Eröffnungs-PK Frankfurter Buchmesse 2020 "Special Edition"

"Das Buch ist krisenfest"

13. Oktober 2020
von Michael Roesler-Graichen

Auch wenn die Frankfurter Buchmesse 2020 überwiegend keine Präsenzmesse sein wird – das Interesse am Buch ist in der Gesellschaft ungebrochen. Der Buchhandel hat sich trotz der Pandemie spürbar erholt und konnte die Umsatzeinbrüche des Lockdowns zu einem guten Teil reduzieren. Ein Bericht von der Eröffnungs-Pressekonferenz im Livestream.

Juergen Boos (rechts) mit Ministerpräsident Volker Bouffier (Mitte) und Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs (links) bei der Eröffnungspressekonferenz der 72. Frankfurter Buchmesse

Juergen Boos begrüßte die Zuhörer weltweit auf Englisch und hob noch einmal die Besonderheit dieser Messe im Angesicht der Corona-Pandemie hervor. "Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass wir dieses Jahr keine physische Messe haben. Dafür haben wir alles mit hohem Tempo in die digitale Welt verlagert." Dieses Mal könnten Menschen an der Messe teilnehmen, die sonst nie eine Chance hätten, nach Frankfurt zu kommen. Insgesamt hätten sich 4.400 Teilnehmer für die "Special Edition" registriert. Im Blick auf die Zukunft der Buchmesse sagte Boos, dass es künftig einen Mix aus physischen und digitalen Elementen geben werde. "Das wird das neue Normal."

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier vermisste in seiner Ansprache schmerzlich den Festivalcharakter einer physischen Buchmesse. Die Corona-Pandemie stelle die gesamte Menschheit in nicht gekannter Weise vor eine große Herausforderung. Eine Botschaft der Hoffnung und Zuversicht sei aber, dass es ein Medium gibt, das Buch, mit dem man sich auf ganz andere Welten einlassen könne – ohne dorthin reisen zu müssen. Ein positives Signal sende auch die Messe selbst, die mit ihrer Offenheit in der demokratischen Freiheitstradition der Paulskirche stehe. "Ich finde es sehr mutig, dass man in dieser Situation nicht alles absagt", so Bouffier.

Karin Schmidt-Friderichs bei der Eröffnungspressekonferenz

Selbstbewusst und engagiert geht die deutsche Buchbranche in einem herausfordernden Jahr in die Frankfurter Buchmesse: "Das Buch ist krisenfest und unabdingbarer Teil unserer Gesellschaft. Es ist mehr als eine Ware. Es liefert verlässliche Fakten, greift drängende Fragen auf und bietet Inspiration. Bücher und die Buchbranche können die Gesellschaft maßgeblich unterstützen, gerade jetzt in der Krise und beim Weg aus ihr heraus", sagte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, heute bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse.

Die Corona-Pandemie habe die Buchbranche wirtschaftlich getroffen. Verlage und Buchhandlungen hätten sich aber resilient, digital und kundenorientiert gezeigt. Verlage und Autor*innen verlegten Lesungen ins Netz, Buchhandlungen verkauften Bücher verstärkt online und bauten Lieferservices aus. Mit Erfolg: Der Buchhandel konnte seinen Umsatzrückstand aus dem Lockdown kontinuierlich reduzieren. Der Umsatz in den zentralen Vertriebswegen liegt mit Stand Ende September bei minus 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Mitte April, bei Wiedereröffnung der Läden, lag er noch bei minus 14,9 Prozent.

Zudem sei die Nachfrage nach Büchern ungebrochen: Nach einer neuen Untersuchung der GfK greift jede*r Fünfte (21 Prozent) seit Ausbruch der Corona-Pandemie häufiger zum Buch. Die größten Zuwächse zeigen sich bei den jungen Leser*innen: In der Altersgruppe 10 bis 19 liest ein Drittel (32 Prozent) häufiger, bei den 20- bis 29-Jährigen ein Viertel (26 Prozent). Auch das Engagement der Buchhandlungen trage Früchte: Laut GfK haben 17 Prozent der Deutschen während der Corona-Pandemie erstmals von der Möglichkeit erfahren, Bücher bei ihrer Buchhandlung online oder per Telefon zu bestellen – das sind 11,5 Millionen Menschen. Rund eine Million hat diese Möglichkeit erstmals genutzt.

