Ronald Schild, Leiter des Teams Transformation der Börsenvereinsgruppe | BOOKBYTES

"Wie offen bin ich für Veränderung?“ 

17. Februar 2022
von Torsten Casimir

Innerhalb der Börsenvereinsgruppe hat sich ein Team Transformation gebildet. Dessen Aufgabe und Arbeitsziel: die konkrete Unterstützung von Unternehmen am Buchmarkt. Dabei geht der Blick über Themen der Digitalisierung weit hinaus. Ein Interview mit Ronald Schild, der das Team leitet. 

Porträtfoto Ronald Schild

Ronald Schild

Für die gesamte Börsenvereinsgruppe wurde im vergangenen Jahr ein "Team Transformation" eingerichtet, das du leitest. Was ist seine Aufgabe?  
Transformation ist eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Thema, dem sich die gesamte Buchbranche stellen muss. Spontan denkt man hier an Digitalisierung, aber das wäre zu kurz gesprungen, denn es stellen sich viele weitere Fragen: Nachhaltigkeit, New Work, Innovationsmanagement, um nur einige wenige Schlaglichter zu werfen. Die Veränderungsgeschwindigkeit unserer Gesellschaft und damit unseres Wirtschaftens erhöht sich immer weiter. Die Floskel "das haben wir schon immer so gemacht" wird zukünftig der Vorbote wirtschaftlichen Scheiterns sein. Erfolgreich bestehen werden diejenigen, die Transformation fest in ihre Arbeitsprozesse integrieren und aktiv leben. 

Gilt das über alle Branchen in gleicher Weise? 
Die Buchbranche ist im Vergleich zu anderen Branchen stark fragmentiert, was erfolgreiche Transformation nicht einfacher macht. Gerade an dieser Stelle wollen wir als Team Transformation unterstützen, indem wir relevante Felder beleuchten, Chancen und Risiken aufzeigen sowie Branchenteilnehmer durch Informations-, Schulungs- und Beratungsangebote unterstützen. 

Schaut man auf die Buchbranche insgesamt, ist das Tempo der digitalen Transformation nicht überall gleich hoch. Wo siehst du besonderen Bedarf an, aber auch Chancen für Veränderung? 
Die Geschwindigkeit variiert in der Tat stark. Einerseits hat die Branche früh mit der Einführung von IT-Systemen begonnen und verfügt heute beispielsweise über eine Logistik, mit der sich wenige andere Branchen messen lassen können. Auch bei Themen wie Standardisierung oder Datenmanagement spielt die Branche durchaus vorne mit. In anderen Bereichen gibt es allerdings erstaunlich wenig Veränderung: Prozesse wie Remissionen, der Handel mit Übersetzungsrechten oder der Novitäteneinkauf funktionieren in Teilen noch wie im letzten Jahrhundert. 

Was kann helfen, damit in diesen Bereichen das Veränderungstempo zunimmt? 
Für alle diese Themen braucht es einen langen Atem und vor allem Konsens in der Branche. Um herauszufinden, wie wir konkret und kurzfristig Nutzen stiften können, haben wir im letzten Jahr die Mitglieder des Börsenvereins befragt. Die Meinung war eindeutig: Buchhandlungen wie auch Verlage wünschen sich Unterstützung im Bereich des digitalen Marketings. Hier existieren bereits eine ganze Reihe von Angeboten durch die Börsenvereins-Gruppe, die um neue Formate wie beispielsweise den im März stattfindenden Online-Workshop "Let’s Talk Social" ergänzt werden. Aber auch die IG Digital leistet hier für die Mitglieder des Börsenvereins schon wichtige Arbeit, beispielsweise in Kooperation mit der IG Unabhängiges Sortiment.

 

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Schon von der Online-Fachtagung "Let's talk social" gehört?

