Der Irrtum der Großen
Mit der Marktmacht großer Buchhändler wachsen deren Forderungen. Das darf niemanden überraschen. Aber wenn die Wirtschaftlichkeit dabei nicht mitwächst, stimmt irgendetwas grundsätzlich nicht. Meint der Verleger Matthias Ulmer.
Mit der Marktmacht großer Buchhändler wachsen deren Forderungen. Das darf niemanden überraschen. Aber wenn die Wirtschaftlichkeit dabei nicht mitwächst, stimmt irgendetwas grundsätzlich nicht. Meint der Verleger Matthias Ulmer.
Der partielle Zusammenschluss von Thalia/Mayersche und Osiander bringt uns alle zum Nachdenken. Welche Dynamik erleben wir da und wohin führt das?
Ich kann Osiander-Chef Heinrich Riethmüller sehr gut verstehen, dass er genervt ist von dem Narrativ »kleine Buchhandlungen sind gute Buchhandlungen und große Buchhandlungen sind schlechte Buchhandlungen«. Die Breite des Angebots, die Titelzahl ist höher, was daran zweifeln lässt, dass so wirklich Vielfalt verloren geht. Zwar führt die Lieferantenreduktion zu einer Verengung auf ein Mainstream-Angebot, aber der Rest wird auch bei Thalia übers Barsortiment beschafft; um die Vielfalt steht es nicht so schlecht. Und auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss man eine Lanze brechen: Sie stammen zu großen Teilen aus übernommenen Buchhandlungen oder haben im unabhängigen Buchhandel ihre Ausbildung gemacht. Die werden doch nicht dümmer, nur weil sie einen neuen Arbeitgeber haben.
Was mich mehr beschäftigt, ist das Gefühl, dass hier etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt. Ich habe die Entwicklung von den ersten kleinen Montanus-Läden an miterlebt, die Entstehung von Phönix, die Fusion mit Thalia, die Übernahmen von Bouvier, Gondrom, von Campe, Kaiser, Kober-Löffler, von Buch+Kunst, den Herder-Buchhandlungen, die Fusion mit der Mayerschen bis zur Übernahme von Wittwer. Das Unternehmen ist gewachsen und gewachsen – beeindruckend. Und jede Übernahme führte zu einem Anwachsen der Marktmacht. Die Einkaufsgespräche wurden von Jahr zu Jahr härter. Das kann niemanden überraschen, das kennt man aus nahezu allen Einzelhandelsbranchen. Und mit der Marktmacht wuchsen die Konditionenforderungen.
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
Und bezahlt wird die ganze Chose übrigens nicht nur von den Verlagen, sondern seit langer Zeit indirekt auch von den unabängigen Buchhandlungen. Die fahren zwar nicht in ´nem Maybach rum, aber einigen (die Vögel zwitschern es) geht es ziemlich gut!
Herzlichen Dank für diesen Kommentar
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
Man hätte ja auf die Idee kommen können, dass Thalia & Co. aus dem ersten Lockdown etwas an Ideen mitgenommen haben könnte und entsprechend präpariert einen zweiten Lockdown etwas professioneller handhabt. Leider weit gefehlt - die aktuelle Umgehensweise ist beschämend und zeigt, dass der Branchenriese ein vor sich hindümpelnder Tanker ist, der seine Steuerung komplett den Algorithmen übergeben hat und entsprechend steuerlos durch die Gegend treibt. Algorithmen kann Amazon besser und im Gegensatz zu Thalia ist man dort finanziell auch nicht nur auf Buch und den diversen ergänzenden Klein-Schnöckes angewiesen.
Wenn man voraussetzt, dass das Geschäftsmodell Thalias schon vor der Krisenzeit instabil war, so stellen sich spätestens jetzt dringend die Fragen, die Matthias Ulmer stellt.
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln