Christine Paxmann zu unsinnigen Retouren
Die Blusen des Bösen
5. Oktober 2022
Künstliche Intelligenz kann grausame Auswirkungen haben – wenn zum Beispiel Algorithmen einen unrealistischen Buchbedarf vorgaukeln, der zu Überproduktion und Retouren führt. Christine Paxmann rechnet vor.
sehr vielen Dank für dieses in so wunderbaren Worten erzählte Märchen, welches eben leider kein Märchen ist.
Spätestens seit Gerhard Beckmanns BuchMarkt-Beitrag zum Thema (aktuell online lesbar via http://culturmag.de/crimemag/gerhard-beckmann-die-lage-ist-noch-dramatischer/145169) wird dieses Problem in unserer Branche zwar fleißig diskutiert, allerdings immer noch hinter vorgehaltener Hand. Außer Herbert Ohrlinger vom Zsolnay Verlag ist mir bislang noch keine Stimme zu Ohren gekommen, die öffentlich Tacheles redet und öffentlich aus maßgeblicher Funktion heraus von den eigenen Erfahrungen mit besonders dem Unternehmen Amazon berichtet.
Offensichtlich unterliegen wir immer noch der Omertà und so wählen auch Sie als Stilmittel für einen Teil Ihres Beitrags das Märchen - der geschilderte Einzelfall wie auch der Verursacher sind klar erkennbar, tauchen aber eben nur in verklausulierter Form auf. Das ist legitim, Ihr erzähltes Märchen sehr wichtig und wie erwähnt sehr schön formuliert. Aber ich glaube, dass wir zusätzlich dringend eine andere Erzählform brauchen, um tatsächlich etwas bewirken zu können.
Denn Öffentlichkeit und eine offene Diskussion dieser desaströsen Entwicklung sind extrem wichtig, um zum einen erkennen zu können, dass es sich hier nicht um Einzelprobleme handelt, und um zum anderen erkennen zu können, dass wir dieses Problem gemeinsam lösen MÜSSEN. Andernfalls führt diese fatale Abhängigkeit unsere Branche insgesamt ins Verderben.
Es liegt übrigens auch im Interesse des uns alle in unseren Interessen vertretenden Börsenvereins, die erwähnte offene Diskussion anzuregen, zu begleiten, zu fördern und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.
Ein herzlicher Gruß aus Köln
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße
das große Schweigen kann zwei Ursachen haben. Alle haben etwas zu sagen, trauen sich aber nicht. Oder: alle schweigen, weil niemand weiß, was er sagen soll.
Wir haben diese Entwicklung doch seit dem ABC Bücherdienst 1998 gesehen. Es gab kein Jahr, in dem nicht im Verband und in der Branche unter Kollegen gemahnt wurde, welches enorme Risiko darin steckt, bei der Suche nach Umsatz ausgerechnet auf den zu setzen, dessen Plan die Beseitigung des Buchhandels war. Man kann nicht sagen, dass man es nicht wusste. Aber es hat nichts verändert. Die besten Köpfe der Verlagsbranche haben, wenn es um das eigene Ergebnis ging, sich schulterzuckend mit dem Markt rechtfertigt. Man hat Skipis und Sprang in Brüssel und Berlin gegen Google und Amazon ins Gefecht geschickt und gleichzeitig mit denen zu Hause Verträge geschlossen. Kein neues Phänomen, man war auch vor der Jahrtausendwende schon so schäbig. Da hat der Börsenverein in Brüssel um die Preisbindung gekämpft, während die Verlage in Augsburg für Weltbild-Umsätze alle denk- und undenkbaren Umgehungen der Preisbindung unterschrieben haben.
Liegt es also an der Untätigkeit des Verbandes? Nein, er hat getan, was er konnte. Liegt es an einem Schweigegelübde, dass niemand darüber spricht? Nein, es liegt schlicht und einfach daran, dass den Verlagen die Worte fehlen zu erklären, was sie da gemacht haben.
Ich vermute, es gibt eine große Mehrheit, die sagen würden: ich habe gewusst, dass es falsch ist. Aber ich habe gehofft, dass es doch nicht so schlimm kommt und dann einfach weggeschaut. Und es gibt eine kleinere Zahl, die sagen würden: ja, es war uns klar, dass es so kommt, dass man das sowieso nicht verhindern kann. Aber wir haben für uns kalkuliert, dass wir das überleben und uns deshalb opportunistisch verhalten.
Und heute stehen wir vor einem Buchmarkt mit einer fundamental anderen Wettbewerbsstruktur und fragen: wie konnte es so weit kommen? Was sollen die Verlage machen? Sagen, dass sie sich selbst belogen haben? Sagen, dass sie es aus Kalkül akzeptiert haben?
