotion Toolkit hat die European and International Booksellers Federation (EIBF) 20 Länder untersucht und zusammengetragen, was Buchhändler:innen bereits heute gegen diesen Trend unternehmen. Ewelina Oksiuta, Direktorin der EIBF, erklärt, welche Ansätze sich übertragen lassen und was es braucht, damit Politik die Leseförderung durch den Buchhandel endlich ernst nimmt.

Porträtfoto von Ewelina Oksiuta

Ewelina Oksiuta ist seit Mai 2026 Direktorin der European and International Booksellers Federation (EIBF).

Wie entstand die Idee für das Toolkit?
Ewelina Oksiuta: Das RISE Reading Promotion Toolkit ist die dritte Studie, die im Rahmen des RISE-Bookselling-Projekts veröffentlicht wurde. Vorausgegangen waren eine Studie zur Nachhaltigkeit des Buchhandels und eine weitere Studie zum Konsumverhalten von Leser:innen.

Die Idee zum Reading Promotion Toolkit ist aus dem Feedback unserer Mitglieder entstanden. In unserem jährlichen Bericht zur Entwicklung des internationalen Buchhandels ("EIBF International Bookselling Markets Report"), ist der Rückgang der Lesekompetenz regelmäßig ein zentrales Thema. Tatsächlich gehört die Förderung von Lesekompetenz für internationale Buchhandelsverbände seit Langem zu ihren zentralen Anliegen und hat einen ebenso hohen Stellenwert wie die Sicherung und Steigerung der Margen.

Zugleich haben wir festgestellt, dass der essenzielle Beitrag, den Buchhändler:innen zur Förderung von Lesekompetenz leisten oft von politischen Entscheidungsträgern übersehen wird. Buchändler:innen sind nicht nur Einzelhändler:innen, sondern auch Bildungsakteur:innen und tragen einen wichtigen Teil zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens bei. Dabei findet ihr Beitrag sowohl in der Kultur- als auch in der Wirtschaftspolitik oft zu wenig Beachtung.

Das RISE Reading Promotion Toolkit, das gemeinsam mit dem Kulturforschungsinstitut EDUCULT im Rahmen unseres EU-finanzierten Projekts RISE Bookselling entwickelt wurde, ist unsere Antwort darauf. Für uns war es wichtig, besser zu verstehen, wie sich das Leseverhalten junger Menschen zwischen 9 und 15 Jahren entwickelt, aufzuzeigen, welche Maßnahmen Buchhandlungen bereits gegen den Rückgang der Lesekompetenz ergreifen, und festzustellen, was sie benötigen, um noch mehr bewirken zu können.


Was macht den länderübergreifenden Blick so spannend?
Ewelina Oksiuta: Deutschland verfügt über eine vielfältige Leseförderlandschaft mit Initiativen wie dem Gütesiegel Buchkita oder dem Vorlesewettbewerb, die sich auch im Toolkit wiederfinden - um nur einige Beispiele zu nennen. 

Der besondere Mehrwert der länderübergreifenden Perspektive liegt jedoch im Vergleich. Für die Studie haben wir 20 Länder in Europa und darüber hinaus untersucht und festgestellt, dass die Herausforderungen überall ähnlich sind: Kinder verlieren immer früher das Interesse am Lesen, die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Leseverhalten bleiben bestehen und der Einfluss von Bildschirmen nimmt zu. 

Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich allerdings erheblich. In einigen Ländern gibt es eine Buchpreisbindung, in anderen freie Buchpreise. Manche Länder verfügen über Kulturpässe, andere nicht.

Wenn man sieht, dass in Polen Väter über Fußballvereine für das Lesen begeistert werden, Finnland Lesen mit Raptexten verbindet oder der französische Kulturpass junge Leserinnen und Leser von Manga zur Lyrik führt, kann das neue Perspektiven eröffnen. Es ermöglicht die Frage, welche dieser Ansätze auch im eigenen Land, in der eigenen Region oder in der eigenen Stadt funktionieren könnten.


Das Toolkit differenziert bei seinen Tipps nach Anfänger:in, Fortgeschritten und Expert:in – können Sie je "Stufe" ein Beispiel nennen, das Ihnen besonders in Erinnerung blieb?
Ewelina Oksiuta: Die drei Erfahrungsstufen im Best Practice Catalogue zeigen, dass Leseförderung weder ein großes Budget noch umfangreiche Ressourcen voraussetzt. Jede Buchhandlung kann etwas bewirken – unabhängig von ihrer Größe oder Erfahrung. Entscheidend ist, kreative Wege zu finden, um Bücher und Leserinnen und Leser miteinander zu verbinden.

Einsteiger 

Ein großartiges Beispiel ist die Buchhandlung Eulennest in Baden-Baden, die Pokémon-Tauschtage organisiert, um neue Zielgruppen in die Buchhandlung zu bringen. Interessanterweise sind rund 80 Prozent der Teilnehmenden Jungen.

