Friedenspreis für Philippe Sands

"Das Recht gilt universell, nicht selektiv"

11. Oktober 2026
Sabine Cronau

Ein Song von Leonard Cohen und ein Preisträger, der über das Völkerrecht und das Schweigen spricht, auch zur Lage in Gaza: Die Verleihung des Friedenspreises am Buchmesse-Sonntag sendete Botschaften auf vielen Ebenen – politische, literarische, juristische, musikalische.

Preisträger, seine Frau, der Vorsteher, die Laudatorin stehen vor der Paulskirche

Laudatorin Mirjam Zadoff (l.), Philippe Sands und seine Frau Natalia, Vorsteher Sebastian Guggolz (r.)

Es waren zwei Musikwünsche des Preisträgers: Die Kuppel der Frankfurter Paulskirche war am Sonntagvormittag von Bachs Matthäus-Passion erfüllt, aber auch von einem Leonard-Cohen-Song: dem Lied "Anthem" mit seiner berühmten Zeile "There is a crack in everything / That’s how the light get‘s in". 

Es ist Hoffnung, die in diesen Worten durchschimmert und die Risse der Welt ins Positive umdeutet. Für Laudatorin Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, ist die Suche nach Hoffnung auch die innere Triebfeder für das Werk des Völkerrechtlers und Schriftstellers Philippe Sands:

"Der Blick dieses Autors scheut nicht die Abgründe unserer menschlichen Existenz, den grenzenlosen Schmerz, die unvorstellbare Grausamkeit. Aber es sind nicht Düsternis, Bitterkeit oder Zynismus, die ihn bewegen, sondern eine fast rastlose Suche nach der, wie er es nennt, `verlorenen Fähigkeit zu hoffen´."

Musiker in der Paulskirche

Der französische Bassbariton Laurent Naouri trug die Matthäus-Passion und den Cohen-Song vor. Am Flügel: Jazzpianist Guillaume de Chassy 

Refrain aus dem Cohen-Song "Anthem"

Let us run no more, with the lawless crowds, whoever they may be. 

Let us hold to account the killers in high places, even as they say their prayers aloud. 

Let us ring the bells, that still can ring. 

Let us not forget there is a crack, a crack in everything, that’s how the light gets in.

Blick in die vollbesetzte Paulskirche

Blick in die vollbesetzte Paulskirche

700 Gäste waren am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche, um Philippe Sands zu ehren – darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour. 

Einen Gast, der in seiner eigenen Lebensgeschichte eine ganz besondere Rolle spielt, hob der Friedenspreisträger in seiner Dankesrede hervor: Niklas Frank, "Sohn eines Rechtsanwalts, der in Nürnberg für die Ermordung von vier Millionen Menschen, darunter achtzig Mitglieder meiner Familie, verurteilt und gehängt wurde", so Sands: "Niklas Frank hat das Schweigen gebrochen und sich mit den Verbrechen seines Vaters, seiner Familiengeschichte, der Geschichte seines Landes beschäftigt. Er ist mein Freund. Seine Anwesenheit heute sagt mehr, als irgendwelche Worte es vermöchten." Ruth, die Mutter von Philippe Sands, hat den Holocaust überlebt. Über die Familiengeschichte wurde lange Zeit geschwiegen.

Philippe Sands am Rednerpult

Philippe Sands bei seiner Dankesrede

Dankesrede des Preisträgers: "Klingt das vertraut?"

Aufschlussreich sind auch die Bücher, die den französisch-britischen Juristen geprägt haben. Dazu gehört "Geschichte eines Deutschen", Sebastian Haffners Erinnerungen an die Jahre 1914 bis 1933. Warum das Buch für ihn so wichtig ist, erläuterte Philippe Sands in seiner Rede (im Wortlaut hier nachzulesen): 

„Als Richter in der Ausbildung am Berliner Kammergericht erlebte Haffner 1933 das Versagen der Leitplanken seines Landes. Die Rechtsstaatlichkeit verschwand über Nacht. Klingt das vertraut? Ich bekunde meinen Respekt für die Anwälte und Richter in den Vereinigten Staaten und anderswo, die angesichts der Angriffe standhaft bleiben. Haffner erinnert uns daran, wozu wir fähig sind und wie leicht es sein kann. Es gibt keine bessere Schilderung. Kapitel 30 der Geschichte eines Deutschen sollte Pflichtlektüre an allen Schulen werden.“

Heute sind es für Philippe Sands die Menschen in der Ukraine, welche die Prinzipien von Nürnberg verteidigen: "Sie brauchen unsere Unterstützung und unsere Solidarität, und sie sollten sie bekommen. Ihr Kampf ist unser Kampf." Frieden, so der Preisträger, brauche Gerechtigkeit, Gerechtigkeit brauche Regeln, Regeln bräuchten das Recht: "Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv. Genau das meint das Rechtsstaatsprinzip." 

Der Bundespräsident während der Dankesrede

Der Bundespräsident während der Dankesrede. Links neben ihm: Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig

Auch diejenigen, welche die Natur zerstören, sollten zur Rechenschaft gezogen und vor ein internationales Gericht gestellt werden.

Philippe Sands in seiner Dankesrede

Nationalismen und Populismen, beklagte Sands, würden auch heute wieder Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und vieles mehr hervorbringen: "Grenzen werden verletzt, Zivilist:innen ins Visier genommen, Verbrechen begangen, Kräfte entfesselt, rechtsfreie Räume geschaffen." 

Nicht zuletzt werde auch die Natur angegriffen, wie der Klimanotstand dieses Sommers bestätigt habe. Im April nächsten Jahres will Sands deshalb den Appell "The Fifth Crime" veröffentlichen, mit dem er den vier internationalen Verbrechen beziehungsweise Völkerstraftaten ein weiteres hinzuzufügen will: den Ökozid. 

"Auch diejenigen, welche die Natur zerstören, sollten zur Rechenschaft gezogen und vor ein internationales Gericht gestellt werden. Und als wären unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die Zerstörung der Natur, die uns erhält, nicht genug, beschließen wir, eine neue Abhängigkeit zu entwickeln: von Technologien und künstlichen Intelligenzen, die uns zu vernichten drohen."

Philippe Sands am Rednerpult

Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?

Philippe Sands in seiner Dankesrede

Der erste Tag der Frankfurter Buchmesse fiel in diesem Jahr auf den 7. Oktober - an dem sich auch der schwere Hamas-Angriff auf Israel zum dritten Mal gejährt hat. Sands erinnerte in seiner Rede an dieses Verbrechen – und wiederholte in der Paulskirche, was er schon damals mit zwei britischen Kollegen in der "Financial Times" schrieb: 

  • Die Taten der Hamas auf dem Staatsgebiet Israels seien eine ungeheuerliche Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts gewesen. 
  • Wie jeder Staat habe Israel das Recht, in Selbstverteidigung zu reagieren. 
  • Dieses Recht sei nicht unbegrenzt und müsse innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden. 

An diesen drei Punkten, so betonte Sands, halte er fest - und wundere sich über das laute Schweigen aus Deutschland: "Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?"

Mit Blick auf die deutsche Geschichte räumte Sands ein, er verstehe, "dass die Identität eines Sprechers und seine frühere Handlungsweise von Bedeutung sind. Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht. Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht `Anti-Israel´. Es ist die Wahrheit."

Standing Ovations nach der Dankesrede

Standing Ovations nach der Dankesrede. Neben dem Vorsteher: Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur

Schweigen – und das Schweigen über Verbrechen – sei das, was er anfechte und worüber er schreibe, sagte Sands weiter: "Die Bücher sind eine Form von literarischer Verteidigung gegen das Schweigen. Das Schweigen der Familie. Das Schweigen von Gemeinschaften, auch von politischen und religiösen Institutionen. Das Schweigen von Ländern."

Und genau hier kommen Recht und Literatur für den Friedenspreisträger zusammen, "indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden."

