Neueröffnung in Hamburg

"Schnörkellos und schmerzhaft"

23. August 2021
von Christina Busse

Was haben Weißwein und Wodka mit großen Autoren zu tun? Die neueröffnete Buchhandlung Blattgold in der Hamburger Neustadt bietet ein ein kleines kuratiertes Programm jenseit von Überangebot und Reizüberflutung - und mit einer Goldschmiedin im gemeinsamen Laden.

Nina Jades (links) und Marte Ohrt wünschen sich ihre Buchhandlung als Ort der Begegnung: "Hier kann man ungezwungen über Lieblingsbücher reden."

Weißweinschorle oder Wodka? Diese Frage stellt sich beim Buchkauf normalerweise eher selten, ist in der Buchhandlung Blattgold aber nichts Ungewöhnliches. "Über den Vergleich lassen sich Autorinnen und Autoren und ihre Werke schön beschreiben", findet Marte Ohrt, die nicht nur Hochprozentiges gern zur Unterstützung heran zieht, wenn es um die passende Lektüreauswahl für ihre Kundinnen und Kunden geht. So hat ein Paul Auster für sie am ehesten das Aroma eines Espressos, Birgit Vanderbekes Bücher haben etwas von einem schönen Rosé und Jörg Fauser haut rein wie ein Korn - "schnörkellos und schmerzhaft", so Ohrt.

Auch optisch unterscheidet sich die im Mai eröffnete Buchhandlung von dem, was man sonst so kennt: Auf nicht ganz 30 Quadratmetern wird ein kleines, feines Programm geboten, "Blattgold" halt. Weil jeder einzelne Titel sorgfältig ausgewählt und in weißen Designerregalen präsentiert wird, wirkt der Laden trotz des beschränkten Platzes luftig-leicht und überhaupt nicht vollgestopft, wie man es vielleicht erwarten würde.
 

Schon für den Herbst ist in der Hamburger Buchhandlung Zuwachs geplant: Weitere fünf Quadratmeter, die bisher als Mini-Galerie genutzt werden, sollen dazukommen

Das ist unter anderem deshalb möglich, weil sich die Buchhandlung optimal einreiht in die vielen kleinen, inhabergeführten Geschäfte in der Hamburger Neustadt, welche, ganz anders als es der Name vermuten lässt, zu den ursprünglichsten Vierteln der Hansestadt gehört. Schmale, kopfsteingepflasterte Straßen und verwinkelte Gassen kennzeichnen das Quartier mit seinen hohen, durchmischt stehenden Alt- und Neubauten. Im Erdgeschoss sind Cafés, Boutiquen und anderen kleinen Läden, Ateliers und Werkstätten, darüber Wohnungen. Auf dem Platz Großneumarkt – dem Uwe Timm in seinem Buch "Die Entdeckung der Currywurst" zu überregionaler Bekanntheit verhalf – findet mittwochs und sonnabends ein Wochenmarkt statt, die vielen Tische der Restaurants und Kneipen ziehen sich über das Pflaster. Einheimische tummeln sich hier ebenso wie Touristen, die auf der Achse zwischen City, Michel und Hafen pendeln.

Den Standort haben sich die Co-Gründerinnen Marte Ohrt (39) und Nina Jades (42) sehr bewusst ausgesucht. Bis zur Eröffnung haben sich die beiden ausgebildeten Buchhändlerinnen viel Zeit gelassen. "Wir wurden vor sieben Jahren von einer gemeinsamen Bekannten 'verkuppelt'. Sie hielt es für eine gute Idee, dass wir gemeinsame Sache machen", erzählt Ohrt mit einem Lachen. Hat prima geklappt: Schon beim ersten Treffen war klar, dass ihre Vorstellungen übereinstimmten. In den folgenden Jahren trafen sie sich mehr oder weniger regelmäßig und feilten an ihrem Konzept für eine kleine, kuratierte Buchhandlung, weg von Überangebot und Reizüberflutung. Eines ihrer Vorbilder ist das Golden Hare Books im schottischen Edinburgh.

Die Inhaberinnen der Buchhandlung Blattgold:  Marte Ohrt (links) und Nina Jades

"Mehrere Berater und die Bank waren skeptisch. Letztlich ist die Bank komplett abgesprungen mit der Begründung 'Corona'", erzählt Ohrt, die nach ihrer Ausbildung Germanistik studiert hat, ein Volontariat beim Börsenverein Berlin-Brandenburg absolviert hat und weitere Einzelhandelserfahrung mitbringt. Abgebracht von ihrem Plan hat sie das aber nicht. Mit einem Privatkredit haben die Buchhändlerinnen ihr Vorhaben vorfinanziert. Dann kam ihnen ein großer Glücksfall zur Hilfe: Über die Hamburger Nissen-Stiftung, die die Vernetzung von Kultur und Schule fördert, erhielten sie ein zinsloses Darlehen, über das sie den Kredit ablösen konnten.

Denn schließlich musste doch alles recht schnell über die Bühne gehen: Im Herbst 2020 haben sie die Räume in der Wexstraße entdeckt. Das legte den Schalter in Windeseile auf "Go!" um und sorgte für ein "Jetzt oder nie"-Gefühl. Hier sind sie jetzt mit einer Goldschmiede und einer Kultur-Agentur unter einem Dach, in hohen, hellen Räumen mit stuckverzierten Decken hinter renovierter Gründerzeitfassade. "Wir konnten uns ins gemachte Nest setzen: Internet und Telefon waren schon da, ebenso Küche und Werkstatt", beschreibt Ohrt die Startbedingungen. Zu tun war natürlich immer noch genug. Die Pandemie habe ihnen zu Beginn sogar gut getan: "Es war wie ein Schongang, in dem wir es entspannter angehen lassen konnten – und wir haben klammheimlich aufgemacht."

Hat am 14. Mai eröffnet: die Buchhandlung Blattgold in der Hamburger Neustadt

Inzwischen hat sich das Viertel wieder zunehmend mit Tagesgästen gefüllt und auch die Anwohnenden bummeln wieder verstärkt durch die Geschäfte. "Dass das Konzept stimmig ist, erkennt man auch daran, dass viele gar nicht wahrnehmen, dass es zwei Läden sind. Wir befruchten uns gegenseitig. Die Tochter sucht zum Beispiel ein Buch, die Mutter nimmt ein Paar Ohrringe mit", erläutert Ohrt. Dass man füreinander da ist, zeigt sich auch beim Gespräch: Goldschmiedin Anne Zimmer bietet frisch gebrühten Kaffee an und wirft dazu noch Pralinen auf den Markt. Zwischen Lesestoff für jedes Alter und Schmuckdesign herrscht ein unkomplizierter, familiärer Umgangston, wie er für das Quartier typisch ist.

Die Ladenzeiten sind an das Umfeld angepasst: Geöffnet ist von 11 bis 19 Uhr, sonnabends von 11 bis 16 Uhr. Vormittags ist Nina Jades, die ein kleines Kind hat, vor Ort. Mittags nehmen sich die Existenzgründerinnen Zeit für die Übergabe. Natürlich auch, um sich über Bücher auszutauschen: "Jedes Buch wird durchdiskutiert", schildert Ohrt, "wir ergänzen uns und bilden eine schöne Schnittmenge." Jades, die nach ihre Ausbildung Mediendokumentation studiert hat und bis dato beim NDR angestellt war, zieht im Beratungsgespräch mit Kunden ebenfalls gern Parallelen – sie vergleicht dann nicht mit Getränken, sondern mit bekannten Filmstoffen.