Bücher und die Buchbranche können die Gesellschaft maßgeblich unterstützen, gerade jetzt in der Krise und beim Weg aus ihr heraus.

Karin Schmidt-Friderichs

Es gelte nun, als Buchbranche weiter in die Zukunft zu investieren. Schmidt-Friderichs: "Die Medienkonkurrenz schläft nicht, und die Art, wie Menschen leben, kaufen und lesen, verändert sich. Buchhandlungen und Verlage arbeiten an neuen Wegen, wie sie heute und in Zukunft für Bücher begeistern können. Dazu sollten wir die durch Corona gestärkten digitalen Skills mit unseren klassischen Kompetenzen verbinden. Zudem werden wir weiter an der Sichtbarkeit von Büchern arbeiten und daran, dass Kinder und Jugendliche umfassend Lesen lernen."

Die Buchbranche könne die Gesellschaft auf ihrem Weg aus der Krise heraus begleiten: "Wie bewältigen wir die Pandemie? Wie sieht das Danach aus? Wie begegnen wir der Klimakatastrophe, sozialer Ungerechtigkeit oder der Gefährdung unserer Demokratien im Lichte der Pandemie? Bücher – und damit die Menschen, die sie schreiben und verlegen, übersetzen, verkaufen und vermitteln – übernehmen bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen eine wichtige Rolle", sagte Karin Schmidt-Friderichs.

Um ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Auftrag in einem freien Markt nachkommen zu können, benötige die Branche aber sichere Rahmenbedingungen. Schmidt-Friderichs: "Bei Verlagen herrscht akuter Handlungsbedarf: Seit nunmehr vier Jahren warten sie darauf, wieder an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften beteiligt zu werden. Trotz vielfältiger Versprechen der Bundesregierung verzögert sich die gesetzliche Regelung kontinuierlich." So, wie die Bundesregierung derzeit die EU-Urheberrechtsnovelle umsetzen wolle, stärke die Position der Autor*innen und Urheber*innen nicht, kritisierte die Vorsteherin.

Der Börsenverein und seine Mitglieder stünden zudem für die Freiheit des Wortes ein. "Einschränkungen der Meinungsfreiheit wie in China, Belarus, Ägypten, der Türkei oder Ungarn verurteilen wir vehement. Wir fordern die politisch Verantwortlichen in Deutschland und der EU auf, sich konsequent für die Wahrung von Freiheitsrechten einzusetzen", so Karin Schmidt-Friderichs.

hr-Intendant Manfred Krupp verwies in seiner Ansprache auf das breite Inhaltsangebot, das die ARD gemeinsam mit vielen anderen Medien während der Buchmesse ausstrahle. Das Buch als Medium zeichne sich durch eine enorme Vielfalt aus.

Lydia Hilebrand

Lydia Hilebrand, Mitgründerin des Münchner Verlags & Töchter, stellte im Anschluss die Vision ihres Unternehmens vor. Nachhaltigkeit, Offenheit und Digitalisierung seien die Kriterien, mit denen man Bücher produzieren wolle. Das erste Buch, vor zwei Wochen erschienen, sei komplett klimapositiv produziert worden. Jetzt wolle man eine Crowdsourcing-Kampagne starten, um das nächste Buch herauszubringen, auch zum Thema Nachhaltigkeit. Offenheit bedeute, mehr Menschen einzubeziehen, an Orten, die sonst nicht fürs Lesen bekannt sind, wie etwa ein Nachtclub oder ein Boxverein. Digitalisierung heiße, den Verlag mit Smartphones und Laptops zu führen – während des Lockdowns unter Remote-Bedingungen. "Wir freuen uns, im nächsten Jahr bei der Buchmesse mit einem eigenen Stand dabei zu sein."