Mirjam Zadoff

Laudatorin Mirjam Zadoff

Laudatio von Mirjam Zadoff: "Am Schnittpunkt von Geschichte, Moral und Politik"

Wie sehr sich Philippe Sands im Kampf gegen das Schweigen engagiert, machte seine Laudatorin Mirjam Zadoff deutlich, Historikerin und seit 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrum München: 

„Das Weltgericht und das Völkerrecht – davon ist er überzeugt – haben die Kraft, auch jahrzehntealte Konflikte zu befrieden. Aber weil er weiß, dass Gerechtigkeit auch und gerade außerhalb des Gerichtssaales verhandelt werden muss, schreibt und unterrichtet Philippe Sands, macht Filme und musikalische Performances, spricht stunden- und tagelang mit den Söhnen berüchtigter Nazis, bereist mit ihnen die Orte der Verbrechen ihrer Väter und durchquert Chile oder die Alpen auf den Spuren flüchtiger deutscher Massenmörder, die allesamt reue- und straflos verstorben sind.“

In Erzählungen verwoben schmuggele Philippe Sands diese manchmal kaum auszuhaltenden Geschichten "hinein in unsere geschützten und komfortablen Leben", so Mirjam Zadoff: "So nahe zieht er uns heran an die Mörder, dass wir uns, einem Impuls folgend, abwenden wollen."

Mirjam Zadoff und Philippe Sands

Nach der Laudatio: Philippe Sands und Mirjam Zadoff 

Das Weltgericht und das Völkerrecht – davon ist er überzeugt – haben die Kraft, auch jahrzehntealte Konflikte zu befrieden. 

Mirjam Zadoff, Laudatorin

Die Lektionen des 20. Jahrhunderts würden langsam verblassen, konstatierte Mirjam Zadoff - und der Jurist in Philippe Sands sorge sich vor einem neuen Zeitalter der Straffreiheit für politische Führer: 

"Das Völkerrecht, so wird er nicht müde zu betonen, stecke noch in seinen Anfängen. Aber als Schnittpunkt von Geschichte, Moral und Politik verkörpert es für ihn die Hoffnung, eine gemeinsame Sprache für die ganze Welt zu finden. Eine gemeinsame Sprache, aus der Erzählungen der Heilung, des Friedens und der Versöhnung entwachsen könnten. Und da ist sie wieder, die `verlorene Fähigkeit zu hoffen´."

Sebastian Guggolz am Rednerpult

Sebastian Guggolz in der Paulskirche

Die Bedeutung des Friedenspreises wächst, je unerreichbarer seine Ideale zu werden scheinen.

Sebastian Guggolz

Grußwort des Vorstehers: "Möge der Preis eine Ermutigung sein"

Dass der Börsenverein den Friedenspreis in den aktuellen Zeiten "noch entschiedener" verleihe, machte Vorsteher Sebastian Guggolz in seinem Grußwort deutlich: "Seine Bedeutung wächst, je unerreichbarer seine Ideale zu werden scheinen." 

Ein Gegengewicht bilde der Friedenspreis auch zur nervösen Zuspitzung der Debatten: Polemische Schlagworte und einfache Antworten seien hier nicht zu erwarten, machte Guggolz deutlich – dafür Empathie, Nachdenklichkeit, Orientierung, Verständnis und Expertise: Mit diesen Werten lässt sich der Komplexität der Welt begegnen: Es sind die Werte der Literatur, es sind die Werte des Friedenspreises." 

Zum Schluss gab der Vorsteher dem Preisträger noch einen Wunsch mit auf den Weg: "Möge dieser Friedenspreis, lieber Philippe Sands, eine Ermutigung sein, dass Sie sich vom unermüdlichen Ringen und dem unerschütterlichen Engagement für eine größere moralische und juristische Idee nicht abbringen lassen, sondern sich im Gegenteil darin unterstützt und bestätigt sehen. Dann hat dieser Friedenspreis seinen Sinn erfüllt."