Meine wahren Helden
Die Erfa-Gruppe unseres Gastautors ist da kein Sonderfall: Kleinere Buchhandlungen kommen besser durch die Corona-Krise als die Branche im Durchschnitt. Der Berater Klaus-W. Bramann nennt Gründe dafür.
Die Erfa-Gruppe unseres Gastautors ist da kein Sonderfall: Kleinere Buchhandlungen kommen besser durch die Corona-Krise als die Branche im Durchschnitt. Der Berater Klaus-W. Bramann nennt Gründe dafür.
Die Umsatzzahlen meiner Erfa-Gruppe irritierten und erfreuten mich gleichermaßen: Im Rahmen des Tertialvergleichs wiesen sie ein Plus auf, überwiegend im zweistelligen Bereich. Und das im Corona-Jahr, wo nahezu alle Vorjahresvergleiche negativ ausfallen – auch die des Börsenvereins, der im Branchen-Monitor Buch für Ende August ein Minus von 10,8 Prozent konstatierte. Zweistellige Umsatzverluste versus zweistellige Zugewinne?
Gespräche mit anderen Unternehmen bestätigten: Die Werte meiner Erfa-Gruppe beruhen nicht auf Rechenfehlern. Nach dem harten Lockdown hatte die Branche – unter Berücksichtigung der bis dahin aufgelaufenen Umsätze – ein Minus von 21,1 Prozent zu verzeichnen. Dieser Wert verringert sich nun monatlich, Ende Oktober liegt er bei minus 7,9 Prozent. Aber ist die Lücke auf plus/minus null im Vergleich zum Vorjahr zu schließen?
Aller Voraussicht nach werden es die im Panel von Media Control beteiligten Buchhandlungen in ihrer Gesamtheit nicht (ganz) schaffen. Trotzdem wird es Hunderte Unternehmen geben, die das Jahr mit einem Umsatzplus abschließen. Dass die Branchenkonjunktur nicht zwangsläufig mit der individuellen Firmenentwicklung einhergeht, ist keine neue Erkenntnis. Auch nicht die These, dass in Krisenzeiten Unterschiede zwischen den Marktteilnehmern deutlicher zutage treten. Aber wo liegen die Gründe für ein derartiges Auseinanderklaffen?
Erstens: Die »Kleinen« profilierten sich als »Retter in der Not«. Während Amazon die Dringlichkeit von Buchlieferungen zurückstellte und die Filialisten in 1-a-Lage schließen mussten, arbeiteten die Inhaberinnen der »Kleinen« am Limit, stellten Betriebsabläufe von stationär auf ambulant um und spielten alle Register der Kommunikations- und Serviceklaviatur. Man konnte dabei auf die bereits vor dem Lockdown erarbeitete Kundenloyalität aufbauen und verfestigte diese weiter.
Zweitens: Das Käuferverhalten änderte sich durch die Wiederentdeckung der Nachbarschaft. Dabei konnte vor allem die Leistungsfähigkeit des Buchhandels inklusive der Web-Angebote überzeugen. Die Konsequenz: viele Neukunden.
aber selbstverständlich teilen einige der von Ihnen so klar beschriebenen Heldinnen und Helden angesichts des neuen BIG-PLAYERS auf das heftigste Ihre Befürchtungen. Dies übrigens begleitend zur Entwicklung dorthin schon seit sehr langer Zeit, aaaaber....
Ich formuliere es mal so: Auch einige der für die jetzige Situation nicht ganz unverantwortlichen Verlage versuchen ja aktuell, das unabhängige Sortiment zu unterstützen, was durchaus sehr ehrenhaft ist. Aber ganz ehrlich: Wir hier brauchen keine paar CORONA-Prozentpünktchen mehr bei den Konditionen, wir brauchen keine extra aufgeschriebenen Tütchen oder nach PLZ zusammengestrickten Dankesorgien der Hausautoren eines Verlages in einem via Youtube verbreiteten Filmchen. Das ist alles nett, hilft aber nicht wirlich - schlussendlich ist es einfalls- und hilflos.
Denn was wir brauchen: Eine klare Ansage und Offenheit seitens der Verlage zu deren Konditionsgefüge und Konditionsgebaren, ein klares Bekenntnis der Verlage zum System Barsortiment, welches mit den oben erwähnten Konditionsgebaren bei diversen Handelspartnern aktuell komplett ausgehebelt wird. Wir alle wissen es, aber es herrscht nach wie vor die große Omertá.
Glaubt in den Verlagen irgendjemand ernsthaft, dass Thalia den deutschen Buchhhandel retten müsse? Warum und wovor? Vor Amazon haben wir keine Angst, vor anderen Dingen schon.
Ich formuliere es nochmals anders: Im gesamten Vetriebsweg des Buches zum Kunden hat das unabhängige Sortiment seinen Weg gefunden, der liegt ganz nah beim Kunden und ist sehr erfolgreich. Offensichtlich besteht das Problem eher darin, dass viele Verlage nun erleben, dass im Weg vom Verlag zum Sortiment (oder zum großen Internetkunden) ihre 1A Handelspartner nicht 1A zuverlässig sind und sich besonders auch in Krisenzeiten beim Weg- oder Einbruch einiger Großkunden der Absatz mit den Umsätzen der kleinern Kunden (also uns) nicht kompensieren lässt. Wen wundert das, wenn über Jahre hinweg eine Politik der verbrannten Erde nicht nur toleriert, sondern sogar so gefördert wird, dass sich ausgerechnet Thalia zum Retter des deutschen Buchhandels aufschwingen kann.
Ihr lieben KINDER in einigen Verlagen, das ist zunächst Euer Problem und ein Problem Eurer Vertriebsstrukturen, die es wohl neu zu ordnen gilt. Uns erwischt es ein wenig später indirekt, wenn aufgrund der großen Plattmachung auch unser Portfolio nicht mehr so ist, wie wir es gerne hätten.
Ein herzlicher Gruß aus Köln
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln