Gastbeitrag von Peter Kraus vom Cleff zur Aktionswoche "Demokratie braucht viele Stimmen"

"Wer nur eine Stimme hört, irrt sich zuverlässig"

14. September 2026
Redaktion Börsenblatt

Die Allgegenwart generativer KI erschwert es zunehmend, zwischen glaubwürdigen Informationen und gezielter Täuschung zu unterscheiden. Warum angesichts dessen Bücher, Buchhandlungen und journalistische Medien unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft sind, zeigt Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, in seinem Gastbeitrag.

Peter Kraus vom Cleff

Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer Börsenverein

Ein gefälschtes Video, ein erfundenes Zitat, ein Deepfake, der täuschend echt wirkt: Was vor wenigen Jahren noch Ausnahme war, ist heute bedrohlicher Alltag im Netz. Genau in diese Gemengelage stellt sich die Aktionswoche "Demokratie braucht viele Stimmen", die die Presseverbände in diesem September ausrichten – und die der Börsenverein als Partnerverband unterstützt, weil das Thema uns genauso betrifft wie die Kolleg:innen in den Redaktionen. Die Frage dahinter treibt beide Branchen um: Wie viele unterschiedliche Stimmen, Quellen und Perspektiven braucht eine Gesellschaft, um sich eine eigene Meinung zu bilden? Und was passiert, wenn diese Vielfalt schrumpft, weil sie technisch überflutet, wirtschaftlich unrentabel oder politisch unbequem wird? 

Zwei Branchen, eine Aufgabe

Verlage und Buchhandlungen sind von jeher beides – Wirtschafts- und Kulturbranche. Damit kamen ihnen in der Gesellschaft schon immer eine besondere Rolle zu: Sie stellen unterschiedliche Weltsichten nebeneinander, ohne vorzugeben, welche davon die richtige ist. Redaktionen tun im Kern dasselbe: Sie prüfen Quellen, holen Gegenpositionen ein, bilden ab, was in einer Gesellschaft gedacht und gesagt wird. Beide Branchen bilden die Basis für Orientierung. Fällt diese Basis weg, verlieren wir Menschen nicht nur Informationen, sondern die Fähigkeit, uns selbst zu verorten, zu hinterfragen, unseren eigenen Standpunkt in einer immer komplexeren Welt selbst zu bestimmen.

Generative KI macht sich in einer Zeit, in der Geschwindigkeit oft alles ist, die wunde Stelle dieses Systems zunutze: Sie erzeugt Texte, Bilder und Stimmen in Sekunden, oft scheinbar überzeugender als das, was ein Mensch in Stunden, gar in Tagen recherchieren und erstellen kann. "Flood the zone with shit" – nie war dies leichter als heute mittels bösartig eingesetzter generativer KI. Niemand steht dafür gerade. Kein Name, kein Verlag, keine Redaktion haftet für ein Wort, das eine Maschine erzeugt hat. Wenn Behauptung und Recherche im gleichen Tempo produziert werden, verschiebt sich etwas, das lange selbstverständlich schien: die Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem, was veröffentlicht wird.

Vielfalt ist unsere Stärke

Vielfalt klingt oft nach Lippenbekenntnis. Dabei hat sie eine nüchterne Funktion: Sie zwingt zum Vergleich, zum Abwägen. Wer nur eine Quelle liest, kann sie nicht überprüfen. Wer nur eine Meinung kennt, hält sie schnell für die einzig vernünftige. Erst wenn die überregionale Zeitung neben der Lokalredaktion steht, das Sachbuch neben dem Roman, die kontroverse These neben ihrem Widerspruch, entsteht der Raum, in dem sich Menschen eine eigene Position erarbeiten, statt eine fremde zu übernehmen. Wer nur eine Stimme hört, irrt sich zuverlässig.

Das ist der gemeinsame Nenner von Buchbranche und Presse in dieser Aktionswoche. Beide leben von Vielfalt. Beide spüren, wenn sie schwindet – sei es durch das Sterben lokaler Zeitungen, durch die Konzentration auf wenige große Verlage oder durch Plattformen, deren Algorithmen alles bevorzugen, was schnell Aufmerksamkeit bringt, und alles benachteiligen, was Zeit zum Verstehen braucht.

Kleine Läden, große Wirkung

Buchhandlungen und Verlage lassen uns täglich Vielfalt erleben: Ein Sortiment, das unterschiedliche Lebensrealitäten zeigt, ein Sachbuchtisch, der widersprüchliche Positionen zulässt, Lesungen und Veranstaltungen, bei denen Menschen ins Gespräch kommen – das sind die Gründe, warum eine Buchhandlung so viel mehr ist als ein Verkaufsraum. Buchhandlungen sind einer der letzten dritten Orte, an denen sich Menschen mit unterschiedlichsten Haltungen begegnen und austauschen. Wo Buchhandlungen aus wirtschaftlichem Druck schließen oder ihr Sortiment verengen, verschwindet ein Ort, an dem Menschen auf Ansichten stoßen, die sie sich nicht selbst ausgesucht hätten. Denn Algorithmen verfolgen ganz andere Ziele; sie blenden aus, was selten geklickt wird, lange bevor es überhaupt eine Chance hatte, gefunden zu werden, sie bedeuten das Ende von Serendipidität. 

Was jetzt passieren muss

Medienkompetenz gehört nicht in eine Projektwoche, sondern in den Lehrplan, so verbindlich wie Lesen und Schreiben. Generative KI braucht klare Haftungsregeln, damit erkennbar bleibt, wer für ein Wort einsteht und wer nicht. Und gelebte Vielfalt braucht stabile Rahmenbedingungen, die sie auch dort am Leben hält, wo sie sich betriebswirtschaftlich kaum noch rechnet. Demokratie ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann bloß noch verwaltet. Sie braucht tägliche Übung – durch Bücher, die widersprechen, durch Zeitungen, die nachfragen, durch Menschen, die sich beidem aussetzen. Wer das ernst nimmt und schätzt, muss sich heute bewusst dafür entscheiden, um sicherzustellen, dass es diese Möglichkeit morgen noch geben wird.

Aktionswoche "Demokratie braucht viele Stimmen" vom 14. bis 19. September 2026

Die Initiative "Demokratie braucht viele Stimmen" stellt diese Woche die Relevanz von Presse- und Rundfunkfreiheit, Medienvielfalt und einer informierten demokratischen Öffentlichkeit ins Rampenlicht. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, MVB und die Deutschen Fachpresse unterstützen die Initiative. Mehr unter: www.demokratiebrauchtvielestimmen.de