MEINUNG Peter Hinke, Connewitzer Verlagsbuchhandlung (Leipzig)

"Wir werden selbst ständig kontrolliert und haften für so ziemlich alles"

6. Dezember 2021
von Börsenblatt

"Sind wir jetzt das Betrugsdezernat?", fragt Peter Hinke angesichts der 2G-Kontrollen in seinem Kundennewsletter "Literaturkurier" in der vergangenen Woche. Viel mehr Sorgen macht ihm aber ein möglicher Lockdown. Der Inhaber der Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig sieht sich von der Politik zunehmend alleingelassen. 

Peter Hinke

"Wie in diesen Zeiten gewohnt unplanbar arbeiten wir quasi auf mehreren Ebenen und in Erwartung verschiedener Szenarien, die unser Arbeiten und Leben wohl in den nächsten Tagen wieder verändern werden.

Seit gut 10 Tagen setzen wir die 2-G-Regel im Geschäft um, sind so quasi ein verlängerter Arm der Ordnungsämter und der Justiz und sammeln unfreiwillig Erfahrung mit Impf- und Genesungsnachweisen. Das ist zwar wohl gerade nötig, aber es ist ungewohnt, sehr aufwändig und nicht wirklich unsere Spezialität, auch wenn die KundInnen derzeit damit relativ entspannt umgehen. Doch ehrlich gesagt, ist das vorgelegte Genesungsschreiben eines brasilianischen Krankenhauses echt? Sind wir jetzt das Betrugsdezernat?

Buchhandlungen können nicht nur ihrer Arbeit nicht geregelt nachgehen, sie haben durch die sich ständig ändernden Vorschriften einen stetig erhöhten Papierberg zu bewältigen.

Kämpferisch, aber mit einer gewissen Wut im Bauch

Unsere Hauptsorge gilt natürlich nun dem angedachten, abermaligen Lockdown mit der kompletten Schließung des Einzelhandels und der Gastronomie. Da wir nun jetzt nach bald zwei Jahren mit Corona die Erfahrung gemacht haben, dass die großen (innerstädtischen) Vermieter weiterhin ihre Mieten auch von den zwangsgeschlossenen Geschäften in voller Höhe einfordern dürfen, Corona-Hilfen wiederum nur als reine Förderung an den Handel gezahlt werden, wenn man seine Arbeit komplett und am besten für Monate einstellt, von staatlicher und auch städtischer Seite ansonsten fast nur nette Absichtserklärungen kommen, sehen wir zwar immer noch kämpferisch, aber doch mit einer gewissen Wut im Bauch den nächsten Wochen entgegen: Der Einzelhandel und die Gastronomie sind wohl mit die großen Verlierer in diesen Corona-Zeiten, denn sie können nicht nur ihrer Arbeit nicht geregelt nachgehen, sie haben durch die sich ständig ändernden Vorschriften einen stetig erhöhten Papierberg zu bewältigen, werden selbst ständig kontrolliert, haften für ziemlich alles und sollen natürlich auch weiterhin über diverse laufende Steuervorauszahlungen die Kassen des Landes füllen.

Was kommt noch? - Diese Situation ist auf Dauer unerträglich. Nicht nur wir fühlen uns allein gelassen von einer Politik, die in ihrem Krisenmanagement, in Organisation und Kommunikation stümperhaft wirkt und weiterhin in jedem Bundesland eigene Regeln zulässt."