Räumungsklage für Buchhandlung Schutt

"Ich möchte um diesen besonderen Ort kämpfen"

2. September 2020
von Charline Vorherr

Im August erhielt Angelika Schleindl (64) eine Räumungsklage für ihre Buchhandlung im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Kampflos aufgeben möchte sie die Buchhandlung jedoch nicht.

Im Herzen Bornheims befindet sich die Buchhandlung Schutt, unmittelbar neben dem Wahrzeichen des Frankfurter Stadtteils, dem Uhrtürmchen. Seit etwa 100 Jahren gibt es die Traditionsbuchhandlung – zeitweise hat sie sogar Bücher zur Stadtgeschichte Bornheims verlegt. 65 Quadratmeter beträgt die die Verkaufsfläche, das Antiquariat im Hinterhof mit der doppelten Fläche dient hauptsächlich als Kulturraum für Lesungen und die Schreibwerkstatt.  Seit 1999 wird die Buchhandlung der 64-jährigen Amerikanistin Angelika Schleindl geführt.

Bereits in der Vergangenheit hatte sich das Verhältnis zu ihrem Vermieter zunehmend getrübt. Schleindl durfte den Innenhof nicht mehr für Hoflesungen benutzen, Parkplätze wurden an die anderen Bewohner vermietet, Ware durfte nicht mehr abgeladen oder Büchersendungen in Fahrzeuge eingeladen werden.  

 

Die Buchhandlung Schutt im Frankfurter Stadtteil Bornheim.

Im August erhielt Angelika Schleindl schließlich eine Räumungsklage von ihrem Vermieter. „Er hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder ich akzeptiere eine Mieterhöhung von 2000 Euro pro Monat oder ich bin raus. Ich habe angeboten, ihm bei der Hälfte entgegen zu kommen, aber das hat er abgelehnt. Ich soll bis Ende des Monats räumen“, erklärt Angelika Schleindl. „Es ist unmöglich, innerhalb eines Monats eine ganze Buchhandlung zu räumen. Auch meine Mitarbeiter würden mitten in der Corona-Krise auf der Straße stehen.“  

Eigentlich läuft der Mietvertrag mit den alten Konditionen bis 2029. Ihn hat die Buchhändlerin für die Kernsanierung des Antiquariats erhalten. Heizung, Boden, Fenster, Türen, Küche – das alles habe sie über 100.000 Euro gekostet.  „Wir hatten damals ausgehandelt, dass ein Käufer meiner Buchhandlung auch den Mietvertrag übernehmen darf. Es hat sich aber herausgestellt, dass der von der Hausverwaltung vorgesehene Nachmieter nicht das Geld hat, die Buchhandlung zu übernehmen“, erklärt Schleindl. Der Vermieter wolle nun, dass Angelika Schleindl die Räume der Buchhandlung an den Nachmieter abgibt – oder die Mieterhöhung von 2000 Euro akzeptiert.  

„Wenn das Kapital fehlt, geht diese Buchhandlung kaputt. Ich habe Angst, einen Scherbenhaufen zu hinterlassen“, erzählt die Buchhändlerin. „Besonders während der Corona-Pandemie hat man bemerkt, wie sehr unsere Buchhandlung geschätzt wurde und wie wichtig sie den Menschen ist. Für den Stadtteil muss sie weiter existieren.“  

Zwar gäbe es eventuell die Möglichkeit, sich nur in das vordere Ladenlokal zurückzuziehen, doch auch darin sieht Angelika Schleindl keine Lösung. „Klar, Kultur macht kein Geld, aber das Antiquariat ist die Seele dieser Buchhandlung.“ Sie beschreibt es als das kulturelle Wohnzimmer dieses Viertels: “Hier gab es legendäre Veranstaltungen mit Robert Gernhardt, Eckard Henscheid, Wilhelm Genazino, Martin Mosebach, Michi Herl und Jan Seghers.  Dieser Ort ist das Zuhause der Neuen Frankfurter Schule. Hier wurden Autoren bekannt gemacht und Buchpremieren gefeiert. Es gibt keinen zweiten Ort dieser Art in Frankfurt.” 

Die Überlegung, zur Not in ein neues Ladenlokal in der Nähe zu ziehen, schließt sie vorerst aus. Zu sehr sei die Buchhandlung mit dem Standort am Bornheimer Uhrtürmchen verbunden.  

„Immer mehr wichtige öffentliche Orte werden privatisiert. Ich finde, man muss diesem Trend etwas entgegen setzen, damit der Gemeinschaft ein paar Orte bleiben, die gut für sie sind. Man darf nicht nur an sich selbst denken“, meint Angelika Schleindl. Sie will um diesen Ort kämpfen. Am 24. September wird beim Landgericht Frankfurt über die Räumungsklage verhandelt.