Treffen unabhängiger Buchhändler

"Wir müssen selbstbewusster sein"

16. Januar 2026
Stefan Hauck

Die Neumann Verlage haben unabhängige Sortimente nach Köln eingeladen. Ein Fazit des Treffens: Der Buchhandel muss besser vermitteln, was er leistet – und was er wert ist.

Matthias Horx

"Nach jeder Krise beginnt eine ­Renaissance des Alten, das sich mit Neuem vermischt": Zukunftsforscher Matthias Horx in Köln.

Eine Antwort auf die Frage "Wie stellst Du Dir Dich in zehn Jahren vor?" falle Jüngeren heute sichtlich schwer, hat Matthias Horx beobachtet. "Aber wenn wir nicht mehr an eine gute Zukunft glauben, ist die Gefahr groß, dass es auch so kommt, das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung", warnte der Zukunftsforscher im Neven DuMont-Haus in Köln. Höchst problematisch sei die kognitive Krise in der Medienwirtschaft: "Man setzt nicht mehr auf die Wahrheit. Die Algorithmen sind so gebaut, dass das Aufsehenerregende geklickt wird - und wenn die KI dazukommt, kann eine völlig falsche Nachricht verbreitet werden." Oft werde auch das Gefühl, etwas nicht mehr zu durchschauen, ein Komplexitätsüberschuss, als Krise empfunden.

Dabei stecke in jeder Krise auch eine Chance, denn man könne das Erlebte unterschiedlich einordnen – als Verlust oder als Wende. "Zukunft ist eine innere Entscheidung, sie kann nur entstehen, wenn wir eine Vision oder Idee von Verbesserung haben." Zudem hätten alle Trends einen Knick, selbst die Urbanisierung, "inzwischen werden Großstädte als unwirtlich und weniger attraktiv empfunden. Und es gibt ein Trend-Gegentrend-Prinzip", etwa sei auf vegane Zeitschriften das Magazin "Beef!" gefolgt. So komme nach der massiven Digitalisierung von kulturellen Inhalten "die Rache des Analogen". Horx konstatierte einen Boom edler Papiere, einen dümpelnden E-Book-Verkauf, "Kameras spucken wieder analoge Bilder aus und die meistverkauften Lichtschalter sind heute Drehschalter, die deutlich hörbar 'Klick' machen." Die derzeit häufigste Frage sei "Wann wirdʼs denn wieder wie früher?" Die Erfahrung zeige, "nach jeder Krise beginnt eine Renaissance des Alten, die sich mit Neuem vermischt – das neue Normal."

"Wir müssen nicht gerettet werden"

Horx war Gastredner einer Veranstaltung der Neumann Verlage (u.a. Alpha Edition, DuMont Kalenderverlag, Palazzi) für unabhängige Sortimente. 28 Buchhändler:innen waren der Einladung der Neumann-Geschäftsleiter Stefanie Folle und Ulrich Nießen nach Köln gefolgt, um Horx zu hören, vor allem aber, um Erfahrungen zu teilen und auszutauschen. Man war "entre nous" und sprach offen. Die steigenden Belastungen für den Einzelhandel trieb alle um, dennoch wehrte man sich gegen scheinbar gutgemeinte Aufrufe zur Rettung von Buchhandlungen: "Wir müssen nicht gerettet werden – wir retten selbst als Magnet unsere Innenstädte", meinte Andrea Lunau von der Buchhandlung Hentschel in Burscheid. "Da müssen wir auch den Rücken gerader machen und selbstbewusster sein."

Buchhändler Daniel Hagemann (Bücherstuben Hamburg Nord) plädierte im Horxschen Sinne für eine zuversichtliche Interpretation der Zukunft – gerade hat er in Norderstedt ein drittes Ladengeschäft eröffnet: "Die stand da und hat gerufen – und ich konnte nicht Nein sagen ..." Er betonte die Stärken des Buchhandels: "Vor allem Leidenschaft, das heißt, dass man sich mit den Produkten gut auskennt, kompetent ist, bewusst einkauft, handverlesen." Dadurch könne man sehr individuell agieren, "man kennt uns, wir sind ein Teil der Stadt. Wenn ich durch das Viertel gehe, dann kennt man mich, spricht mich an." Diese persönliche Beziehung zu den Menschen zeichne den unabhängigen Buchhandel aus; "es gibt so gut wie nichts, was ich für meinen Kunden nicht tue."

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