Diese inspirierende Initiative zeigt, dass Leseförderung nicht immer mit Büchern beginnen muss. Wenn Buchhandlungen an die Interessen von Kindern anknüpfen – etwa am Sammeln, an Popkultur oder am sozialen Austausch - können sie junge Menschen erreichen, die sonst vielleicht nie eine Buchhandlung betreten würden.

Gleichzeitig entstehen Möglichkeiten, ihre Hobbys mit Lesekompetenz zu verbinden, beispielsweise durch das Lesen von Charakternamen, Spielregeln und Geschichten.

Fortgeschrittene 

Die Buchhandlung Kníhkupectvo Na korze in der Slowakei hat ein Buchstipendium für Kinder zwischen 7 und 15 Jahren ins Leben gerufen. Zehn Teilnehmende erhalten jeden Monat kostenlos ein Buch, das sie selbst auswählen dürfen. Anschließend schreiben sie Rezensionen, die auf der Website der Buchhandlung veröffentlicht werden.

Diese Initiative finde ich besonders spannend, weil sie Kindern nicht nur Zugang zu Büchern ermöglicht, sondern ihnen auch die Freiheit gibt, ihre eigene Meinung auszudrücken und ihre Leseerfahrungen mit anderen zu teilen. So lernen sie auch andere wichtige Fähigkeiten für ihr späteres Leben!

Profis

Ein besonders gelungenes Beispiel ist der Nationale Vorlesewettbewerb in Lettland, der von der Nationalbibliothek Lettlands in Zusammenarbeit mit Schulen und Bibliotheken im ganzen Land organisiert wird.

Kinder im Alter von 11 bis 12 Jahren wählen ihr Lieblingsbuch aus und bereiten einen dreiminütigen Textausschnitt vor, den sie laut vorlesen. Der Wettbewerb beginnt mit Qualifikationsrunden in den Schulklassen und örtlichen Bibliotheken und führt über regionale Wettbewerbe bis zum nationalen Finale, bei dem ein Vorlese-Champion gekürt wird.

Der Wettbewerb würdigt die individuelle Buchauswahl der Kinder und stärkt zugleich ihr Selbstvertrauen, ihre Fähigkeit, vor Publikum aufzutreten, und ihre Begeisterung für Bücher. Dieses Beispiel zeigt zudem, wie durch die Zusammenarbeit von Bibliotheken, Schulen und nationalen Institutionen eine groß angelegte Leseförderinitiative entstehen kann.

Das Logo des RISE Reading Promotion Toolkit

Was würden Sie einer Buchhandlung sagen, die sich bislang wegen begrenzter Ressourcen im Bereich Leseförderung zurückgehalten hat? Warum lohnt sich der Start – und wie kann er gelingen?
Ewelina Oksiuta: Zunächst einmal: Man muss nicht gleich groß anfangen. Viele Tipps, die im Toolkit vorgestellt werden sind sehr einfach umzusetzen: ein Büchertisch vor dem Eingang, handgeschriebene Buchempfehlungen junger Kundinnen und Kunden, eigene Bereiche für junge Leser:innen oder der Hinweis an Eltern, dass auch fünf Minuten gemeinsamen Lesens vor dem Schlafengehen oder ein Comic als Lesen zählen.

Jede Initiative zählt!

Zweitens muss man es nicht allein schaffen. Kooperationen mit Schulen, Bibliotheken oder anderen lokalen Akteuren können der effektivste Einstieg sein.

Und nicht zuletzt lohnt sich das Engagement, weil dadurch langfristige Beziehungen zu Familien entstehen. In der Schweiz beispielsweise ist aus einem zunächst kleinen Ferienleseprogramm inzwischen eine Initiative geworden, deren Plätze innerhalb weniger Stunden nach dem Versand des Newsletters ausgebucht sind.

Der eigentliche Erfolg zeigt sich dann, wenn Kinder und Familien die Buchhandlung nicht mehr nur als einen Ort betrachten, an dem man Bücher kauft, sondern als einen Ort, an dem Lesen willkommen ist, gemeinsam erlebt wird und zum Alltag gehört.


Das Toolkit versteht Buchhändler:innen explizit als "literacy and cultural actors" – was kann das Toolkit bringen, um dieses Rolle auch bei nationalen und europäischen Entscheidungsträger:innen ankommt?
Ewelina Oksiuta: Das Toolkit bietet Buchhändler:innen Fakten, eine gemeinsame Sprache und Inspiration.

Das Toolkit zeigt auf, wie die Leseförderung durch Buchhandlungen an bestehende EU-Rahmenstrategien anknüpft und zu deren Zielen beiträgt: mit der "Union der Kompetenzen", deren Ziel es ist, den Anteil der Schüler:innen mit unzureichenden Lesekompetenzen auf unter 15 Prozent zu senken, mit dem "Europäischen Bildungsraum", der "EU-Jugendstrategie", der "Union der Gleichheit" und der "Neuen Europäischen Kulturagenda".

