Tales of EUkraine

"Die ukrainischen Verlage bieten richtig gute Geschichten"

13. November 2025
Redaktion Börsenblatt

Das Projekt "Tales of EUkraine" fördert bilinguale Kinderbücher und geht im Mauke Verlag mit "Bagger Eka" ins Finale. Verleger André Störr über seine Hommage an die getötete Autorin Victoria Amelina.

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Doppelseite aus "Bagger EKA"

Als das EU-Projekt "Tales of EUkraine" 2023 an den Start ging, haben Sie direkt drei Titel beigesteuert – jetzt ist ein viertes Buch erschienen: "Bagger Eka" von Victoria Amelina. Warum gerade dieses?

André Störr: Ich habe Victoria Amelina im Oktober 2022 auf dem Bücher Forum in Lwiw kennengelernt. Damals hatte ich mich gerade um die Rechte an ihrem Roman "Ein Zuhause für Dom" bemüht. Wir blieben dann miteinander in Kontakt. Zuletzt getroffen haben wir uns im Juni 2023 auf dem BücherArsenal in Kyjiw, wo sie das Tagebuch des Schriftstellers Volodymyr Vakulenko vorstellet. Er war in seinem Heimatdorf unter russischer Besatzung ermordet worden. Das Manuskript hatte sie im Garten des Schriftstellers geborgen. Vier Tage nach der Buchvorstellung in Kyjiw wurde sie mit 12 weiteren Menschen Opfer eines russischen Raketenangriffs. Die wenigen Werke, die sie schreiben konnte, sind große Literatur. Das gilt auch für das Kinderbuch vom tollpatschigen Bagger Eka. Es ist mit großer Empathie und viel Humor geschrieben und für Klein und Groß eine sehr unterhaltsame Lektüre. Eine unbedingte Bereicherung für die "Tales of EUkraine"-Initiative. Dass die Künstlerin Victoria Amelina in ihrem Werk präsent bleiben kann, ist mir sehr wichtig.

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An Victoria Amelinas Beisetzung 2023 nahmen zahlreiche Menschen teil

André Störr

Andé Störr ist Verleger des Mauke Verlags mit Sitz in Weimar.

Wie finden Sie geeignete Anlaufstellen und wie bauen Sie die nötigen Kontakte zu Hilfsorganisationen, Schulen oder Communities auf?

André Störr: Die vorrangige Aufgabe für uns Verlage im Projekt war die Herstellung und Bereitstellung der Bücher. Das Projektteam des Börsenvereins hat dann den eigentlichen Vertrieb übernommen. Dazu hat das Team ganz wunderbare Ideen entwickelt, wie zuletzt die "Back to School"-Initiative im Spätsommer, die alle Erwartungen übertroffen hat. Aber jeder von uns hat natürlich ein eigenes Netzwerk. Wir haben als Weimar Verlag Initiativen in Thüringen direkt angesprochen und auch unsere bestehenden Kontakte zu den ukrainischen Kulturverbänden genutzt, um auf das Projekt hinzuweisen. Die Bücher waren sehr willkommen und letztlich war die Nachfrage sogar größer als die verfügbare Bücherzahl

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Welche Rolle kann der Sortimentsbuchhandel bei dem Projekt spielen? Haben Sie selbst mit Buchhandlungen kooperiert?

Die Bücher waren nicht zum Verkauf vorgesehen, so dass auf den ersten Blick der Buchhandel nicht mit dem Projekt verbunden war. Wir haben aber selbst mit der Buchhandlung "Die Eule" in Weimar und der Buchhandlung Jena-Süd zum Weltkindertag im September Verteilaktionen durchgeführt. Das kam sehr gut an. Bücher sind für den Spracherwerb eine große Hilfe. Aber in eine Buchhandlung trauen sich Menschen, die erst seit kurzem in Deutschland leben, lange nicht. Da ist es gut, ein Mittel zu haben, um Schwellenängste zu überwinden.    

Haben Sie schon Rückmeldungen von ukrainischen Familien, Organisationen oder Schulen/Kitas erhalten, wie die zweisprachigen Ausgaben aufgenommen werden – insbesondere in Bezug auf Identität, Trost und Interaktion mit den Kindern in den Ankunftsländern?

Ich freue mich darüber, wie vielseitig die Bücher Nutzen schaffen. Ich weiß von Kindern, die stolz ihre Bücher mit ihren deutschsprachigen Freundinnen und Freunden teilten. Ich war bei einer Lesung in einer Kita dabei, in der nur sehr wenige Kinder Ukrainisch sprachen aber alle Kinder unbedingt auch die Geschichte in Ukrainisch hören wollten. Und ich kenne Erwachsene, die begonnen haben, Ukrainisch zu lernen und die Bücher in die andere Richtung zum Spracherwerb nutzten. Für mich ist die Initiative ein nicht zu unterschätzender Beitrag, um die in Deutschland lange nahezu unbekannte ukrainische Sprache sichtbar und hörbar zu machen.

Was können andere deutsche Verlage aus Ihrer Erfahrung mit diesem Hilfsprojekt lernen – sei es in Bezug auf Lizenzverhandlungen, internationale Solidarität oder den gesellschaftlichen Beitrag der Buchbranche in Krisenzeiten?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Buchmarkt in der Ukraine eine Menge an eigenen originären Stoffen bereithält, die auch im deutschen Buchmarkt konkurrenzfähig sind, gerade im Kinderbuchsegment. Wir haben für unseren jungen Puck Kinderbuchverlag inzwischen Lizenzen für drei Titel aus dem Projektkatalog für eigenständige deutschsprachige Ausgaben erworben. Die Kolleginnen und Kollegen in den ukrainischen Verlagen sind hoch professionell und inzwischen auch auf allen wichtigen Messen präsent. Jedes Lizenzgeschäft ist natürlich ein Akt der Solidarität. Aber vor allem bieten uns die ukrainischen Verlage richtig gute Geschichten und eine absolut zeitgemäße künstlerische Formensprache. Wir müssen nur endlich anfangen, dies alles wahrzunehmen und die Ukraine auch als Literaturland in unserer europäischen Familie willkommen zu heißen.