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Transformation klingt wie ein technischer Begriff, aber machen müssen es Menschen. Hat die Buchbranche noch zu wenig Menschen, die sich auf Transformation verstehen? 
Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Transformation hat in der Tat einen starken technologischen Aspekt, ist aber im wesentlichen eine Frage der Einstellung. Wie offen bin ich für Veränderung? Hinterfrage ich Prozesse, die seit Jahren in gleicher Weise funktionieren? Bin ich bereit, sie zu überdenken, wenn es nötig wird? Gerade an dieser Stelle kann ich in der Buchbranche von ihrer heterogenen Struktur profitieren. Große Unternehmen können durch ihre Investitionsmöglichkeiten technologische Veränderungen einleiten, während kleinere Branchenteilnehmer durch ihre Agilität punkten. Wenn man der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen möchte, dann doch die Einsicht, wie gerade kleinere Buchhandlungen spontan und kreativ auf die neuen Kundenbedürfnisse reagiert haben: Buchbestellung per WhatsApp, Abholstationen in Bäckereien und Apotheken. 

Treiber für Innovationen und Wandel sind auch in der Buchbranche oft die großen Unternehmen am Markt, insbesondere solche, die genügend Investitionsmittel haben. Welche Rolle kann und sollte ein Verband dabei spielen? 
Dem würde ich nur bedingt beipflichten. Natürlich sind großen Unternehmen häufig diejenigen, die zuerst in neue Technologien investieren und diese zum Standard machen. Aber wie schon oben erwähnt, sind es auch häufig gerade die kleineren Unternehmen, die durch ihre Agilität ihr Geschäft sehr schnell transformieren. Unabhängig von der Frage, wer für Innovationen zuständig ist, liegt mir eine Klarstellung sehr am Herzen: Transformation kann nur von den Unternehmen beziehungsweise der Branche kommen und muss auch von dieser umgesetzt werden. Es kann nicht Aufgabe des Verbandes sein, in die wirtschaftliche Aktivität der Mitglieder einzugreifen. Verbandsarbeit kann nur und sollte auch eine Hilfestellung für die Unternehmen der Branche sein, die Herausforderung der Transformation zu stemmen. Hierfür ist die Arbeit der IG Digital ein gutes Beispiel. Kurzfristig können dies Informations-, Schulungs- und Beratungsangebote sein, mittelfristig kann dies aber auch in Aufgaben bestehen, die branchenübergreifend gelöst werden müssen, wie etwa die Einführung neuer branchenweiter Standards oder Prozesse. 

Was sind konkret eure nächsten Vorhaben im Team? 
Zunächst suchen wir eine "Heimat" für Transformationsthemen. Aktuell kommunizieren viele Bereiche der Börsenvereinsgruppe recht autark zu diesem Themenkomplex. Zukünftig werden wir alle Transformationsthemen in den Online-Kanal Bookbytes des Börsenblatts überführen und dort bündeln. Somit entsteht ein Informationspool, mittels dem sich Mitglieder umfassend informieren können. Wie schon erwähnt, werden wir den Komplex Digitales Marketing umfassend beleuchten und auch andere Transformationsthemen schlaglichtartig darstellen. Auch der Schulterschluss mit Hochschulen wird gesucht, sowohl um von deren Forschungsergebnissen zu profitieren wie auch um den Nachwuchs an die Buchbranche zu binden. Letztlich befassen wir uns auch mit politischer Arbeit, indem wir inhaltliche Positionen zu aktuellen Fragestellungen wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz formulieren und mit der Branche abstimmen. Diese dienen dann der politischen Arbeit in Berlin und Brüssel. 

Wer gehört deinem Team Transformation an? 
Das Team Transformation ist eine gemeinsame, agile Initiative der gesamten Börsenvereinsgruppe. Natürlich ist der Börsenverein mit den Fachausschüssen, den Bereichen Strategie & Innovation sowie Internationale Beziehungen vertreten, aber auch der Mediacampus, die Frankfurter Buchmesse und MVB. Unterstützt werden wir besonders von der Interessengruppe Digital des Börsenvereins, wir arbeiten aber auch eng mit allen themenverwandten IGen zusammen.