Leseförderung gewinnt auf der politischen Agenda Europas zunehmend an Bedeutung. Die EU-Kommission hat den Bedarf an stärkeren, koordinierten Maßnahmen zur Förderung der Lesekompetenz erkannt und im September 2026 die "Europäische Koalition für Lese- und Schreibkompetenz" ("European Literacy Coalition") ins Leben gerufen.

Die Koalition bringt unter anderem Organisationen aus den Bereichen Bildung, Kultur, Bibliotheken und Buchhandel zusammen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zu fördern und gemeinsam den Herausforderungen im Bereich der Lesekompetenz zu begegnen. Dies bietet eine wichtige Gelegenheit, Buchhändler:innen gleichberechtigt neben Schulen und Bibliotheken als aktive Akteure der Lesekompetenz- und Leseförderung anzuerkennen.

Netzwerke wie EURead spielen ebenfalls eine wichtige Rolle dabei, Lesen europaweit als zentrale Priorität zu etablieren. Sie vernetzen Organisationen, die sich für die Lesekompetenz einsetzen, und tragen dazu bei, die Bedeutung der Leseförderung und den Beitrag der verschiedenen Akteure stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Auch der European Book Sector Roundtable, dessen zweites Treffen im September 2026 in Brüssel stattfand, ist eine gute Gelegenheit, die verschiedenen Akteure des Buchsektors zusammenzubringen und sicherzustellen, dass die Leseförderung Teil der politischen Diskussion ist.

Indem wir diese Plattformen nutzen, können wir nationale und europäische Entscheidungsträger dazu bewegen, Buchhandlungen als unverzichtbare Partner bei der Förderung einer lebenslangen Lesekultur anzuerkennen.

Daraus leiten wir vier zentrale Empfehlungen ab:

  1. Die Doppelrolle von Buchhandlungen als wirtschaftliche und kulturelle Akteure anerkennen.
  2. Buchhandlungen bereits bei der Gestaltung politischer Maßnahmen einbeziehen.
  3. Ihre Rolle als Vermittler von Lesekompetenz fördern und finanziell unterstützen.
  4. Die Freiheit des Lesens schützen.

Die EIBF wird sich auch weiterhin für die Interessen von Buchhändler:innen einsetzen und dafür sorgen, dass ihre Stimmen sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene Gehör finden – insbesondere in den Diskussionen über Leseförderung, Lesekompetenz und die Zukunft des Buchsektors.


Wie sind die Daten zum Leseverhalten und zur Rolle von Buchhandlungen erhoben worden, und was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Ewelina Oksiuta: Die Studie stützt sich auf vier verschiedene Quellen: eine Auswertung bestehender Studien und Daten, eine Online-Umfrage mit rund 108 Teilnehmenden, Interviews von jeweils 45 bis 60 Minuten mit Akteur:innen aus 20 Ländern sowie eine qualitative Analyse des gesamten Materials.

Zu den Interviewpartner:innen zählen unabhängige Buchhandlungen und Buchhandelsketten in Großstädten und kleineren Orten, Buchhandelsverbände, Verlage, Nationalbibliotheken, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen sowie nationale Agenturen für Buch und Kultur.

Drei Ergebnisse haben mich besonders überrascht.

  1. Der Rückgang des Leseinteresses setzt offenbar früher ein als noch vor einigen Jahren – häufig zu dem Zeitpunkt, an dem Kinder ihr erstes Smartphone bekommen.
  2. Das Problem besteht nicht darin, dass es zu wenige Leseförderaktivitäten gibt. Vielmehr sind diese auf verschiedene Ministerien, staatliche Ebenen und Organisationen verteilt und dadurch stark fragmentiert.
  3. Das dritte Ergebnis zeigt, wie gut gemeinte politische Maßnahmen auch negative Auswirkungen haben können: In Irland wurde ein "Free Schoolbook Scheme" eingeführt, ohne Buchhandlungen einzubeziehen. Dadurch fiel für Familien ein wichtiger Zugangspunkt weg, und einige Buchhandlungen mussten infolgedessen Filialen schließen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine wirksame Leseförderung mehr als gute Einzelinitiativen erfordert. Sie braucht ein früheres Eingreifen, eine bessere Koordination sowie die Einbindung von Buchhändler:innen und anderen Akteuren, die den Leser:innen besonders nahestehen.

Anmerkung: Das irische Free Schoolbooks Scheme ist ein staatliches Programm, das Familien die Kosten für Schulbücher und Lernmaterialien abnimmt; da die Beschaffung jedoch zentral über die Schulen erfolgt, verloren viele unabhängige Buchhandlungen wichtige Aufträge und Umsätze.