In einer ersten der zwei von Katrin Schumacher (MDR) moderierten Talk-Runden vor der Party setzten sich Karin Schmidt-Friderichs und Christoph Links in die Zeitmaschine. Die zweite weibliche Börsenvereins-Vorsteherin in 200 Jahren und der Ex-Verleger und Verlags-Historiker musterten den Branchenverband und seine politische Haltung über die Jahrhunderte im Schnelldurchgang.
Zwar sei der Ur-Impuls zur Gründung ein „praktisch-kommerzieller“ gewesen, so Links, rasch seien jedoch Fragen nach dem Schutz von Urheberrechten und vor Zensur hinzugekommen. Die „Anbiederung schrecklicher Art“ des Verbands an die NS-Machthaber erklärt der Historiker unter anderem mit der ökonomischen Schieflage, in dem sich Branche und Verein in den 1920er Jahren befanden.
Für das Angebot der Diktatur, die Pflichtmitgliedschaft für alle Buchhandlungen im Börsenverein durchzusetzen, den Buchexport zu fördern oder Schutzfristen zu verlängern, glaubte man, demokratische Prinzipien über Bord werfen zu können. Eine fatale Fehlentscheidung.
Am Ende kehrte der von Deutschland entfesselte Krieg zurück, waren Leipzig und das Grafische Viertel zerstört, gab es ein geteiltes Deutschland und zwei Börsenvereine. Die nach der friedlichen Revolution allerdings „schneller als Schriftstellerverbände und PEN-Zentren“ wieder zusammenfanden.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Geschichte für heute? „Der Börsenverein hat verstanden“, sagt Karin Schmidt-Friderichs. Erstes, deutliches Signal war die Einrichtung des Friedenspreises Anfang der 1950er Jahre; heute wird etwa die Woche der Meinungsfreiheit jährlich von der 2023 gegründeten Stiftung Freedom of Expression ausgerichtet. „Wir sind Kultur“, sagt Schmidt-Friderichs. „Und Kultur ist immer auch Politik.“
Christoph Links machte darauf aufmerksam, dass der Verband aus sich selbst heraus immer wieder kulturelle Aufgaben übernommen hat – so etwa die Gründung der Deutschen Bücherei in Leipzig. „Es gab eben vorher kein Reichspflichtexemplarabgabegesetz“, so der Verlagshistoriker, mit Freude am Zungenbrecher.
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