Die Wirtschaft redet gerade über Nachhaltigkeit, als ob diese wie ein neuer Kontinent gerade entdeckt wurde. Und dann druckt man in Bücher kleine Logos und bestätigt, dass man keinen Fußabdruck hat und über Wasser laufen kann. Und die ganze Nachhaltigkeitsdiskussion bringt niemand mit den Fehlern der letzten fünfundzwanzig Jahre in Zusammenhang? Unsere Frage sollte sein: wie bringt man den Akteuren der Branche bei, nicht nur über ethisches Verhalten Bücher zu machen, sondern zu lernen, was das bedeutet?
Lieber Herr Bartsch, wir müssen nicht diskutieren, wie wir uns aus der Abhängigkeit befreien. Wir müssen davor verstehen, warum wir uns in diese begeben haben.
Matthias Ulmer
wenn ich Ihren und meinen Kommentar als Schablone übereinanderlege, dann schaut da eigentlich links und rechts, oben und unten nicht furchtbar viel heraus, weil wir die aktuelle Situation vermutlich ähnlich einschätzen. Und ich denke, dass Sie ähnlich uns daran interessiert sind, dass unsere Branche aus dieser Entwicklung wenigstens teilweise wieder herausfindet, um bestehende Strukturen nicht komplett zerstören zu lassen.
Bei allen Bemühungen des Börsenvereins zum Erhalt der Buchpreisbindung in den letzten Jahren waren es immer wieder u.a. die von Ihnen erwähnten brancheninternen Querschläger, die mich hier regelmäßig auf die Palme brachten. Vor denen, vor dem verlagsseitigen Umgang mit Amazon und auch Thalia haben wir hier aufgrund dräuender Abhängigkeiten im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten immer wieder gewarnt – leider vergebens.
Nun kann man beim eventuellen Aufräumen der Scherben (so man es möchte und überhaupt schaffen kann) durchaus zuerst die Frage stellen, wie dies überhaupt passieren konnte, warum man sich in diese Abhängigkeit begeben hat. Dafür gibt es mit Sicherheit vielfältige Gründe, Sie nannten ein paar, eventuell resultieren einige auch aus einer gewissen Trägheit des klassischen Sortimentsbuchhandels. Für viele vertriebliche Neuerungen unserer Branche hatte ich immer viel Verständnis, sei es die Drehsäule mit Büchern im Bau- oder Gartenmarkt, in der Apotheke oder meinetwegen auch das Rackjobbing in Supermärkten. All dies schien mir aus Verlagssicht immer diversifiziert genug und teilweise notwendig. Beim Umgang mit Amazon und anderen Marktteilnehmern hörte für mich der Spaß vor vielen Jahren allerdings auf, denn die kommende Abhängigkeit war klar erkenn- und absehbar.
Nun gehört zur Selbsterkenntnis ja der Blick in den Spiegel und da halte ich Ihren damaligen Börsenblatt-Beitrag in Sachen „Schlangenlederschuhe“ https://www.boersenblatt.net/news/buchhandel-news/der-irrtum-der-grossen-159289 immer noch für maßgeblich und einen Meilenstein, auch wenn er nicht direkt Amazon betraf. Sie warfen die richtigen Fragen zu Marktmechanismen und zur Qualitätseinschätzung der Handelspartner auf – und jeder denkende Mensch konnte sich nach Lektüre die Frage stellen: Tja – WARUM eigentlich?
Die wichtigen Fragen „Was nutzt diese Geschäftsbeziehung, was nutzt sie qualitativ, was nutzt sie kurz-, mittel- und langfristig, wo schadet sie?“ sind unserer Branche dummerweise abhandengekommen. Der von mir erwähnte Herbert Ohrlinger vom Zsolnay Verlag war für mich nun die erste Verlagsperson, die diese Rechnung öffentlich neu aufmachte – und Sophie Paxmann tut dies dankenswerterweise auch, wenn auch in verklausulierter Form. Sie ahnen, worauf ich hinausmöchte, DAS sind die Stimmen, die gebraucht werden, denn offensichtlich wissen hier wenigstens zwei Menschen durchaus, dass etwas gesagt werden muss, wo andere angeblich oder vorgeblich nicht wissen, was sie sagen sollen!
Erst wenn ein Großteil der Verlage versteht, welchem Irrtum er aufgesessen ist, erst wenn der Großteil versteht, dass er sich selbst belogen hat, erst wenn der Großteil versteht, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist und als Einzelkämpfer kaum weiterbestehen kann, erst wenn verstanden wird, dass es für ALLE schlimm kommen wird, dann können wir in der Tat die Diskussion beginnen, wie man aus dieser Nummer wieder herauskommt. Dazu gehört allerdings unbedingt Öffentlichkeit. Ob sich hier ein Opportunist outet oder ein Verlag einfach seine Fehleinschätzung gesteht, dies ist egal, die Erkenntnis und das Warum sind wichtig. Alles andere ist Dahinwursteln wie immer und ja, die Nachhaltigkeit mit ´nem Aufkleber zu verkaufen ist offensichtlich einfacher, als selbst in vielerlei Belang nachhaltig und sich immer wieder selbstreflektierend neu zu denken.
Mit einem fröhlichen „Welt bleib wach!“ grüßt herzlich
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln